Dienstag, 28.03.2017
Record of the Week

Diverse “C 87”

C87_coverDiverse
“C 87”
(Cherry Red Records)

Bei dieser Compilation kann ich nicht anders als sentimental zu werden – und kriege gleichzeitig vorgeführt, wie trügerisch die eigene Erinnerung sein kann. Denn keine andere Musik als die von den vielen, vielen Bands auf dem jüngsten Cherry-Red-Sampler “C 87” erinnert mich so sehr an meine Adoleszenz, obwohl ich wahrscheinlich nur wenige davon anno 1987 tatsächlich gekannt haben dürfte: Talulah Gosh, The Vaselines, Gaye Bikers on Acid, Pop Will Eat Itself, Soup Dragons vielleicht – aber hatte ich sie damals wirklich gehört? Oder nur in den aufregenden englischen Musikzeitschriften von ihnen gelesen und mir vorgestellt, wie sie vielleicht klingen könnten? Ok, ich hatte Cassetten von The Primitives, The Darling Buds und The Wedding Present und eine LP von The Jesus and Mary Chain. Der “Indie-Sound” oder Twee oder Shoegaze oder wie-auch-immer-Post-Dark-Wavepop (= schrabbelige Gitarren, süße Melodien, süße Frauen-, bzw. raue Männerstimmen) sprach direkt zu meinem Herzen. Aber 1987/’88 war auch die Zeit, in der Schülerinnen aus der Kleinstadt wie ich vor allem Madonna, Prince und Die Ärzte gehört haben. Namen wie BMX Bandits und Brillant Corners wehten zwar von der britischen Insel herüber, manifestierten sich in Sound & Vision auf dem vogelsbergischen Lande aber erst Jahre später. Und trotzdem erscheint es mir heute so, als hätte der Soundtrack zu all den elenden, von Peinlichkeit und Schüchternheit gekrönten Liebeskummergeschichten und verbockten Französischklausuren geklungen wie “C 87” (und kam nicht, wie in der Realität von Elton John: “Sad Songs Say So Much”, “I’m Still Standing”).

Vor knapp zwei Jahren brachte Cherry Red die Compilation “C 86” heraus, eine erweiterte Neuauflage des Cassetten-Samplers aus eben diesem Jahr. Der New Musical Express legte solche Cassetten zwischen 1981 und 1988 in loser Folge den Heften bei. Besondere Berühmtheit erlangten die Zusammenstellungen “C 81” und “C 86”, die wie Anthologien die jeweiligen wichtigsten, neuen Bands auf dem Independent-Sektor versammelten. Auf “C 81” waren zum Beispiel Cabaret Voltaire, Aztec Camera und Josef K zu hören, auf “C 86” die Shop Assistants, The Pastels oder Primal Scream. C 87 gab es gar nicht – auch eine Erkenntnis, die ich nicht ohne fremde Hilfe aus dem Internet erlangt habe. Hätte man mir glatt verkaufen können, so eine originale C 87-Cassette… aber weil die “C 86”-Compilation so gut ankam, und alle in die Jahre gekommenen PopschreiberInnen so begeistert davon waren und seitenlange Huldigungen schrieben, hat Cherry Red C 87 als Anknüpfung daran schlicht erfunden – was von mir aus voll in Ordnung geht. Genauso opulent aufgemacht wie “C 86” natürlich: Drei CDs im Boxset, mit dickem Booklet mit Infos zu allen Bands. Auf CD 1 und 2 befinden sich populärere Songs von zum Beispiel The Shamen, The Bodines, Biff Bang Pow!, The Wonderstuff, The Heart Throbs und mein liebstes Lieblingslied aller Zeiten, nämlich “Big Rock Candy Mountain” von The Motorcycle Boyc: Die stets höchst durchgestylte schottische Band wurde von Ex-Shop-Assistants-Sängerin Alex Taylor gegründet und blieb unverständlicherweise sehr erfolglos. Es gibt nur ein Album (“Scarlet” von 1989), nach dem sich die Band umgehend auflöste. Macht übrigens viel Spaß, die Bandstories im Booklet zu lesen… jaja, Spiralen der Erinnerung, schon klar.
CD 3 präsentiert etwas abseitigere, weniger poppig-zugängliche, noch vergänglichere Musik: The Hepburns, The Wishing Stones, The Desert Wolves – ja, genauso klang das damals, 1987, als ich jung und unglücklich verliebt war. Oder etwa nicht?
Christina Mohr

Dies ist der Nachfolger der heute legendären „C-86“-Compilation, die im Sommer 1986 vom New Musical Express anlässlich der Londoner ICA Music Week zusammengestellt wurde. Der Umstand, dass der vorliegende Sampler mit knapp 30jähriger Verspätung erscheint, sagt bereits etwas aus über die Kurzlebigkeit des musikalischen Trends C-86/87, der damals auch oft unter dem Begriff „Noisepop“ (manchmal auch „Popnoise“) subsumiert wurde. Der Terminus geht zurück auf John Robb, damals Sänger und Bassist der Band The Membranes, die hierzulande auf dem von Indie-Held Phillip Boa gegründeten Label Constrictor veröffentlichten.

„Noisepop“ fasst sehr gut zusammen, worum es einer Vielzahl der hier versammelten Bands geht: vor dem Hintergrund entschieden schlecht produzierter „shambling guitars“ (John Peel damals über den Klang der hier vertretenen Wedding Present) läuft eine simple Melodie ab, die mal mehr, mal weniger hooklastig ausfällt.
Im Grunde eiferten viele der Noisepop-Repräsentaten dem klassischen Punkrock-Modell nach, wobei der Unterschied darin besteht, dass C-86/87 kaum mit einer ausgeprägten Haltung einherging. Ich erinnere mich an einen großen Spex-Artikel zu dieser Thematik vom September 1986, in dem der tolle Michael Ruff (wo ist er jetzt?) den Vorwurf erhebt, die Noisepop-Szene kreise zu sehr um sich selbst und sei geprägt von übermäßiger Selbstgenügsamkeit. Tatsächlich kann „C-87“ in dieser Hinsicht als Inbegriff angriffsmüder Indie-Harmlosigkeit gelten (andererseits lässt sich diese Harmlosigkeit auch als Anti-Haltung lesen, die sich dem Erfolgsdiktat der herrschenden Chartskultur verweigert. In dieser Hinsicht entspräche „C-87“ dem Gegenprogramm zu Madonna und Michael Jackson, die damals in gewissen Kreisen durchaus als Feindbilder galten. Zum Verhältnis zwischen Mainstream und Subkultur später noch mehr). Das übersetzt sich musikalisch in eine verschüchterte Vortragsweise, die klingt, als käme der Gesang von unter der Bettdecke (hier könnte man die völlig verzärtelten Emily nennen, die sich anhören, als würden sie in sich zusammenfallen, wenn man sie nur mal schief anguckt). Es geht mir nicht darum, den Wimp-Flügel von C-87 per se als Sackgasse abzukanzeln. So gehören die Songs von den hervorragenden BMX Bandits oder Brilliant Corners, die ebenfalls zu jingle-jangle-twee-Pop tendieren, zu meinen Lieblingsliedern. Es ist nur so, dass zu dick aufgetragene Fragilität manchmal furchtbar nervt.

Demgegenüber stehen Bands wie die Blues unter dem Vorzeichen von Dandytum praktizierenden Weather Prophets oder die brillanten Motorcycle Boy, die wissen, wie man einen Song so strukturiert, dass man ihn nicht gleich wieder vergisst. Vor allem letztere, ein Projekt um Ex-Shop-Assistents-Sängerin Alex Taylor, haben mit „Big Rock Candy Mountain“ einen vergessenen Klassiker toll trashigen Bubblegum-Pops geschaffen, der wie eine Indie-Variante von Sigue Sigue Sputnik klingt.

Andere Bands, die vom traditionellen Wimp-Schema abweichen, sind A Witness oder Bog-Shed, die sich an der Monotonie von The Fall orientieren und dissonante Funkmuster Marke Eigenbau spielen, in die ein allein stehender Sänger schlecht gelaunt hinein deklamiert. Ähnlich, aber weniger kubistisch agieren I, Ludicrous, deren „My Baby’s Got Jet Lag“ zu den Höhepunkten dieser Compilation zählt. Der Song zeichnet sich dadurch aus, dass der Sänger sich Raum schafft zur Artikulation statt im Soundmatsch unterzugehen wie viele andere hier (auch wenn der Text ein bisschen doof / albern ist).

1987 war vielleicht das letzte Jahr, in dem britischer Indie-Pop noch eine Rolle spielte – und sei es nur unter dem Aspekt des Ausdrucks musikalischer Subkultur. Die Liner Notes zu dieser Compilation weisen zurecht darauf hin, dass das Ende der Smiths im Spätsommer des Jahres zu einschneidenden Veränderungen führte. Mit der Auflösung dieser Band fiel eins der prägenden Modelle weg, auf die die Bands der C-87-Szene sich beriefen. Das zweite Modell, das hier zu nennen ist, wird repräsentiert von The Jesus & Mary Chain, die nach ihrem zweiten Album jedoch in die relative Bedeutungslosigkeit verschwanden. Ab 1988 wurde Indie-Pop abgelöst von der Hegemonie elektronischer Musik im Kontext von Rave-Kultur. Mehr als je zuvor trat in diesem Zusammenhang der enge Konnex zwischen Subkultur und Mainstream zutage, der die alten Abgrenzungsmechanismen klassischen Indie-Pops verabschiedete. Ein Prozess, der ab Mitte der 90er dann in Form von Brit-Pop nur noch weiter forciert wurde.

Diese Compilation hilft, sich daran zu erinnern, wie groß die Kluft zwischen Indie und Mainstream einmal war. Kontaktzonen zwischen beiden Sphären etablierten sich nur sehr punktuell (etwa in Gestalt von New Order, deren Orientierung an Synthesizern dazu beitrug, chartskompatibel zu sein). Zwar werden im Zuge der heutigen Auflösungstendenzen der Musikindustrie auch die Unterschiede zwischen „Underground“ und Charts destabilisiert, aber man könnte sich fragen, ob der Preis, den man für diese Entwicklung zahlt, nicht zu hoch ist.
Mario Lasar

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