Sonntag, 24.09.2017
Das Leben der Anderen (III)

Ralf König, Ursus, Barbarkulor, Hammerhead, Lampe, Prada Meinhoff, Damen und Herren des Orchesters

Was die anderen alles so machen. Man kann es schweigend bestaunen, es bei der Polizei anzeigen oder ein paar Worte verlieren. Etwas davon geschehe nun hier. Linus Volkmann poliert einige Schätze.

20170525_093430_resizedRALF KÖNIG „Safere Zeiten“
aus Köln
Ralf König, ich liebe Dich! So sehr, dass ich mir von Mutti immer noch jedes Weihnachten den gerade aktuellen Band wünsche. Vielleicht mag König ähnlich wie Garfield nicht mehr korrekt zeitgemäß erscheinen, aber viele der Comics lese ich wieder und wieder. Meine Lieblingsgeschichte steht in „Safere Zeiten“. Sie beschreibt, wie sich die AIDS-Angst der ausgehenden 80er Jahre in die ausschweifenden sowie stets auch latent spießigen Privatleben schwuler Männer zeckte und alles veränderte. Golden Shower, Kartoffelsalat und die peinliche Sache mit den Kondomen. Dass man hier auf ein Werk sieht, dass vor über 30 Jahren entstanden ist, merkt man lediglich an einigen Details: Der futuristische VHS-Recorder ist das neueste Technik-Gadget, das das überholte Super 8 ablöst. Haha, irre! Muss man sich mal vorstellen in einer Zeit, in der bluRay-Player anmuten wie steinalter Sondermüll. Anyway, liebe dieses Heft so sehr.

20170412_090602_resizedHAMMERHEAD
aus Bad Honnef
Hammerhead sind schon früh ihr eigener Mythos gewesen. Fast noch schneller als der Crust-Punk-HC waren Anekdoten über die Band unterwegs. Sänger Tobias Scheiße habe zum Beispiel Ox-Chef Joachim Hiller auf Zuruf das Knie entglast. Stimmte so irgendwie wohl nicht, aber neben der brachialen Attraktion ihrer Platten schwang stets auch immer Angst mit. „Hammerhead spielen bei uns?!“ raunte man sich in der Konzertgruppe zu und der Nebenmann schaute wie Großvater, wenn dem gesagt wurde: „Die Russen kommen!“
Dass die Band diesen Szene-Flurfunk selbst auch pflegte, befeuerte die Sache natürlich. So gingen Hammerhead als ganz große Gang des hiesigen Hardcores in die Geschichte ein. Doch vorbei ist nicht vorbei. Vor diversen Jahren wurde die Historie mit vielen Zeitzeugen (Uhlmann, Nagel, ja, sogar Hiller) aufbereitet in einer sehr guten DVD. Titel „Sterbt alle!“ – und letztes Jahr dann noch mal eine Platte als Gruß aus dem Grab, „Opa war in Ordnung“.

20170512_233321_resizedLAMPE
aus Mannheim
Ist das schon Stockholm-Syndrom oder Hirnhautentzündung oder habe ich bei dem Besuch der Pop-Akademie in Mannheim wirklich eine neue Lieblingsband aufgetan?
Offensichtlich.
Der Name: Lampe.
Trotz sehr pointierter Texte schweift die Erzählung immer wieder ins übergeschnappte Plaudern ab, ohne dabei Rhythmus und Songformat zu sprengen. Das Ergebnis wirkt reichhaltig und hat mit seinen Binnenreimen immer etwas von Rap-Lyrik aber auch einiges von zum Beispiel Funny van Dannen oder FIL, der ja neben seinen Didi&Stulle-Comics auch als Musiker auffährt.

„Und Du rennst ins Freie raus / aus deinem Reihenhaus / das aussieht wie bei Micky Maus / und das gerade von der Feuerwehr gelöscht wird / mit Urin / Nach einem Spargelfest“

Ich bin ja kein Dozent an der Akademie, muss allerdings sagen, das hier ist so schön, schlau und albern. Aber ob sowas Gutes wirklich mehrheitsfähig ist? Eher weniger. Also wartet nicht, bis euch Staatsakt oder Intro dieses Duo irgendwann präsentieren – denn das wird vermutlich nicht passieren. Entdeckt es also lieber jetzt ganz für euch allein.

20170524_174735_resizedLUX „Barbakulor“
aus Schwaben
Weiß noch, was für ein Triumph es vor etlichen Jahren für mich darstellte, mit Felix die erste Ausgabe des Fanzines Schinken Omi zusammenzupuzzeln.
Wir schenkten damals on a regular base unsere Arbeitskraft einem durchrubrifizierten populären Musikmonatsmagazin. Aufgeregter Quatsch und schiefer Strich fanden darin eher keinen Platz. Mit dem eigenen Fanzine lebten wir uns dann mal einen Sommer lang aus wie Oskar in der Mülltonne. Die nächsten beiden Ausgaben wurden danach zwar qualitativ weit besser, aber damit eben auch aufwendiger. Weniger hingerotzt, mehr überlegt. Hat auch seinen Reiz. Aber ich freue mich immer, wenn ich handkopierte Heftchen sehe, bei denen man merkt, hier hat jemand „einfach mal gemacht“.
In „Barbakulor“ von dem genialen Strategen hinter der karierten Comic-Sensation Egon Forever steckt dabei sicherlich trotzdem viel Arbeit. Aber wenn man sie nicht selbst leisten musste, kann man diesen Aspekt ja gut vernachlässigen – und konzentriert sich auf ein übernerdiges Fantasy-Travestie-Groschenheftchen im Egon-Stil. Es geht um einen Helden aus der Dimension X15 und nahezu alle Gags sind – wie zu erwarten – total meta und trashy angelegt. Also der seltsame Comic-Fantasy-Held als Kommentar auf einen Fantasy-Held – wenn nicht gleich schon als Kommentar auf den Kommentar.
Keine Angst, die daraus resultierenden Anti-Gags sind teilweise ganz einfach nur lustig.
Als Anreiz sei daher bloß kurz noch von der Witze-Seite dieses Heftchens zitiert:

„Fritzchen fragt die Oma: ‚Oma, wenn ich heute eine 6 in Mathe mit nach Hause bringen würde, was würdest du machen?‘ Sagt die Oma: ‚Dann würdest du Hausarrest bekommen!‘ Darauf Fritzchen: ‚Zum Glück bist du bald tot.‘“

20170615_185523_resizedURSUS
aus Stuttgart
Irgendeiner meiner schwäbischen Influencer-Friends riet mir ab von Ursus. Deren Mischung aus Speed Metal und Schlager sei aufgesetzt. Ich glaube, er hatte geweint, als er mir das sagte. Mein Interesse allerdings war geweckt, weiß ich beide Genres doch bereits getrennt voneinander sehr zu schätzen. So kam ich dann auch mit der Journalistin Maria ins Gespräch, sie singt und spielt Xylophon und nun erreicht mich ihre Platte, klingt mittlerweile stilistisch nicht mehr ganz so zusammengeprügelt sondern eher wie EA80 mit weniger Todessehnsucht – aber weiterhin gut übergeschnappt. Soll wohl auch genauso sein. Empfiehlt sich quasi von selbst.
Daher zitiere ich auch mal das Anschreiben, mit dem sich Maria an mich wandte:

„Yoyoyo, endlich haben auch die letzten Lappen in Kaputtgart eine Vinyl gedroppt: Sie ist durchsichtig pink, hat 12 Inch und vereint all das, was nach dem Hype um das ‚neue Seattle‘ noch in Stuttgart abzugrasen war: Nix.“

20170516_104735_resizedPRADA MEINHOFF
aus Berlin
Ein ziemliches Berlinvideo haben sie sich gedreht, zelebrieren catchy Abfuck, tragen Strumpfhosen mit Laufmaschen und ein Pflastersteinwurf nur ist Annette Humpe entfernt (zu Ideal-Zeiten nicht zu Ich & Ich, versteht sich von selbst). Prada Meinhoff sind auf eine Art grell, dass einige meiner geschmäcklerischen Musikjourno-Freunde sich bereits eine Dachlatte auf den Kopf gehauen haben – um endlich ohnmächtig zu werden. Zu sehr mia sei ihnen das. Mit diesem Bezug wird das Duo von Christin und René wohl leben müssen. Allerdings greift das viel zu kurz. Ihr Sound ist viel minimalistischer, erinnert eher an DAF-Stücke wie „Als wär’s das letzte Mal“. Beats, paar wenige Sounds – und live nur Bass und Stimme drüber. Sehr intensiv, bewusst angreifbar und – was man bei der kühlen Inszenierung erstmal gar nicht denken würde – wahnsinnig charmant.

20170615_185319_resizedDie Damen und Herren des Orchesters „Zweihundert Jahre ohne Erfolg“
aus Augsburg und/oder Stuttgart (k.A.)
Das Duo der freundlichen Seltsamkeit Roland van Oystern und Ferdinand Führer ist herrlich, skurril und melancholisch. Was bisher geschah: Das Buchprojekt von ihrer Bromance-Reise nach Rumänien, die aufwendig zusammenphantasierten Fake-Punk-Homestorys oder die Hysterie triggernde Pseudo-Wiederbelebung des Force-Attack-Festivals. Alles geil.
Zentral natürlich auch ihre Musik. Club Déjà-vù, das eher Führers Ding darstellt oder die Damen und Herren des Orchesters, welches die Songwriter-Skills von Roland ausformuliert.
All ihrem Treiben gemein ist allerdings weiterhin die Tatsache, dass es sich unendlich schwer verbreiten lässt. Auch bei mir liegen die Roland’n’Ferdinand-Postings in den Regalen wie Blei. Ich habe da überhaupt kein Verständnis für.
Dennoch wäre dieser Außenseiter-Kunst nicht damit gedient, sie als gescheitert erzählen zu wollen mangels Aufmerksamkeit. Wieso denn auch? Madsen haben sicherlich in ihrer Karriere mehr Leute erreicht, aber wenn einer gescheitert ist, dann doch eher solche stumpfen Böcke mit Gitarren und ohne je eine einzige schöne Idee. Roland und Ferdinand sind eben einfach was Exklusives. Wer das durchdringt, der hat es besser im life.
Die Damen und Herren des Orchesters spielen Indie-Poprock mit Texten, die mal ganz klar sehen können und sich aber auch gern verdrehen. Stabil bleibt stets der unendlich feine Wortklang und die leicht brüchige Stimme Rolands.

 

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