Dienstag, 12.12.2017
Hüfte

Was macht Elvis eigentlich heute?

13. Oktober 2017,

Kaput-Autor Rinko Heidrich trägt pechschwarze Haare und bewegt seine Hüften wie wildes Tier. Dennoch konnte er mit Elvis Presley, dem Justin Bieber unserer Großeltern, nie viel anfangen. Doch gerade deshalb hat er sich jetzt auf seine Spuren geheftet. Der Musiker Lee Buddah war sein Geleitschutz.

“Hey, kleiner Freund! Bist du auch bereit für den King?”, sprach mich ein Elvis-Imitator im Saturn an und stellte sich den Kragen seines weißen Lederkostüms hoch. Ich weiß nicht mehr den genauen Wortlaut, den ich als Antwort in den zarten Pflaum eines adoleszenten Jung-Zwanzigers brummelte, aber respektvolle Nettigkeiten waren nicht dabei. Es war 2002, die Zeit des niederländischen Musikproduzenten Junkie XL und seines nervtötenden Covers von  “A Little Less Conversation”. Eine uninspirierte Big-Beat-Nummer, die zu jeder Uhrzeit auf MTV oder im Radio lief und der Elvis-Best-Of-Compilation “30 No.1 Hits” noch einmal einen Schub für die Charts geben sollte.

Elvis. Der Typ, der fett und aufgeschwemmt auf dem Klo gefunden wurde und zu dem White-Trash-Amerikaner nach Memphis pilgern? Den erst die Punks und später auch die schwarzen Rapper mit Spott bedachten? Diese biedere und schmalzige Musik für Rentner also. Ich wollte damals meine eigene neue, aufregende Musik entdecken und nicht die der Generation meiner Eltern. Eine Einstellung, die ich mit den Punks der 70er teilte. Das Buch “Elvis has left the building” von Dylan Thomas beschreibt sehr gut diesen Moment, als die Rock’n’Roll-Ikone starb und das endgültige Ende der alten Rock-Musik gefeiert wurde: “To me he was a fancy dress staple, a soporific crooner, the music of TV toilet cleaner commercials…” und waren es nicht The Clash, die als Parole “No Elvis, Beatles or Rolling Stones in 1977” ausgaben? Doch Obacht, der Satz von Thomas endet mit “…how little I knew”.

Die Musik der alten Götter in Grund und Boden zu stampfen, war zumindest bis zur Retromania das Vorrecht der Jungen; den Einfluss zu respektieren, kam meist später. Schaut man sich die Zeit an, in der Elvis groß wurde, sollte man jedenfalls doch erschreckend viele Parallelen zur eigenen Jugend erkennen, fast schon eine Vorahnung von Punk. Aufbegehren gegen das reiche Establishment, Verwüstung von Konzertsälen, eigene Mode und Codes, die alte Menschen nicht mehr verstanden. Sie beäugten diese Rebellion mit großem Unverständnis. “I had never seen anyone put on a show like that …it was just shocking…he looked like a real street kid…that show really changed my life…I was overwhelmed by Elvis, I was overwhelmed by the musicians. I could feel the playing”, gibt New-York-Dolls-Drummer Jerry Nolan in seiner Biografie “Please Kill Me” zu Protokoll. So weit voneinander entfernt waren also die zwei vermeintlich verfeindeten Lager gar nicht.

Philip Stegers, den ich als Viva-II-Kid noch als Lee Buddah kannte und der mittlerweile Filmmusik komponiert und Hörspiele für den WDR schreibt, soll mein Elvis-Begleiter in den Untergrund sein und pures Journo-Gold nach oben befördern. Es riecht nach der Entdeckung von Indie-Elvis…

Ich war in den 90ern eher Punk-orientiert und habe dich als “indie” wahrgenommen. Bei Songs wie “Novemberhände” denke ich jedenfalls nicht an Elvis – aber du bist großer Fan. Wie kam es dazu?
Philip Stegers: Ich habe als Kind bei Oma und Opa Sonntag nachmittags immer Elvis-Filme geschaut. Die mochte ich nicht mal besonders gerne wegen der vielen Schnulzen. Aber es gab immer ein paar Songs, die ich super fand –  „Mystery Train“, „Devil In Disguise“,  „In The Ghetto“, „Jailhouse Rock“, „Always On My Mind“. Elvis lief so nebenher in meiner Jugend. Ich war Jimi-Hendrix-Fan, aber als dessen Bio- und Diskografie durchgekaut war, bin ich schleichend zu Elvis übergewechselt. Da gab es deutlich mehr Musik und viel bessere und trashigere Devotionalien, die man sammeln konnte. Ich habe mich dann dank der “Elvis Masters”-CD-Boxsets Mitte der 90er einmal quer durch sein Gesamtwerk gehört und festgestellt, dass es da viele tolle und für mich unentdeckte Songs gibt.

Du hast in einem Artikel für die KinderZEIT die Rebellion beschrieben, die von Jugendkulturen ausging – also auch von jener der 50er. Kannst Du einem Indie-Mag, das sich sicherlich an der nicht gerade feministischen Haltung und dem Hedonismus stören wird, den King näher bringen?
Kann ich leider nicht. Ich bin auch von Haus aus nicht so sehr an popjournalistischen Diskursen über Musik interessiert. Dieses soziokulturelle Eingeordne und Zensieren, was man gut finden darf und was nicht, und wie was zu bewerten ist, fand ich immer doof. Das ist doch das Tolle an Musik, dass ich nichts darüber wissen muss, um ein Lied oder einen Künstler gut zu finden. Abgesehen davon: Elvis war ein notorischer Fremdgänger, ein Waffennarr, ein Macho, ein Choleriker, ein Redneck und vermutlich auch nicht die hellste Kerze auf der Torte. Aber das zählt für mich alles nicht, wenn es um seine Musik geht. Da ist er der King. So einen wie ihn wird es nie mehr geben.

Johnny Cash konnte sich noch im Alter rehabilitieren, ihm wurde ein Film gewidmet und er gilt gemeinhin als “cooler” Anti-Held. Warum ist das Elvis, einem seiner ganz großen Vorbilder, nicht vergönnt gewesen?
Weil er zu früh gestorben ist und sich aus seinem Sumpf nicht mehr befreien konnte. Johnny Cash war ja auch ziemlich abgehalftert, bevor er sich noch mal neu erfinden konnte. Elvis war stark übergewichtig, völlig verdrogt und ist vor Hausfrauen aufgetreten als er starb, da fehlt dramaturgisch der dritte Akt. Abgesehen davon glaube ich, dass Elvis dieses Antihelden-Ding überhaupt nicht in sich trug. Er war viel zu brav und reaktionär, um sich an Institutionen abzuarbeiten. Er war ja auch kein Rebell von Haus aus, mal abgesehen von der Optik, dem Hüftschwung und der wilden Musik am Anfang seiner Karriere. Das Rebellische ist spätestens mit der Armeezeit vorbei. 1970 ist er stoned von seinen Medikamenten bei Richard Nixon im Weißen Haus aufgelaufen, um von ihm eine Polizeimarke für seine Sammlung zu kriegen, und um als Undercover-Agent gegen Drogenmissbrauch und die Verwahrlosung der Jugend zu arbeiten. Das ist so eine Miniatur, die für mich sehr viel über ihn sagt. Er hatte auch nicht die Songs, die ein cooleres Image hätten transportieren können. Das lag wiederum auch an seinem Management. Es gab nur wenige richtig gute Songwriter, die für Elvis exklusive Songs geschrieben haben. Es gibt Top-Singles, aber gute Alben sind rar.

Der Ansatz, Elvis auf Biegen und Brechen cool zu machen, klappt also nicht. Er wollte es selber nicht, seinem Untergang in seinen späten Jahren fehlt dazu die Wendung, “der dritte Akt”, wie Phillip es formuliert hat. Er findet also auch nicht mehr in diesem Artikel statt, sondern in den Köpfen der Hater, Fans und Kritiker. Es enstehen lustige Imaginationen wie “Was wäre, wenn Elvis sich dem Punk zugewandt hätte?!. Der schwule mexikanische Künstler El Vez lässt den King gar als Latino-Punk-Elvis auferstehen, der “God Save The King” verkündet.

 

Und in der Schweiz hat sich eine Rebel Youth gegründet, die den Look in eine eigene Subkultur überführt hat. 1977, als Presley starb, trat Andy Kaufmann in der Carson-Show als Imitator auf. Der Anarcho- und Impro-Comedian, der sonst sein konservatives Publikum gerne verwirrte, zeigte eine Show, die für seine Verhältnisse wenig Meta-Ironie enthielt, sondern eine erschreckend gute Hommage, die er zwei Jahre in einer Weihnacts-Show von Johnny Cash später wiederholte. Das Original, so behauptete Cash, liebte die Imitation von Kaufmann am meisten. Der König ist tot, der Privatmensch gescheitert, der Mythos lebt.

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