Donnerstag, 26.04.2018
Mark E. Smith – Ein Nachruf

Mark E. Smith – DKTR.Faustus

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Mark E. Smith by Katja Ruge

Ich habe The Fall zum ersten Mal 1987 im „Aktionszentrum“ in Lippstadt gehört. Da ging man nicht hin als bürgerlich behütetes Kind, da waren die Drogentypen und Spinner und Problemfälle. Wenn nicht noch schlimmer. Ich war ein bürgerlich behütetes Kind in der späten Pubertät aber eben auch ein Spinner. Das Aktionszentrum war der einzige Ort an dem das vollkommen ok war damals. Eltern in Tränen, Kind auf Abwegen, so war das.

Wenn man dort hinter der Theke im Café arbeitete, durfte man eigene Mixtapes einlegen und Coolness damit beweisen. Und so geschah es damals: Der coolste und geheimnisvollste Typ hatte Thekendienst. Und er brachte The Fall mit. Die „Bend Sinister“ klang aus den Boxen dieses bedenklichen Ortes und veränderte mich für immer.

Bedrohlich und anziehend, das war es, was da aus den Boxen drang und was The Fall und Mark E. Smith für mich immer ausgemacht hat. Es ging eine messerscharfe Aggressivität und Gefahr von den fast schon militärischen Rhythmen und minimalen Arrangements aus, von der Repetition und den schnodderigen und dann wieder schneidenden Stimmen von Mark E. Smith und Brix. Mit jedem Song stieg ich aufgeregt eine gefährlich steile Treppe hinab in die Tiefen von etwas, was ich nicht entziffern konnte, was aber mit jeder Stufe mehr ein labyrinthischer Ort zu sein schien, der immer komplexer und aufregender wurde, je tiefer man sich in ihm verirrte. Ich war ab diesem Tag für immer Fan.

Ganz wie auf der 1925 entstandenen Harry Clarke Zeichnung von Mephisto auf dem Innencover von „Bend Sinister“ blickten aus der Musik seltsame Gestalten trotzig in die brave Welt, mit einem Blick, den man wie ich herausgefunden habe Death Glare nennt, einem Blick der sagt: „Alter! Ok, du hast mich gefangen genommen, aber ich habe in meinem Leben übelste Scheiße gesehen und ich beuge mich nicht vor dir. Selbst in Ketten, selbst auf dem Richtblock. (P.S.: Vielleicht bin ich auch von Dämonen besessen, du solltest vorsichtig sein.)“
Das ist eine ganz besondere Energie, man kann sie nicht kaufen oder sie sich wie ein Style anziehen, denn sie gehört nur den feinsten unangepassten Menschen, und einer davon war ohne jeden Zweifel Mark E. Smith. Doktor Faustus. Vielleicht besessen, auf jeden Fall gefährlich und ungebrochen bis zum Schluss.

Und das meine ich so: Natürlich haben ihm Alkohol und Drogen offenkundig dramatisch zugesetzt, und natürlich erschien er im Laufe der Jahre immer krummer, kaputter, zahnloser und bröseliger, aber er war inmitten dieses körperlichen Verfalls irgendwie unbeirrt weiter da. Mit neuer Musik, mit neuer Band, mit neuen Spott und Hohn für uns armselige Angst-Sklaven. Wenn jemand Scheiß gebaut hat, hat er ihm den Kopf abgebissen oder mit Flaschen geworfen. Jetzt ist er tot und ich habe wirklich Angst, dass jetzt vielleicht wirklich niemand mehr existiert, der umzingelt von der nervtötendsten aalglatten Gegenwart eine Gegenwelt behauptet und ausbaut in so einer saucoolen Art wie Mark E. Smith es bis zum Schluss getan hat.

Ich habe jetzt oft gelesen, Mark E. Smith hätte in den hunderten von Songs, die mit The Fall entstanden sind seine Texte über einen eigentlich immer-gleichen rhythmischen Klangwust nörgelnd und nölend ausgespuckt und ansonsten mit Inbrunst alles gehasst, was nicht bei drei auf den Bäumen ist – hier jetzt Aufzählung gefeuerter Bandmitglieder und mit Bier übergossener Leute einfügen. Ich habe, nachdem ich vom Tod Mark E. Smiths gehört habe eine Playlist mit meinen Lieblingsstücken von The Fall angelegt und höre die jetzt grade ununterbrochen. Es sind 124 Stücke und ich habe keinesfalls den Eindruck von Gleichförmigkeit. Ganz im Gegenteil.

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Mark E. Smith by Katja Ruge

Mark E. Smith nölte nicht nur, er sang ganz schön oft, manchmal sogar richtig anrührend („Bill is dead“, 1990) kiekste, kreischte, brummelte, begleitete sich selbst in Overdubs und formulierte oft in einem sehr gut verständlichen Sprechgesang sehr sehr klar Sätze und Wörter die einem wie kalte Geister um die Ohren zischen. Sogar im Falsett hat er gesungen („An older lover etc“,1982).
Und liegt auch vielen The Fall-Songs tatsächlich erst einmal eine scheinbar einfache Struktur aus zwei oder drei hypnotischen Melodie-Miniaturen und einem archaisch treibendem Rhythmus zugrunde, so wurde eben diese Struktur auch genau so oft aufgelöst, zerbröselt, neu zusammengesetzt oder einfach für einen total catchy Pop-Hook unterbrochen. Es gibt Fall-Balladen, seltsame Field-Recordings, weiblichen Gesang, Saxophone, Chöre, Walkman-Aufnahmen, Megaphone, Einspielungen und immer wieder ziemlich wilde Vermischungen von all dem.

Und für jeden zehnten gefeuerten Musiker gab es eben auch eine unfassbar gute Zusammenarbeit.
All die sehr sehr künstlerischen Seltsamkeiten und Ausflügen in Literatur, Ballet und Film die Mark E. Smith in all den Jahren unternommen hat, schufen eine immer weiter auswuchernde Welt voller literarischer und künstlerischer Geniestreiche. Wer Mark E. Smith auf einen betrunkenen „Lad“ und schlecht gelauntes Nölen reduziert, darf leider zur Strafe ab jetzt nur noch Sleaford Mods oder Pete Doherty hören.
Denn: Mark E. Smith´s oft zitiertes Manchester-Working-Class-Ethos wird im Gegensatz zum Output seiner ebenfalls nölenden Kollegen beständig von ziemlich guten Zitaten aus bildender Kunst und literarischer Hochkultur durchzogen. Allein der Bandname ist ja schon ein Albert Camus Zitat, der Titel „Bend Sinister“ stammt von Vladimir Nabokov, Smith´s eigene Texte sind in sich selbst sowieso zeitgenössische Lyrik.

Wyndham Lewis war eins seiner Idole. William Blake wird fürs Ballett vertont. Kein Problem. Kunst war immer irgendwie da. Künstler lieben The Fall. Stets mehr als die Summe ihrer Teile waren Mark E. Smith´s Texte stachelige poetische rätselhafte exzentrische Gebilde, so wie The Fall-Videos Ausflüge in eine ganz andere ebenfalls durchaus seltsame Welt boten. Ich hatte die Videos wirklich damals als VHS-Kassette gekauft und war total verwirrt von Leigh Bowery. Ich wusste nicht, wer das ist. Es gab ja kein Internet und ich sass immer noch in der westfälischen Provinz. Vorm Videorecorder. Gebannt. Was machte diese wahnsinnige massige extrem tuntige Figur da, von oben bis unten mit Polkadots überzogen und mit einem luziden Grinsen im Gesicht? Genau das ist es, was für immer und ewig so besonders gut an all dem ist. Eben das. Eben Leigh Bowery zum Beispiel.

Mark E. Smith war vielleicht gar nicht so extrem herrschsüchtig wie es gesagt wird. Es gibt über die Jahre so viele wichtige Einflüsse, so zum Beispiel die von Langweilern gern mal völlig zu Unrecht gehasste Brix Smith, die die Richtung von The Fall maßgeblich dynamisierte und prägend veränderte. Steve Hanley, der für so viele Melodieläufe verantwortlich zeichnete, Coldcut und später Mouse on Mars wären zu nennen, und natürlich Michael Clark und Leigh Bowery, die als offen schwule Künstler mit derselben Kraft und Wut wie Mark E. Smith eine seltsame neue Schönheit erfanden.

Diese seltsame Schönheit erreichte ihren Höhepunkt vielleicht in dem 1988 uraufgeführten Ballett „I am Curious, Orange“, der Michael Clark Company. Mit im Boot (und auf der Bühne): Leigh Bowery und The Fall. Und all das nicht aus irgendwelchen Überlegungen, Strategien und was weiß ich für einem taktischen Karrieredenken, sondern weil es damals eben wohl einfach gut war, weil Mark E. Smith wahrscheinlich feixend einen Höllenspaß dran hatte, dass man auf der Bühne Michael Clarks nackten Arsch sehen konnte und jemand das ärgern könnte. Weil Leigh Bowery genau so gefährlich war wie er selbst. Ganz anders in den Vorzeichen, mit unfassbaren Kostümen, SM-Sex und groteskem MakeUp, feinsten Manieren und zugleich offensivst grenzzerstörender Sexualität, aber vielleicht eben genau so wenig einverstanden mit der normalen Welt wie Mark E. Smith in seiner Bundfaltenhose und dem stets korrekt darin steckendem Hemd.

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Mark E Smith by Katja Ruge

Ich möchte da kurz verharren, denn ich wiederum ärgere mich bis heute jeden Tag ganz und gar nicht über Michael Clarks nackten Arsch, sondern darüber, dass ich damals nicht nach London gefahren bin, um „I am Curious, Orange“ anzuschauen. Ich war ein bisschen zu jung und ein bisschen zu ängstlich und so sehr mich die Anzeigen in der Spex damals elektrisiert haben, so sehr hat der Mut damals nicht gereicht. Oh wäre ich doch!
Bis heute kann alles andere gegen die paar youtube-Schnipsel einpacken, die es von Curious Orange und den von Charles Atlas gefilmten Choreographien Michael Clark´s zu einigen Fall Songs gibt. Man sieht das und hat den Mund offenstehen. So gut ist es. Das ist kein „kurzer Ausflug ins Ballett“ sondern the real shit. Wenn man Mark E. Smith mit diesmal schwarzem Hemd in schwarzer Hose zwischen Michael Clark im Jeansanzug auf Krücken tanzend und seiner Kompanie in den unfassbaren orangefarbenen mit riesigen Pailletten besetzten Leigh-Bowery-Kostümen „Big new Prince“ singen sieht, im Hintergrund Brix und die Band, alle hochkonzentriert, total im Flow und irgendwie absolut richtig auf dieser Bühne, dann weiß man, dass diese Auftritte wahrscheinlich zum Besten gehören, was Kunst hervorbringen kann. Und zwar bis heute. Ich gebe ein Königreich und ein Pferd für eine Videoaufzeichnung des kompletten Abends. Ich werde nie aufhören, danach zu suchen!

The Fall war in dieser Zeit oft mehr als Musik, 1986 hat Mark E. Smith „Hey Luciani“ geschrieben, ein Theaterstück über Papst Johannes Paul I.. Er spielte gemeinsam mit Brix in „Hail the new Puritan“ (auch Charles Atlas/ Michael Clark) zwei von Zigarettenrauch umhüllte spitzfindige Talkshow-Profis und las H.P.Lovecraft oder die Sportergebnisse im Fernsehen. Und in all dem war er eben doch Working Class und Punk genug, um nicht wie im Fall von zum Beispiel Sonic Youth (natürlich und offenkundig auch Fans und Schüler von The Fall) letzten Endes dann doch ein superslicker sehr sehr cleverer bildender Künstler zu werden und dann vielleicht auch noch Kurator (siehe: Kim Gordon).

Das Problem am Anti-Elitären ist dann leider eben immer wieder Geldmangel und Ausschluss. Das nervige Erlebnis „Leute an sich vorbeiziehen sehen“ immer und immer wieder aufrecht und mit Stil durchzuhalten ist wirklich beeindruckend, und ich sage diesbezüglich nur nochmal „Death Glare.“
Je älter er wurde, desto mehr schien er dieser sardonische krumme zerfurchte Mann zu werden, an dem viele viele Leute in Richtung große Karriere vorbeigezogen sind. Zurück bleibt einer, der halt für immer und ewig nun im Pub säuft bis zum Umfallen und dabei so undeutlich seine Boshaftigkeiten nuschelt, dass keiner sie versteht. Vor dessen Wut man ein bisschen Angst hat, wenn man weiß wer das ist, und den man nicht mehr ernst nimmt, wenn man irgendwann nicht mehr so genau hinschaut. Ein durch Dauerkonsum von Drogen und Alkohol körperlich zerstörter Mensch  – das war eigentlich so ab dem Jahr 2010 das Bild von Mark E. Smith. Kunst und Exzentrik wurden weniger, die Musik blieb. Und blieb richtig gut. Bis zum Schluss.

Man kann jetzt ausgiebig darüber streiten, ob das alles ein ehrlicheres, aufrichtigeres Leben und Arbeiten ist als eines, welches sich den schmierigen Gegebenheiten aalglatt ergibt. Wahrscheinlich ist das müßig, doch man kann zumindest feststellen, dass so ein sperriger Weg immer seltener gegangen wird, oder aber einfach keine Beachtung mehr findet. Man kann herrlich von „Arm aber Sexy“ reden, aber sowas wirklich aufrecht durchzuhalten, das ist rar. Immer rarer. Super-Rar.
Ich betrachte jedenfalls im Moment oft ein altes Foto von Mark E. Smith mit Michael Clark neben ihm, der darauf ein T-Shirt trägt auf dem in einer Kindershirt-Schrift steht: „Don´t let the bastards get you down.“ Und das hat Mark E. Smith bis zuletzt geschafft, die Bastards haben ihn nicht runtermachen können. Er war da, bis zum Schluss als Mastermind seiner Erfindung und hat jedem den Kopf abgebissen, der ihn liebt und nervt. Ich danke ihm dafür. Mit eingezogenem Kopf. Man weiß ja nie..
Claus Richter

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