Samstag, 18.11.2017
Tired Eyes Kingdom – Talking "Edge"

“Sobald wir zusammen in einem Raum sind, kommt nichts zwischen uns und unsere Musik.”

tired_eyes_kingdomElif Dikec, Isabelle Pabst, Yotam Schlezinger und Felix Nisblé sind eine Gang aus Freund_innen, wie man sie nicht oft findet: tight beieinander stehend und doch in stetem kritischen Austausch. Und sie sind wohl genau deswegen Tired Eyes Kingdom, eine noch relativ junge Band, der man im positivsten aller Sinne den Findungsprozess anmerkt. Es ist ein Privileg für uns Hörer_innen, so intim teilzunehmen bei der Suche dieser vier Künstler_innen nach den richtigen Tönen, Wörtern und Bildern in dieser so oft falsch anmutenden Welt um uns herum.

Ein Gespräch über ihre Debüt-Ep “Tired Eyes Kingdom” sowie die Videoclips zu den Songs „Will“ und „Edge“.
 

Ich würde mich zunächst für die Interpretation des Songtextes zu „Edge“ von jedem von euch vieren interessieren. In maximal zwei Sätzen.
Isabelle: Je nachdem in welchem Moment ich die Lyrics betrachte, verändern sie ihre Bedeutung für mich. Auch das Video ist eine solche Momentaufnahme. Was aber immer mit drin ist: Dass man durch sein Gegenüber oftmals die eigenen Schatten findet.
Elif: Für mich handeln die Lyrics von “Edge” vor allem von einer Frau, die sich nach Offenheit sehnt und die realisiert, dass es kein Weltuntergang ist, wenn sie offen über ihre Gefühle spricht.
Yotam: Ehrlich gesagt denke ich nicht viel über die Lyrics nach. Für mich geht es mehr um das Gefühl und die Reise, auf die sie mich mitnehmen. Außer bei Künstlern wie Colonel Oberst oder Bob Dylan, wo es eine klare Story gibt, lass ich mich in Songs lieber von dem Gefühl der Lyrics mitreißen. Elif und Isabelle hassen mich dafür, aber zum Glück hassen sie mich für so viele Sachen, da rückt das Thema ein bisschen in den Hintergrund.
Felix: Für mich gibt es auch keine feste Interpretation des Textes. Als Producer und Beatmaker höre ich die Lyrics zunächst immer als ein Instrument innerhalb des Songs. Ich hab aber in allen unseren Songs Lieblingszeilen die mein Gefühl für den Song am besten ausdrücken.

Wie hat man sich denn die Ideenfindung für den Clip zu „Edge“ vorzustellen? Handelt es sich dabei quasi um die Visualisierung des Konsens dessen, was für euch individuell das Gefühl am Abgrund zu stehen bedeutet? Oder hat sich da die/der Songwriterin durchgesetzt Oder war das gar die Idee des Regisseurs Alexander Ritter?
Yotam: Das meiste stammt von Alex. Wir hatten ziemlich viel Drama bei der Produktion des Clips, mussten unter anderem das ganze Produktionsteam eine Woche vor dem eigentlichen Drehtermin wechseln. Davon abgesehen gab es eigentlich nur ein paar grobe Richtlinien – wir wollten selbst nicht in dem Video mitspielen, wir wollten Lise Wolle als Hauptdarstellerin und irgendwas Unheimliches für den Vibe.
Isabelle: Genau, unsere Wünsche waren hauptsächlich: dunkel, ungesunder Magnetismus/giftige Beziehung und Lise Wolle. Alleine Lise in der Hauptrolle ist schon „kante“. Das Konzept haben Alex und Lise entwickelt, am Set hat Alex dann unglaublich musikalisch gearbeitet.

Man muss nicht die Credits zum Clip lesen, um zu erahnen, dass eine amtliche Produktionscrew hinter dem Clip steht. Wie viele Tage habt ihr denn daran gedreht? Und wollt ihr das Budget verraten?
Isabelle: Wir hatten insgesamt zwei ziemlich lange Drehtage. Zum Glück waren alle Beteiligten verliebt in die Musik und haben das aus purer Leidenschaft zu ihrem Beruf gemacht. Wir sind sehr sehr dankbar so talentierte und motivierte Leute mit an Bord gehabt zu haben. Zahlen mussten wir lediglich für das Equipment, so haben sich die Kosten in Grenzen gehalten.
Elif: Es war auch wieder Lise, die das ganze Team zusammengetrommelt hat. Sie hat ja für den Clip neben der Hauptrolle auch fast als alleinige Produzentin mitgewirkt. Wir haben ziemlich Glück gehabt mit dem Team und sind total dankbar, dass alle voll und Ganz hinter der Sache standen.

Wir müssen natürlich noch über das „Ultra Surf“ Shirt reden, das im Clip zu sehen ist – wessen Idee war das denn? Und könnte diese Person das bitte erläutern?
Isabelle: Dieses Detail war Alex’ Idee. Sein Plan ist wohl aufgegangen, Genaueres wollen wir aber nicht auflösen.
Felix: Über das Shirt weiß ich nichts, aber ich hab eine der Badehosen abgestaubt, , da ich gerade eine neue brauchte.
Elif: Lise sieht einfach in allem gut aus – das ist die Story hier.

Im Gegensatz zum eher atmosphärischen Clip zu „Will“, ist „Edge“ geradezu über-narrativ. Im ersten Moment war ich ziemlich überrascht über diese direkte Ansprache, da für mich Tired Eyes Kingdom willentlich viel unschärfer angelegt ist. Beim wiederholten Sehen mochte ich aber sehr, dass das Video geradezu konträr agiert und die Intensität des Songs sozusagen spiegelt. Ist das eine Interpretation, die ihr so unterschreiben würdet?
Isabelle: Das unterschreiben wir genau so. Die Videos spiegeln die Songs wieder. In “Will” sind auch die Lyrics offener. Da kann es sich um alles mögliche handeln. “Edge” gibt da etwas mehr vor.
Felix: Du hast recht, die Videos sind ziemlich unterschiedlich. Mich stört das aber nicht wirklich, da es jeweils zu den Songs passt. Vielleicht müssen wir da als relativ junge Band unseren Stil auch einfach noch ein bisschen finden.
Elif: Das “Will”-Video hat sehr viel Mut gefordert. Oder besser irgendwas zwischen Mut und Dummheit, denn die Version des Songs ist eine Live Aufnahme von unserem zweiten Gig und entsprechend voll von Fehlern, aber irgendwie eben auch schön. Zum Glück haben sich Stefanie Grawe and Michael Möckel bereit erklärt mit uns zu arbeiten und haben uns ihre wunderschöne Interpretation des Songs geliefert.

„Edge“ ist ja das erste Stück auf eurer fünf Tracks umfassenden Debüt-Ep, die seit zwei Monaten veröffentlicht ist. Nun habt ihr euch ja sehr bewusst für den DIY-Weg entschieden und macht derzeit alles selbst. Wie fühlt sich das denn bislang an?
Felix: Ein Hauptgrund unsere erste Platte selbst zu veröffentlichen war, dass wir gerne selbst bestimmen wollten wann wir unsere Musik mit den Leuten teilen. Viele unserer Freunde wussten schon eine ganze Weile, dass wir an Musik arbeiten, hatten sie noch nie gehört. Durch die DIY-Schiene konnten wir ganz einfach selbst bestimmen, wann die Platte erscheinen soll. Natürlich hat das die Konsequenz, dass wir alle Arbeit selber tragen, neben unseren Solo Projekten, Day-Jobs usw. Es ist also nicht immer ganz einfach diese Energie aufzubringen, aber umso schöner wenn wir dann positives Feedback bekommen.
Yotam: Es ist furchtbar anstrengend und es gibt viele Moment, wo wir alles was wir machen, nochmal hinterfragen – aber wir lieben es einfach zusammen Musik zu machen und sobald wir zusammen in einem Raum sind, kommt nichts zwischen uns und unsere Musik. Für mich liegt genau da die Kraft weiter diesen Weg zu gehen und zu versuchen gute Musik zu machen.

Wie geht es weiter bei Tired Eyes Kingdom?
Yotam: Als nächstes werden wir wohl ein kleines Live-Video eines Songs von unserer Platte veröffentlichen. Anfang nächsten Jahres wollen wir dann einen neuen Song inklusive Video herausbringen und natürlich gehen wir ins Studio, um unsere nächste Platte aufzunehmen, die dann hoffentlich im Frühling nächsten Jahres erscheinen kann. Außerdem arbeiten wir an unserer Live Show um dort endlich Live Visuals zu integrieren. Die höchste Priorität hat aber die Arbeit an neuer Musik, was auch scheinbar das einzige ist, was wir wirklich gut können.
Elif: Ich sag dir was als nächstes passieren muss: TEK muss so groß werden, dass ich ein Artist Visa bekomme. Ok, kleiner Scherz. Wir werden wohl den Winter hauptsächlich im Studio verbringen und an unserem Album arbeiten. Es gibt so viel zu arrangieren und aufzunehmen, da freu ich mich schon total drauf.

Und zum Schluss bitte noch den jeweiligen Lieblingsvideoclip von jedem von euch.

Isabelle: Son Lux “You don’t know me”

Yotam: Noga Erez “Balkada”
Ein neuer Clip von Noga Erez, bei der es gerade richtig losgeht. Einer meiner besten Freunde spielt bei ihr die Drums. “Balkada” ist mein Lieblingstrack vom neuen Album und im Clip ist meine Heimatstadt Tel Aviv in all ihrer Pracht zu sehen.

Felix: Aphex Twin “Come to daddy”
Seit ich es das erste Mal gesehen hab, kriege ich bei dem Song und Video immer noch jedes mal eine Gänsehaut.

Elif: Athena “Ses Etme”
Für mich ist es dieses Video der Band Athena. Mit dem Video zu meinem Lieblingstrack ihres letzten Albums machen sie auf die Angriffe und Morde an Trans Gender Menschen in der Türkei aufmerksam. In den meisten Fällen werden die Mörder – wenn überhaupt – nur zu geringen Haftstrafen verurteilt. Athena ist ziemlich bekannt, ihre Videos laufen im Fernsehen, deshalb hab ich großen Respekt vor ihrer Entscheidung, dieses Statement zu wagen, anstatt einfach einen gefälligen Clip zu machen. Besonders in diesen schwierigen Zeiten, wo schon für harmlosere Statements Gefängnisstrafen verhängt werden.

 

Anmerkung des Autors: Ich habe die vier Musiker_innen von Tired Eyes Kingdom im Rahmen meiner Tätigkeit als Dozent am Institut für Populäre Musik der Folkwang Universität der Künste kennengelernt. Das hat aber keinerlei Einfluss auf meine journalistische Entscheidung, die Band hier auf kaput zu featuren. 

Verlagssitz
Kaput - Magazin für Insolvenz & Pop Aquinostrasse 1 | Zweites Hinterhaus, 50670 Köln | Germany
Team
Herausgeber & Chefredaktion:
Thomas Venker & Linus Volkmann
Autoren, Fotografen, Kontakt
Advertising
Kaput - Magazin für Insolvenz & Pop
marketing@kaput-mag.com
Impressum – Legal Disclosure
Urheberrecht /
Inhaltliche Verantwortung / Rechtswirksamkeit
Kaput
Kaput - Magazin für Insolvenz & Pop ist eine Publikation des Verlagshauses Kaput.