Sonntag, 24.09.2017
Record of the week

Animal Collective “Painting With”

Cover_AnimalCollectiveAnimal Collective
“Painting With”
(Domino)

Habe ich in der letzten Woche noch darüber gemosert, dass bei Distelmeyers Coveralbum so wenig passiert, ist mir bei „Painting With“ von Animal Collective schon fast ein bisschen zu viel los… aber das ist wohl meiner Winterstarre zuzuschreiben. Man sollte Dave Portner/Avey Tare, Noah Lennox/Panda Bear, Brian „Geologist“ Weitz und Josh „Deakin‘“ Dibb nämlich dankbar sein, dass sie in den stumpfen Februar reinrauschen wie eine Mardi-gras-Kapelle. Dabei kommt das Kollektiv aus New York – und klingt auf seinem elften Album stellenweise wie durchgeschüttelte Beach Boys. Oder wie Steinzeitmenschen, deren Steinkreise Animal Collective neben anderem – den Ramones, frühe Beatles – als wichtige Einflüsse für „Painting With“ nennen. Und vor allem: Kunst! Malerei! Dada, Kubismus! Keine ganz neue Entdeckung für die Band: Als Animal Collective vor knapp zehn Jahren „Strawberry Jam“ aufnahmen, wollten sie sich in The Painters umbenennen, was sie dankenswerterweise nicht taten. Aber die universalkünstlerische Idee blieb, Animal Collective sind mit ihren verschobenen, -zigfach übereinanderschichtenden Trackstrukturen dem Kubismus natürlich viel näher als dem Rock’n’Roll.

Bei „Painting With“ kommt ein neuer Ansatz hinzu: Vereinfachung. Minimalismus. Drei-Minuten-Songs. Zumindest als Vorsatz, denn Animal Collective werden in hundert Jahren nicht so reduziert klingen wie sagen wir mal, Jochen Distelmeyer auf „From the Bottom“. Wer sich Planschbecken mit Kerzen auf Seerosenblättern ins Studio stellt, um in Stimmung zu kommen, der hat halt auf ewig das Herz eines Pandabären, oder so ähnlich. Tatsächlich sind die Songs formal kürzer als sonst, aber kaum weniger „bunt“. Polyrhythmisch, verspielt und gewohnt hochbegabt, paradox und harmonisch zugleich, nostalgische Sixties-Harmonien und Prog-Elemente treffen auf bretternden Rave („Burglars“), die Vocals von Avey Tare und Panda Bear umschwirren sich im irrsten und schönsten Dialog, TV-Serienzitate („No Blanche, she’s upset because they keep changing the taste of Coke“ / Golden Girls) – und: Bläser. Und zwar als Herausforderung, denn eigentlich können Animal Collective Saxophone etc. nicht ausstehen. Aber nur durch Konfrontation überwindet man den Angstgegner, und wie durch Zauberhand klingt es so, als gehörten Blasinstrumente ganz selbstverständlich ins AC-Universum. Auch eher neu: Lyrics mit Attitude wie im queerpolitischen „Golden Gal“. Und es gelingt ihnen ein echter Hit, ein Ohrwurm par excellence – zum überschäumenden psychedelic Westcoast-Sound von „Flori dada“ will man auch im kubistischen Kostüm sofort mit Seerosenblättern um sich werfen. Klaus Walter nennt Animal Collective eine „Bescheidwisserband“. Das war womöglich despektierlich gemeint, trifft die Sache aber trotzdem.
Christina Mohr

Erster Gedanke: Hat das New Yorker Kollektiv wirklich elf Alben gebraucht, bist sie diesen für sie so naheliegenden Titel fanden? Zu sehr klang die Musik von Animal Collective doch schon immer nach diesem spielerischen Vergleich des Malens nach Zahlen, nach dieser großen, mit Markierungen versehenen Weißfläche, die mit allem, was die Farbpalette hergibt, von übereifrigen Kindern gefüllt wird. Nur dass das sie sich natürlich nie an die vorgegebenen Grenzen zu halten gewillt waren, sondern über diese malten wie es ihnen gerade gefiel. Warum auch Genre- und Soundbeschränkungen akzeptieren, wo doch die Neugierde der Leuchtstern sein sollte?

Die aktuelle Inkernation der Band, die aus den drei Gründungsmitgliedern Dave Portner (Avey Tare), Noah Lennox (Panda Bear) und Brian Weitz (Geologist) besteht, unterstreicht dieses aufgeregte Streben nach Überraschungen gleich mit der ersten Auskopplung „Flori Dada“. Ja, man könnte an das im Titel anklingende Rentnerparadis an Amerikas Südküste denken, an Flamingos und Palmen und all die anderen Klischees, die unser Gehirn sogleich dankbar abruft, aber dann sind da noch die tropischen Soundeinflüsse, und natürlich spielt auch afrikanische Rhythmik herein, die gewohnte Psychedelic-Weirdness, und man meint auch ein bisschen den West Coast Vibe der Beach Boys identifizieren zu können. Vielleicht steht Letzteres jetzt aber auch nur hier, da sie im EastWest Studio in Holywood aufgenommen haben.

„Die Steinkreise der Steinzeitmenschen“, nennt Lennox als Ausgangsvision für das Album. Was er damit meint: das Trio wollte nach der vierjährigen Pause und dem formal strengen Vorgängeralbum „Centipede Hz“ die spielerische Uridee des Kollektiv wieder heraufbeschwören. Das ist ihnen gelungen. Ich kenne keine andere aktuelle Band, die auch mit ihrem elften Album noch in der Lage ist, so leichtfüßig aufzutreten und so viele verblüffende Momente zu erzeugen. Wer ein Album des Animal Collective verpasst, der verpasst ausnahsmweise mal wirklich was.
Thomas Venker

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