Donnerstag, 27.07.2017
Record of the Week

ANOHNI “Hopelessness”

Cover_ANOHNIANOHNI
“Hopelessness”
(Rough Trade Records / Beggars Group)

Musik im Zeitalter der omnipräsenten Gewalt. Eine Aufgabenstellung, der sich alle MusikerInnen dieser Tage angesichts der nicht enden wollenden Serie von kriegerischen und terroristischen Schnittwunden in unserer Welt konfrontiert sehen. Doch nicht alle sind sie so sensibel wie ANOHNI und lassen sich dementsprechend drastisch auf die Herausforderung ein.

Bei ANOHNI, das dürfte sich mittlerweile herumgesprochen haben, handelt es sich um die Sängerin, die noch im letzten Jahr als Sänger von Antony and the Johnsons auf den Festivalbühnen zu erleben war. Der finale Schritt der Neudefinition der eigenen Identität kommt jedoch nicht überraschend, die Geschlechtergrenzen waren bei Antony Hegarty schon immer fließend.

Als erster Vorbote auf “Hopelessness” erschien damals, im Vorfeld der COP-21-Klimakonferenz in Paris, der Song “4 Degrees”, ein musikalischer Protestsong, der die Menschheit sensibilisieren sollte für diesen so existenziellen Moment in ihrer Geschichte. Im Vergleich zu dem nun folgenden Themenkanon auf “Hopelessness”, das vom Titel an keine falschen Versprechen zulässt, war dies freilich noch das leichteste Topic in einem Repertoire der Düsternis.

Wie heftig ANOHNI zu texten bereit ist, das zeigt schon das erste Stück “Drone Bomb Me”, zugleich die zweite Singleauskopplung des Albums und verfilmt mit Naomi Campbell in der leading suffering role:
„Bombardiere mich, unbemannte Drohne / Puste mich von den Bergen / Ins Meer“, bettelt darin das kleine afghanische Mädchen den Himmel der Drohnen an, sie doch ihren toten Familienmitgliedern gleich zu holen. Man muss schon etwas überlegen, um ein rhetorisch so unglaublich clever konstruiertes, ähnlich brutales lyrisches Bild in einem Song zu erinnern. Etwa “Frankie Teardrop” von Suicide, dieser übernihilistische Horror-Working-Class-Song von Alan Vega und Martin Rev, in dem der 20jährige Fabrikarbeiter Frankie, zermürbt von seinem Job, der ihm kaum genug Geld einbringt, um die Familie zu ernähren, nach Hause kommt und Frau und Kinder hinrichtet:

“Frankie picked up a gun / Pointed at the six month old in the crib / Oh Frankie / Frankie looked at his wife / Shot her / “Oh what have I done? / Let´s hear it for Frankie / Frankie tesrdrop / Frankie put the gun to his head / Frankies dead”.

Bildete bei Antony and the Johnsons noch ein kammermusikartiger Klangraum den atmosphärischen Hintergrund für den so speziellen wie eingängigen Gesang von Hegarty, so zeugt “Hopelessness” vom Aufbruchgeist, mit dem ANOHNI ihrem düsteren Setting die Faust der selbstermächtigten neuen Existenz entgegen streckt. Hudson Mohawke und Oneohtrix Point Never haben ihr einen Hybrid aus Dancebeats und futuristischen Breaks produziert, der sich geradezu magnetisch an den anklagenden, sirenenartigen Gesang anschmiegt. Das mag zunächst wie ein Paradigmenwechsel wirken, letztentlich ist es dies aber nicht. Denn die elektronische Musik auf “Hopelessness” hat mehr mit dem Soundverständnis eines Scott Walker gemein als mit den Produktionen von Andrew Butler aka Hercules and Love affair, mit dem Hegarty vor fünf Jahren wahrhafte Dance-Erleuchtungsmomente zelebriert hat.

Wer nach “Drone Bomb Me” dachte, es sei keine Steigerung der Vehemenz mehr möglich, mit der uns Hegarty ihre Sicht der Dinge vorträgt, der wird noch einige überraschende Momente in diesem Theater der Grausamkeit erleben, das Artaudsche Ausmaße besitzt. Etwa im zutiefst verstörenden “Watch Me”, in dem einmal mehr ein Kind (über den Dialog mit seinem Vater) zu uns singt: von der Anziehungskraft des Bösen, von der Omnipräsenz der Pornografie, und auch ganz konkret von Kinderschändern und Terroristen. Oder auch im kristallklar-tänzelnden “Execution”, das das abscheuliche Ritual der Hinrichtung als amerikanischen Traum in der Tradition der Chinesen, Saudis, Nordkoreaner und Nigerianern anpreist.

Danach ist es an der Zeit für ein allerletztes Gebet. Dass es hilft, daran glaubt hier jedoch niemand mehr: Und so beginnt “I Don´t Love You Anymore” zwar als Reminiszenz an den alten Antony Sound in erhabener Liturgie, doch schon schnell ertönen die Breakbeats am Horizont als klangliches Signal der Todessehnsüchte des Protagonisten, und blitzen die Lichter durch das Kirchenfenster wie einst in der Schlussszene von John Carpeneters “The Fog – Nebel des Grauens”. Ähnlich genial untermalen Hudson Mohawke und Oneohtrix Point später die Erzählung in “Violent Men”, dessen Störgeräusche einem in der Tradition von Pan Sonic förmlich das Ohr zerreißen.

Zwischen diesen beiden Songs hat Hegarty allerdings ihr “Obama” positioniert, das Traurigste aller traurigen Stücke des Albums. Einmal mehr mit dem Bildnis eines Kinds auf den Lippen, bilanziert sie in dem Song final den amerikanischen Traum vom jenem Präsidenten, der die Welt wieder zu einem besseren Ort machen sollte, unterlegt mit einem sakral-elektrifizierenden Gewitter aus Drone, Noise, Breakbeats:

“Als du gewählt wurdest / Jauchzte die Welt vor Entzücken / Wir dachten wir hätten den Boten der Wahrheit / An die Macht gebracht / Jetzt heißt es, dass du spionierst / Dass du richtest ohne Prozess / Dass du die Tugenden verrätst / Der Himmel ist von Narben bedeckt / Die Whistle Blower werden bestraft / Diejenigen, die die Wahrheit sagen / Siehst du wie die Feigheit
Dich zurück anstarrt? / Obama / Obama / Obama / All die Hoffnung ist aus deinem Gesicht verschwunden / Wie Kinder haben wir an dich geglaubt“.

Am Ende, nachdem ANOHNI dem Namen Obama den letzten Bluttropfen entsungen hat, darf das Piano ein paar Takte frei im Raum stehen bleiben.
Aber ANOHNI hadert auf “Hopelessness” nicht nur mit den weltlichen Führern, auch an Gott und seinesgleichen lässt sie in “Why Did You Separate Me From The Earth” zu Peitschen-artigen Chord-Wallungen wenig Gutes. Wie der Struwwelpeter der Suppe trotz er den Heilsversprechungen der Kirche: “Ich will deine Zukunft nicht / Ich komme nicht mehr nach Hause / Ich will deine Zukunft nicht / Ich werde geboren werden bevor du geboren wirst“.

Abgekehrt von Zivilisationsversprechen und Glauben endet das Album mit dem Bogen von der archaischen Vergangenheit zur aktuellen Landflucht – aber das Happy End durch Selbstoptimierung, das die Generation Biofutter und Jogastunde dort zu finden gedenkt, diese Illusion will unsere Protagonistin uns nicht gewähren. Stattdessen nur „Hopelessness“:

„Ich, die ich mich in Höhlen und im Moos gewunden habe / Ich, die ich Holz für das Feuer gesammelt / Und zärtlich umarmt habe / Wie bin ich zu einem Virus geworden? / Hoffnungslosigkeit / Ich fühle die Hoffnungslosigkeit / Es geht mir nicht um mich / Ich fühle die Tiere und die Bäume / Die nirgendwo hinkönnen“.

Wie konnte es nur soweit kommen? Geht es nach ANOHNI, dann sind die Amerikaner an allem Schuld. Und so klingt das Album mit den letzten Zeilen von „Marrow“ aus: „Saug das Öl aus ihrem Gesicht / Verbrenne ihre Haare, koche ihre Haut / Wir sind jetzt alle Amerikaner“.

Am Ende genießt man erstmal die Ruhe. Aber es ist keine, die einen runter kommen lässt: das Blut vibriert, die Gedanken rotieren so wild, dass der Kopf schmerzt.

Soll man “Hopelessness” gleich nochmal hören?
Geht das überhaupt?
Es muss.
Es geht nicht anders.

Wie wird es mit ANOHNI weitergehen? Was ist der nächste Schritt, als Künstlerin, als Musikerin? Mir fehlt es in diesem Moment an der Fantasie ein nächstes Album zu sehen, so konsequent wie sie sich selbst mit diesem Album dem Schmerz ausgesetzt hat, den diese ach so moderne, ach so aufgeklärte Welt für uns bereit hält.
Thomas Venker

Was für ein Coup: Im Video zu “Drone Bomb Me” sieht man die weinende Naomi Campbell, dazu erklingen sanft-suggestiver R’n’B-Trip-Dub und grauenerregende Textzeilen:

“Drone bomb me/ Blow me from the mountains/ And into the sea/ Blow me from the side of the mountain/ Blow my head off/ Explode my crystal guts/ Lay my purple on the grass”

Gesungen von ANOHNI, die früher mal Antony Hegarty von Antony and the Johnsons war. Das von Regisseur Nabil gedrehte Video lässt verschiedene Deutungen zu, aber ANOHNI selbst stellt ganz klar, dass der Song aus der Perspektive eines afghanischen Mädchens erzählt, dessen Familie von U.S.-amerikanischen Drohnenbombern ermordet wurde. Das verzweifelte Kind will auf dieselbe Weise sterben. Derart drastische Szenen/Lyrics kommen im Pop nicht allzu häufig vor, außer natürlich in den verschiedenen Metal- und Goth-Unterformen. Aber nicht in der hitparaden- und mainstreamtauglichen Form, mit der ANOHNI durchaus vertraut ist – wer hat nicht schon alles mit Antony/ANOHNI gesungen? Von Lou Reed über Marianne Faithfull, Joan As Policewoman, Marc Almond bis Herbert Grönemeyer – ANOHNI gewährt ihre Gunst gern, aber nie wahllos.

Wie ernst die Künstlerin ihre Rolle als Pop-Musikerin tatsächlich nimmt, wird mit dem neuen Album klar: „Hopelessness“ ist mit der direkten Bezugnahme auf global-politische Themen (Kriege, Umweltzerstörung, Folter, Präsidentschaftswahlen, Todesstrafe) so aktuell wie nie, und doch eindeutig ANOHNI. Obwohl es anders klingt als frühere Werke: „Hopelessness“ ist eine Kooperation mit Hudson Mohawke und Daniel Lopatin/Oneohtrix Point Never, also die Abkehr vom sakralen Klassik-Arrangement hin zu moderner Elektronik – die weitgehend behutsam angewandt wird, „Hopelessness“ ist trotz deutlicher Beats kein Dance-Album. ANOHNIs unverwechselbares sanftvibrierendes Tremolo bestimmt die Tracks, ob nun ein Piano oder ein MIDI-controller gespielt wird. Die Elektro-Arrangements sind aber ein absoluter Segen für ANOHNIs Anliegen, nämlich die Bewusstmachung dramatischer Entwicklungen im Hier und Heute. „Execution“ zum Beispiel: „Execution / is an American dream“ heißt es im Text; oder „4 Degrees“, das passend zur Weltklimakonferenz im vergangenen November veröffentlicht wurde – der Elektrosound nimmt ANOHNIs Gesang das Entrückte, Weltferne, positioniert sie mitten ins Geschehen. „‘Hopelessness‘ is our first album as a true body, which is housed, now, in the soulful shelter of sound.“ Selten charakterisieren KünstlerInnen ihre Arbeit so treffend.
Christina Mohr

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