Donnerstag, 27.07.2017
Ein Rundgang über den 17. Comic-Salon in Erlangen

48 Stunden Provinz

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Karneval der Cosplayer (Photo: Christian Meyer)

Durch Erlangen laufen, ist wie eine surreale Jungsfantasie: Es fühlt sich an, als würde man durch die Eisenbahnanlage der eigenen Kindheit laufen. Hier gibt es einen Bahnhof mit Vorplatz, einen Marktplatz, ein Schloss mit Schlosspark und unzählige Stadthäuser – aber alles erscheint wie im Miniaturformat. Eine Idylle, die man durchaus genießen kann.

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Comic-Schaufenster: Und alle machen mit. (Photo: Christian Meyer)

Irritation stellt sich erst ein, wenn man die Straßenbeflaggung mit Comicmotiven, Kaufhausschaufenster mit Comic-Deko und unzählige Menschen mit Comic-Shirts sieht. Und dann sind da noch die ganzen Freaks. Nicht Punks, Emos oder Skins, sondern Cosplayer, die es vorziehen, sich als Charakter aus einem Manga, als Superheld oder Lucky Luke zu verkleiden. Man kommt sich vor wie in Dylan Horrocks’ Comic „Hicksville“, wo in einer Kleinstadt jeder einzelne Bewohner ein Comicfan ist. Noch so eine Jungsfantasie. Und was für eine Oase in einem Land, in dem das Lesen von Comics nur wenig mehr Distinktionsgewinn bringt als das Durchblättern der Bravo.

Auf der Messe relativiert sich der erste Eindruck: Hier findet man durchaus normal gekleidete Menschen an den Ständen der Großverlage Carlsen, Egmont, Panini und Splitter, der großen Kleinen Reprodukt, Schreiber & Leser, Edition Moderne und Avant Verlag und den ambitionierten Kleinverlagen Ja Ja, Rotopol, Zwerchfell und nicht zu vergessen der spannenden Stände der Hochschulen. Einige von ihnen sitzen mit großer Ausdauer stundenlang am Signiertisch und zeichnen Widmungen in ihre neuesten Veröffentlichungen. Viele andere stehen mit Engelsgeduld in der Schlange davor. Nur vor zwei Jahren ist es bei der Signierstunde von Jacques Tardi am Stand der Edition Moderne wohl zu einem kleinen Tumult gekommen. In diesem Jahr sitzt hier unter anderem Birgit Weyhe mit ihrem neuen Album „Madgermanes“ über die Ausbeutung afrikanischer Arbeiter in der DDR (avant verlag). Später wird sie den Max-und-Moritz-Preis für den besten deutschsprachigen Comic erhalten – aber das weiß sie noch nicht.

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Der Franzose Cyril Pedrosa und der Italiener Igort signieren bei Reprodukt (Photo: Christian Meyer)

Als Barbara Yelin hingegen am daraufolgenden Tag bei Reprodukt ihre kiloschwere Geschichte „Irmina“ (Reprodukt) signiert, weiß sie, dass sie den Preis nicht erhalten hat, obwohl sie als Favouritin galt. „Irmina“ erzählt die Geschichte ihre Großmutter, die als junge Frau im England der 30er Jahre mit einem Schwarzen liiert ist, nach ihrer Rückkehr nach Deutschland aber schnell zum strammen Nazi wird, Die Jury hat sich darauf geeinigt, ihr lieber eine Auszeichnung als beste deutschsprachige Comic-Künstlerin zu geben. Damit wird sie leben können. Sowieso ist der überschaubaren Szene Konkurrenzdenken weitgehend fremd. Man gönnt den Anderen Erfolg und unterstützt sich gegenseitig.

Die Liste der prämierten Künstlerinnen ist damit aber noch lange nicht zu Ende. Was einst als Männerdomäne galt, lebt längst vom großartigen Input der vielen Künstlerinnen. Der Publikumspreis (Mikiko Ponczeck für „Crash ‘n’ Burn“, Tokyopop), der beste Comic Strip (der Webcomic www.das-hochhaus.de von Katharina Greve), der beste internationale Comic („Ein Sommer am Meer“ von Mariko Tamaki und Jillian Tamaki, Reprodukt) und nicht zuletzt der Sonderpreis für ein herausragendes Lebenswerk an Claire Bretécher – unter vorgehaltener Hand wurde bereits über eine Männerquote nachgedacht. Soviel zum Thema Jungsfantasie …

Neben dem Messebereich finden im Rathaus auch zahlreiche Podiumsdiskussionen statt – zu einzelnen Künstlern oder auch zur türkischen Comiclandschaft, indischen Zeichnerinnen, französischer Satire oder der neuen Generation flämischer und niederländischer Zeichner. Letztere haben eigens ein Atelier aufgebaut: Unter der Leitung von Altmeister Joost Swarte produzieren Brecht Evans, Ben Gijsemans, Olivier Schrauwen, Simon Spruyt und andere täglich eine Ausgabe des nur für den Comic-Salon konzipierten Magazins „Parade“ – von der ersten Zeichnung über den Druck bis zur freundlichen Übergabe: „Dies ist ein wertvolles Produkt – deswegen verschenken wir es“ ist auf der ersten Seite zu lesen. Die Produktion kann an allen vier Tagen im offenen Atelier mitverfolgt werden. 500 Stück werden täglich gedruckt – was weg ist, ist weg.

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Parade Druck: Gleich ist Parade #3 fertig (Photo: Christian Meyer)

Wenn man die im Rathaus untergebrachte Messehalle verlässt und den Verlagsständen und Podiumsdiskussionen den Rücken kehrt, kann man in den niedlichen Altstadthäusern Erlangens eine ganze Reihe von Ausstellungen erkunden, die den Rahmen des Comics sprengen. Die türkische Künstlerin Ceren Oykut verarbeitet in ihren kleinteiligen, akribisch gezeichneten Arbeiten, die wie Wimmelbilder aussehen, Erinnerung an Erfahrungen von Gentrifizierung und verbindet sie mit Bildern der türkischen Gegenwart und fantastischen Elementen.
Tobi Dahmen, der während der Preisverleihung zu einigen Mod-Moves auf der Bühne genötigt wurde, bei den Preisen dann aber doch leer ausging, präsentiert in einer Ausstellung Originale aus seinem autobiografischen Wälzer „Fahrradmod“ über seine jugendliche Leidenschaft zur Modkultur in der Provinz (Carlsen).
Das Duo Ruppert & Mulot hat mit dem „kleinen trunkenen Theater“ die abgründigen Fantasien aus ihren Alben in Bewegung gesetzt – mittels rotierender Bildertrommeln oder auch Plattenspielern, auf deren Tellern Papierfiguren fixiert sind. Ein kleines Abenteuer verspricht auch ein pinker Container auf dem Schlossplatz.

„Kinky & Cosy“ von Nix gibt es als Comic-Strips, als Animationsfilmchen und in Erlangen jetzt auch als Erfahrung der besonderen Art: Die „Kinky & Cosy Experience“ unterzieht ihre Besucher einer Gehirnwäsche, um sie schließlich zum Dauerglotzer zu degenerieren. Berieselt wird man nach erfolgreicher Gehirnwäsche natürlich mit den schwarzhumorigen „Kinky & Cosy“-Filmen. Die laufen auch im filmischen Rahmenprogramm des Comic-Salons als Vorfilme. Der in Berlin lebende Schwede Max Andersson zeigt seinen Dokumentarfilm „Tito on Ice“. Für eine Ausstellung zu ihrem Comic „Bosnien flat Dog“ fahren er und sein Kollege Lars Sjunnesson 2003 mit einer Tito-Mumie quer durch das Land und erkunden die Nachkriegsstimmung unter den Künstlern. Fehlendes Filmmaterial hat Andersson in jahrelanger Arbeit mit Sequenzen aus Pappmaché ergänzt. Zwischen Schuss und Gegenschuss wechselt die Doku das Material von Realfilm zu trashigen Papier-Szenerien.

Fehlt noch ein Besuch im Place-to-be des Erlangender Nachtlebens: der überquellenden Künstlerkneipe Gummi Wörner. Die davor herumstehende Traube von Comic-Aficionados verursacht auf der kleinen Hauptstraße Erlangens beinahe ein Verkehrschaos. Das Festival geht noch einen Tag weiter, doch der Autor muss leider zurück in die Großstadt. Die vierte Ausgabe der „Parade“ wird wohl für immer eine schmerzliche Lücke in meiner Comicsammlung bleiben.

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Festival der Kuscheltiere (Photo: Christian Meyer)

 

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