Montag, 21.08.2017
Motion Picture Character of the Week

Christoph Waltz als Walter Keane

Noch vor ein paar Wochen durfte Christoph Waltz in dieser Kolumne als Stichwortgeber herhalten – die Wahrscheinlichkeit, dass er aber schon bald im alleinigen Licht erscheinen würde, sie war recht groß. Dreht er doch seit seinem Durchbruch in den Hollywood Hills eine unglaublich hohe Anzahl an Filmen ab, die meisten davon zudem mit interessantem Rollenprofil und immer mit einem anderen renommierten Regisseur.

Nun also Tim Burton. Leider ist Burton aber weit über seinem Zenit und verwaltet zuletzt nur noch seinen eigenen Nachlass mit teilweise okayen Produktionen („Frankenweenie“) oder ganz schrecklichem Mist („ALICE“). Was deswegen besonders schade ist, als dass er noch immer ein gutes Händchen bei der Auswahl der Stoffe besitzt, wie aktuell die Entscheidung für die Lebensgeschichte der Künstlerin Margaret Keane zeigt.
Die geht wie folgt: Margaret Ulbrich verliebt sich in den Künstler Walter Keane, der sich bis zu diesem Moment erfolgslos bemüht, mit seinen romantisch-impressionistischen Pariser Straßenszenen den Durchbruch in der Kunstszene der späten 50er Jahre und frühen 60er Jahre zu schaffen. Das Werk von Margaret hingegen trifft genau den Nerv der Zeit – einer Zeit, die zwar schon den abstrakten Expressionismus von Künstlern wie De Kooning, Rothko und Pollock goutieren kann, dies sich aber noch nicht in den Sammlungsausrichtungen des normalen amerikanischen Bürgertums niederschlägt. Walter Keane erkennt schnell, dass der Pop-Appeal von Margarets sogenannten Big Eyes (Bilder von jugendlichen Mädchen mit großen Augen, die sich in Szenen romantischer Überstilisierung befinden und als modern und unabhängig inszeniert werden) seine Chance zum Durchbruch sind, in dem er sie sich dreist aneignet und sich als Maler der Bilder ausgibt, um dann den totalen Sell-Out via Posterdrucke und Merchandise (wie Schulmäppchen) einzuleiten.

Zur Zufriedenheit führt aber auch das nicht. So schön der Erfolg am Markt ist, ihm fehlt der Zuspruch der Kunstkritiker – so sehr, dass er sich immer mehr in Alkohol und Amphetaminen verliert. Die Entfremdung zwischen Margaret und ihm wird daraufhin immer größer, zumal diese endlich selbst als Künstlerin wahrgenommen werden will und die Emanzipation von ihrem hinterhältigen Gatten sucht. Die Welt soll wissen, dass es ihre Bilder sind. Und schon bald weiß sie es – den notwenigen Verleumdungs- und Rechtsfeststellungsprozess gewinnt sie, Walter Keane verschwindet in der Versenkung.
„Big Eyes“ bleibt unschlüssig in seiner Intention. Amy Adams, die Margaret Keane spielt und dafür einen Golden Globe gewann, funktioniert nicht nur nicht richtig als Symphathiefigur, sie verspielt im wahrsten Sinne des Wortes jede Möglichkeit, die Geschichte als eine wirkliche Geschichte der feministischen Emanzipation zu lesen. Zu klebrig emotional wird hier alles dargestellt.
Doch auch als Film über ein Umdenken in der Kunstwelt mag „Big Eyes“ nicht funktionieren. Der moralische Zeigefinger ist zu weit gestreckt, als dass man die Lesart, die Tim Burton selbst vorgibt, wenn er dem Film Andy Warhols Zitat „I think what Keane has done is just terrific“ voranstellt, wirklich annehmen kann und mag. Es ist klar, dass Walter Keane als eine wichtige Figur der Kunstgeschichte gesehen werden muss, der durch Anwendung schon zu seiner Zeit alter Strategien wie Malerei aus fremder Hand und Druckrepliken und Massenmarktaufbereitung, einen popkulturellen Marktrummel kreiert hat, wie er später von Andy Warhol in souverän ausgeführt wurde, aber ist das 2015 noch das große Momentum zur Selbstreflektion?

So lapidar der Film insofern teilweise bleibt, so übermäßig aufgeladen ist er dafür an anderer Stelle. Man merkt Christoph Waltz im Verlauf zunehmend an, dass er gegen dieses Dilemma anzuspielen versucht. Dabei zeigt sich dann auch, was so manchem TV-Junkie der 90er schon klar war, nämlich dass Waltz zwar gute Filme noch besser machen kann, sein außerordentliches Spiel aber keinen mittelmäßigen Film trägt. Weder bei Gondrys „Green Hornet“ noch hier schafft es Waltz seine besondere Mischung aus Method Acting klassischer Art und seinem so beliebten Spiel mit den skurrilen Gestiken und Mimiken gewinnbringend in den Film einzubringen. So wirkt er teilweise gar vollkommen überambitioniert gegen den Film anspielend, so zum Beispiel in den Sequenzen, wo der betrunkene Keane, der sich durch die Kritik missverstanden fühlt, Jagd auf seine Frau und seine Stieftochter macht.

Vielleicht sollte Christoph Waltz seine Sammelleidenschaft für Regisseure aufgeben, Tim Burton gelingt es jedenfalls nicht, ihn so grandios in Szene zu setzen wie zuletzt Quentin Tarantino zweimal.

 

 

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