Mittwoch, 20.06.2018
Ein Talk zum Heft

“BEEF! – MÄNNER KOCHEN ANDERS” … WIR SCHLAGEN PRINTMAGAZINE (AUF)

Wer sich noch an Print-Titel erinnern kann, wird staunen: Diese analogen Dinosaurier der Information- und Unterhaltungsvermittlung gibt es noch immer. Alte und neue Magazine buhlen in den Bahnhofskiosken um die Aufmerksamkeit der Wlan-verdorbenen Menschen. Doch wer blickt bei diesem Angebot überhaupt noch durch? Die Kaput-Redaktion nimmt sich daher in unregelmäßigen Abständen Protagonisten der Printmedien an. Thomas Venker und Linus Volkmann diskutieren dabei immer mit einem Gast. Den Auftakt macht die magische Paula Irmschler – und das Heft, das wir uns herausgesucht haben, ist das 2009 erschaffene “BEEF!” aus dem Hause Gruner + Jahr. Das erste Food- und Lifestylemagazin, das sich speziell an eine männliche Leserschaft richtet.

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LINUS VOLKMANN Jeder von uns hat die aktuelle Ausgabe gekauft. Der Verlag ist damit um 36 Euro reicher, ein Heft kostet also 12 Euro, wow. Dafür hätte man früher 50 Ausgaben Micky Maus bekommen. Oh, entschuldige, Paula, wenn ich wieder so viel von früher rede. Daher in die Gegenwart… Eine Zeitschriften-Experience geht ja am Kiosk los. Wie war es für euch, als “BEEF!”-Käufer aufzutreten?

THOMAS VENKER Ich glaube, uns eint das Fremschämgefühl, das man angesichts des geplanten Kaufes in sich aufstiegen fühlte. Deswegen versuchte ich es zuerst in zwei Supermärkten. Da gab es zwar jede Menge Food-Journalismus, “BEEF!” aber nicht. Fündig wurde ich an der Tankstelle. Die Verkäufer sahen wohl in meinem Gesicht den Ärger angesichts des Preis’ – sagt ja auch schon einiges über die Zielgruppe aus – und gaben mir prompt den Kaffee umsonst. Rein faktisch habe ich also nur 9€ bezahlt!
Und zum Stichwort Zielgruppe möchte ich sagen: “Männer kochen anders” lautet ja der Untertitel – das finde ich als Aggro-Geste, Frauen als Zielgruppe komplett auszuschließen, schon auffällig und irritierend. Das andere, was am Cover noch sofort ins Auge springt und viel vom sprachlichen Klang des Magazins vorgibt, ist die Freude der Redakteur_innen an Pseudoreferenz-/Wortspielen: “United Steaks”, “Heiß am Stiel”, “Will ich Rauch”… dieses Sprachgefühl passt ganz gut zur Idee eines “Baukastens” für Burger! Wer möchte sein Essen nicht mit einem Baukasten zubereiten. Ja, “Hammer!”.

PAULA IRMSCHLER Echt schlimme Wortspiele… “die Haxen dicke”, “Glühschwein”, “Räuchermännchen”, “Rumgemacht”, “Rumgekommen”, “Gefeuert”, “Klare Kante”, “Eier in der Dose”, “Meat the world”, “Spice Boys”, “die Kohle muss stimmen”, “die Kammer des Schmeckens”, “Schlägerparty”. Und auch noch mal apropos Aggro-Geste: Vor allem ist es so zynisch, wenn man bedenkt, wie Frauen kochen. Nicht selten, weil sie es müssen, wegen gesellschaftlichem Druck, für Männer und Kinder. Für andere! Dieses “Männer kochen anders” ist halt letztlich nur wieder misogyn. Männer sind ungehaltene Barbaren, sie darf man nicht aufhalten mit irgendwelchem Quatsch, sie kommen zur Sache (Fleisch). Überhaupt diese Fixierung auf Fleisch… Das ist ja auch total erotisch irgendwie. Aber Männer dürfen sich eigentlich keine Erotik erlauben, sondern nur SEX. Das kann man dann aber mit der lüsternen Inszenierung toter Tiere substituieren. Nichtfleischiges ist nur Beilage, wie das überflüssige Vorspiel. Gemüse ist weiblich in dieser Welt. Es ist dementsprechend natürlich auch männerverachtend. Kein Mann, den ich kenne, würde sowas kaufen und ich kenne auch viele Scheißmänner.

TV Talking Sex. Das Magazin macht es einem ja nicht leicht, zu den Artikel zu gelangen mit der Heftkritik. Denn da kommt ja erstmal die erste BEEF!-Variante des Playboy-Ausklappmodels – und da man es nicht glauben will schaut man auch noch gleich nach hinten. Schon Wahnsinn wie hier Geilheit und Blödheit in den Dialog gehen. Mit Humor hat das natürlich nichts zu tun, muss man aber ausdrücklich anmerken. Einfach nur erbärmlich dieser sexistische Brauhaushumor.

PI Das Ausklappding schockiert mich am meisten. Mit welcher Motivation tun die sowas? In Zeiten von #metoo ist das deren Beitrag zum Konsens? Tiere werden vermenschlicht, “lustige” Songs zitiert und der Gag ist wirklich so billig, höhö, Einverständnis oder nicht. Besonders interessant auch, dass bei dem Bullen, der das Weibchen überwältigt auf der Rückseite was von “Herzensbrecher” steht. Das ist entweder sehr dumm oder sehr niederträchtig.

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LV Jetzt sind wir ja schon mittendrinnen im Heft. Ich möchte aber auch noch kurz erwähnen, wie ehrlich peinlich mir dieser Kauf war. Das Magazin steht natürlich per se für alles, was hasse: Die Interpretation von Männlichkeit in Form des stereotypgeprägten Grillmackers mit eiskaltem Scheiß-Bier in der Hand und die Fresse vom Fleischfresswunsch verzerrt. Ich empfinde es als ärgerlich, dass so eine kaputte Inszenierung einem als  Befreiung verkauft wird – wovon denn bloß? Allerdings sind wir, das merkt man, uns ja viel zu einig für ein Streitgespräch. Daher mal anders gefragt in diesem Coffee-Table-Schlachthaus für Unmenschen: Was gefällt euch denn am Heft? Und wenn’s auch nur eine Kleinigkeit ist. Schriftart, Kreuzworträtsel, die Hipster-Fotoästhetik?

PI Es ist richtig geil in der Hand zu halten. Bin ja so ein Printnostalgiker und es hat die perfekte Größe und Dicke. Das Layout erinnert mich an dieses “Pure & Crafted”-Festival-Publikum. In der Woche Anzugheini, Wochenende in ‘nen hippen Burgerladen und am Bart zupfen und Projekte pitchen, dazu ein Bier, das eigentlich nicht schmeckt, aber muss ja. Und – der Witz stammt von Dominik Bauer, dem hab ich das Heft gestern gezeigt – man hat das Bedürfnis, über die Bilder zu rubbeln und erhofft sich Geruch. Wir können ja mal unser Lieblingsgericht wählen und nachkochen. Oder so tun – und eventuell durch Fleisch durch Tofu oder direkt alles ersetzen.

LV Okay, und mir gefällt, dort die Band Culcha Candela zu entdecken. Da behauptete letztens noch wer in meiner Gegenwart, die wären super okaye Typen. Aber ein schönes Totschlagargument: Wer sich von “BEEF!” interviewen lässt, steht auf der falschen Seite und geht hoffentlich eher früher als später baden. Als verlässlicher Deppen-Indikator taugt mir das Heft somit schon mal.

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PI Bei Culcha Candela bin ich auch grad. Auch wieder so traurig für Männer: das einzig Emotionale was man ihnen zugesteht ist ihr Verhältnis zu einem alkoholischen Getränk.

TV Echt schwierig, was Positives herauszustellen. Also positiv empfunden habe zunächst einmal den Blick ins Impressum und die Überraschung, dass das Magazin ja circa zur Hälfte von Frauen gemacht wird: Art-Redaktion, Stellvertretende Chefredakteurin, Fotoredaktion, auch eine Autorin… So richtig glauben will man das aber nicht nach all dem was wir bislang diagnostiziert haben. Aber es sollte ja positiv im Sinne von echt positiv sein. Da habe ich tatsächlich bis Seite 42 gebraucht, zur Reportage über das Culinray Institute of America, das CIA, was ja auch genüsslich und passend zum Magazinduktus als Witzvorlage aufgegriffen wird: “Die Helden von Morgen.” Na also, es geht doch. Eine gute recherchierte und vor Ort produzierte Reportage. Solide geschrieben, okay bebildert – da wäre nach oben aber sowohl motivisch als auch vom Layout noch mehr drin gewesen, aber ein Verdurstender beschwert sich in der Wüste ja auch nicht über die Wasserqualität. Würde ich das Magazin verantworten – was ich niemand wünschen würde – dann hätte ich das früher platziert. I know, gegen alle Regeln des Heftaufbaus, aber man ist schon sehr ermüdet, wenn man auf Seite 42 angekommen ist, von all den Seiten mit Minibeiträgen und vor allem Product Placements. Und was mich übrigens kolossal nervt, wie selbstverständlich in diesem Magazin kochen mit saufen gleichgeschaltet wird. Das beginnt im Vorwort von Jan Spielhagen, der natürlich “diesen herrlich dunklen mittelitalienischen Rotwein” entkorkt – wobei “mittelitalienisch” andeutet, dass er auch jeden anderen aufgemacht hätte, der Herr Connaisseur – und wird rasant zentral: Doppelseite mit Rum-Tipps auf 8/9, “Getrunken” auf 17 und dem grauenhaft “Die Flasche meines Lebens”-Feature von und mit dem Typen von Culcha Candela, der sich nicht zu schade ist, am Ende des bizarr uneinladend bebilderten und quasi unbearbeitet wirkenden O-Ton-Beitrags klarzustellen, dass nie einer aus der Band bekifft, betrunken oder gar verkatert auf die Bühne gegangen sei. Fuck off, loser! Den Burger-Baukasten hatte ich ja auf dem Cover kritisiert. Im Heft bin ich aber schon so verzweifelt, dass ich ihn als gut empfinde. Abgesehen vom konstant nervigen Duktus: “Bau Mich!” und der irritierenden Tatsache, dass alle Burger auf einer Doppelseite in der Heftmitte, also im Knick, platziert werden – das gab es unter Holger Risse und Osi Osenberg bei Intro et al nie früher, da wusste man um diese Zerstörung des Motivs.
Aber ansonsten: mit “Pulpo” und “Thunfisch”, “Lachs”, “Veggie” und “Garnelle” auch viel nicht-beef und nachvollziehbare Rezepte. Well done.

LV Saufen in der Art überformen zu müssen, macht mich auch immer ganz traurig. Alle sind todunglücklich und wollen sich zuschütten, doch es darf so nie formuliert werden. Stattdessen wird es zu Genuss, ja zum Status Symbol hochstilisiert. Und Männer sind plötzlich Whiskey-Connaisseure. Das stört mich auch grundsätzlich an BEEF!. Es wird eine völlig lebensuntaugliche Welt behauptet. Um diesem hier proklamierten Männerbild gerecht zu werden, verstrickt man sich bloß in Lügen. Wie der von Culcha Candela… Niemals betrunken oder verkatert auf der Bühne, aber ein großer Rum-Connaisseur. What the fuck? Das macht doch alles keinen Sinn. Diese vermeintlich entfesselte Männer-Welt, die hier präsentiert wird, wirkt auf mich bizarr unfrei.

PI Ging mir wie Thomas mit dem Burgerbaukasten. Irgendwie macht der aus Verzweiflung Spaß. “So kochen Frauen. So Männer.” auf der letzten Seite wirklich erschreckend 2000er und peinlich. Also, über sowas regt man sich doch einfach nicht mehr auf, oder? Diese Art von Sexismus ist einfach nur noch peinlich, mir kommen die Tränen, wenn ich sowas lesen muss, vor Mitleid. Gruner + Jahr gefährlichste Terrorzelle 2018! Ich google gerade die Leute und sie tauchen echt alle nur im G+J Kontext auf. Super verdächtig. Es ist halt alles so werbeagenturmäßig. Der Schwerpunkt liegt auf jeden Fall auf dem Art-Director-Grafik-Scheiß, es haben ja nur sechs oder sieben Autoren mitgearbeitet. Einige Essens find ich richtig geil optisch und dachte bei dem einen: Oh, eine Brotscheibe im Dialog mit irgendwas, vermählt mit etwas, an irgendwas geilem und ANGEREICHERT um. Letztlich war es einfach Brot mit Bacon und Käse. Holz, Whisky und Fleisch – das perfekte Menü. Zitat Leo Fischer “Du sollst das Gefühl haben, dass Kochen nicht schwul ist – und das machen sie mit total schwulen Metaphern”.
“Männer backen anders! Sie wälzen ihren Braten in Mehl, geben Blutwurst in den Strudel und regeln die Ober- und Unterhitze wie ein Stahlkocher am Hochofen.” Fand das “Pulpo im Pott”, Seite 144 über den tunesischen Fischer auch wirklich lesenswert und interessant. Aber es ist halt so selfmademanmäßig geframed. Würde diese Sachen halt lieber woanders lesen, naja! Wüsste gern, ob es eine Person auf der ganzen Welt gibt, die sich nach der Anleitung in einem EXTRAHEFT den Räucherschrank nachgebaut hat oder es je tun wird. Würde die Person gern treffen und hätte viele Fragen. Den Teil mit den Gewürzen “Spice, Boys” finde ich abgesehen vom Titel wirklich interessant und schön fotografiert.

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LV Das Zitat von Leo gefällt mir sehr gut. Ich möchte noch erwähnen, was ich über die Entstehungsweise solcher Lifestyle-Kochhefte weiß: Es gibt bei G+J zwar viele solcher Hefte für alle möglichen Zielgruppen aber bloß eine Rezeptredaktion im Haus. Das heißt, die beliefern Männer-Cooking genau so wie das Heft für Back-Omis oder den zurückgebliebenen Studi, der sich dann doch auch mal ein Koch-Magazin kauft, weil er vom vielen Wichsen hungrig wurde. Fakt aber: Alles aus einer Hand. Die jeweiligen Winzig-Redaktionen basteln halt die jeweilige Farbe um die Rezepte. Aber keineswegs erfinden hier haarige Bären schwitzend die Gerichte. Alles Kulisse. Apropos Kulisse: Jedes Magazin kann man eigentlich an seiner letzten Seite erkennen, die hat Paula ja auch schon erwähnt. Meist wird sich hier Humor oder eine Kolumne gehalten. BEEF! indes outet sich an dieser Stelle als lebloser Journo-Sweatshop. Die Rubrik dazu lautet: “So kochen Frauen. So Männer”. Dieser Differenz-Quatsch war Anfang der Nuller sogar RTL zu platt. Die stellten die Mario-Barth-verdächtige Show “Männer Mars / Frauen Venus” ein. RTL! Vor 15 Jahren! BEEF! hatte am Heftschluss aber garantiert weder Bock noch Kapazität sich was auszudenken, das noch mit der sonst herrschenden Esprit-Simulation mithielte. Das Ergebnis ist so unlustig und tot, das tut fast noch mehr weh als die ganzen sexy inszenierten Tierkadaver im Heft. Das schreibe ich im Lift nach unten besser – und ich wohne bloß im zweiten! Soll allerdings keine Bewerbung sein, ich arbeite ja auch nicht für die GEZ oder Glyphosat Inc. Aber Kids. wollen wir es nicht zu lang werden lassen. Euer Fazit. Was wollt ihr noch loswerden, wem empfehlt ihr den Titel?

PI Joa, so wie Tindern, ne. War einmal interessant, aber bitte nie wieder und jemand soll was dagegen unternehmen.

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TV Schon das Fazit? Wäre ich doch nicht so abgelenkt gewesen. Wollte doch noch auf die Diskrepanz zwischen Anspruch und Schreibwirklichkeit bei „Meat the World 4 – USA“ eingehen, wo der Autor sprachlich sich am Thema der Nachhaltigkeit verlupft. Und die unsägliche grafische Umsetzung der Einführung in die Gewürzkunde ansprechen, bei der sehr wieder die Sauffixiertheit auffiel, oder was war noch mal der Grund, dass man eine Gewürz-Hausbar draus machen musste und alles in Gläsern und Karaffen präsentierte? Visuell ebenso katastrophal ist die Idee Gemüse als Tapeten anzulegen, vom Beitragstitel „Kunst am Kohl“ mal ganz abgesehen. Wobei ich dann aber wirklich am Fazit ankommen will: „BEEF!” merkt man die Bemühtheit der Redaktion an, dem Blatt den Scheincharakter von Substanz geben zu wollen. Bemühte Kreativität durch und durch. Und die angesprochene letzte redaktionelle Seite vor dem zweiten Tier-Fick-Aufklapper ist in der Tat der traurige Tiefpunkt:
„Er denkt darüber nach, ob er seine Begleitung mit nach Hause nehmen kann, um sie dort auszupacken.“ Über solche Witze lachen sie, die Männer, die den eigenen Schwanz vor lauter Grillbauch schon seit Jahren nicht mehr zu sehen bekommen haben!

PI Hey, Dicke-Bäuche-Shaming!

 

Beef auf dem Kaput Grill!

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