Samstag, 25.02.2017
Record of the Week

Dinosaur Jr. “Give A Glimpse Of What Yer Not”

Cover_DJRDinosaur Jr.
“Give A Glimpse Of What Yer Not”
(Jagjaguwar)
Dieser Text hat zwei Anfänge:

1.) Vor zwei Jahren ist mir mal J Mascis im Görlitzer Park begegnet – wobei, „begegnet“ ist zuviel gesagt: Er schlurfte an der Seite einer Frau und eines Jugendlichen (sein Sohn?) an mir vorbei, die drei unterhielten sich angeregt und lachten. Der Junge trug ein Skateboard unter dem Arm. An diese Szene musste ich denken, als ich vor ein paar Wochen das Video zu „Tiny“ zum ersten Mal sah: Darin nimmt J Mascis eine kleine Bulldogge mit auf eine Halfpipe-Anlage, Mascis trägt dieselbe Basecap wie im Görlitzer Park. Ende Anfang 1.

2.) In Jessica Hoppers tollem Buch „The First Collection of Criticism by a Living Female Rock Critic“ (Featherproof Books, 2015) ist ein Artikel von 2005: „You’re Reliving All Over Me: Dinosaur Jr. Reunites“. Hopper erinnert sich an die frühen 1990er Jahre, als sie – wie viele Mädchen ihrer Generation – sich bei ersten Dates mit langhaarigen, Karohemden tragenden Jungs endlose Vorträge über Dinosaur Jr. anhören musste: „If you liked him (or Dinosaur Jr.) enough, you could pretend it was a date. I withstood many hours of Dinologue during those awful teen years, and my memories of the band’s early albums – with their noisy, shimmery solos and shots of warm feedback – are inextricably tied to memories of some dude that never liked me back.“
Hoppers Text ist elf Jahre alt, das erste Album von Dinosaur Jr. (damals nur Dinosaur) kam 1985 heraus. Ende Anfang 2.

Und, Frau Mohr, was wollen Sie uns damit sagen?
Dinosaur Jr. haben ein neues Album gemacht, das nicht grundlegend anders klingt als vor über dreißig Jahren, und mich mindestens genauso packt – bzw.: umhaut, zum Heulen bringt, etc.pp – wie einst „Bug“. Während ich das hier schreibe, steigt „Give A Glimpse Of What Yer Not“ auf Platz 18 der deutschen Charts ein, die wahrscheinlich höchste Notierung, die eine Dinosaur-Platte hierzulande jemals hatte. Und doch kommt mir keine andere Band ähnlichen Alters/Kalibers/Bedeutung so wenig starmäßig vor wie Dinosaur Jr.
J Mascis klingt noch immer linkisch und anti-macho, seine Texte handeln fast durchweg von irgendwie vermasselten Liebesgeschichten. Sein Weg der Kontaktaufnahme ist seit jeher die Gitarre, resp. kilometerlange, progrockige, psychedelische GitarrenSOLI, die ich mir von niemand anderem anhören könnte als von Mascis. Lou Barlow ist weiterhin (wieder) an Bord, singt seine zwei Lieder, was okay ist, aber nicht so anrührend wie Mascis, wenn es aus ihm herausplatzt, „I’m lonely and I miss you“. Murph trommelt.
Dinosaur Jr. sind so unmodern, wie man 2016 nur sein kann. Schon klar. Aber bei Songs wie „I Told Everyone“ oder „Knocked Around“ ist mir das total egal.
Ende.

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