Donnerstag, 14.12.2017
Egon Forever schreibt einem was

“Du kannst gerne vorbeikommen und wir schauen die Sportschau” – Besuch bei Uwe Boll

Egon Forever alias Lux Eiwalker ist ein bekannter Zeichner und Sportfan aus Süddeutschland. Und als er dem mächtigen Kaput-Magazin anbot, einen Text über die Autobiographie des Filmemachers Uwe Boll aufzustellen, sagten wir natürlich “ja”. Immerhin dachte niemand ernsthaft, dass uns ein solcher Artikel je erreichen würde. Umso überraschter und ja, auch stolz sind wir nun, genau diesen Beitrag hier zu präsentieren. Lux bei Boll. Die Story sollen uns die anderen Scheißblogger und “echten” Magazine erstmal nachmachen.

Kaum komme ich aus dem Urlaub zurück, schon sehe ich, dass Uwe Boll die PARTEI mit einem kleinen Facebook-Video zur Bundestagswahl unterstützte. Das verwirft ein kleines Element meines Textes, den ich mir vorgenommen hatte zu schreiben, während ich die erste Hälfte meines Urlaubs Bolls aktueller Autobiographie “Ihr könnt mich mal!” widmete. Am Strand in Südfrankreich, da lag ich lesend und sinnierte über Uwe, mich und Weihnachten 2012 (zum Leidwesen anwesender Personen), als ich ihn zu Hause in Kitsilano, einem Stadtteil von Vancouver, das erste Mal besuchte.

Ich wohnte nicht weit weg von ihm, im Osten der Stadt und arbeitete zu dieser Zeit als Social Worker in einer Außenwohngruppe. Dass Uwe Boll, also DER Regiesseur Dr. Uwe Boll, welcher mich durch die frühen 2000er mit seinen Filmen “Heart Of America”, “House Of The Dead” und “Alone In The Dark” brachte, in Vancouver wohnhaft ist, wusste ich, weil er das schon damals in vielen Interviews erwähnte und auch die meisten seiner Filme dort drehte. Ich schrieb ihn an, so wie ich ihn auch in den Jahren zuvor immer mal wieder anschrieb, um ihm meine CDs, die ich als Singer/Songwriter Autobot aufnahm, zuzuschicken. Wegen Fan-sein und weil er einfach immer antwortete. Wirklich! Er schrieb stets zeitnah zurück. Jedes Mal überraschend und beeindruckend nett. “Ich habe deutsches Fernsehen, du kannst gerne vorbei kommen und wir schauen die Sportschau.” stand da so in etwa. Im Winter 2017 jährt sich diese Geschichte ein fünftes Mal und ich erzähle sie dennoch immer und immer wieder bei Treffen, auf Comic Cons oder wenn ich eine Lesung habe (zum Leidwesen aller anwesenden Personen): Die Geschichte, wie mir Uwe Boll in seinem Garten entgegen kam und sein erster Satz war: “Oh, cool dass du schon da bist, dann kannst du mir ja dabei helfen, meinen Weihnachtsbaum aufzustellen.” Das taten wir. Und wir tranken Cappuccino und schauten die Sportschau vormittags um 11 Uhr. Danach trafen wir uns noch vier Mal wieder: Einmal für einen Spaziergang mit seinen Hunden, einmal lud er mich ans Set zum Dreh von “Suddenly” mit Ray Liotta und Michael Paré ein und einmal, als ich mich von ihm verabschiedete und ihm noch eine persönliche Egon Forever!-Zeichnung in die Hand drückte und dann erst wieder etwa 3 Jahre später in Kaiserslautern als er dort 2016 seinen letzten Film “Rampage 3″ auf einer kleinen Kino-Tour zeigte. Uwe Boll privat kennenzulernen, bleibt für mich sicherlich immer ein großes Highlight meines Lebens. So unfassbar weird das auch klingen mag. Im Jahr 2015 widmete ich ihm meinen Roman “Drakula gegen Dracula” mit einem Zitat: “Schreib lieber mal ein Buch, Andre. Die film industry ist over.” Jetzt hat er selbst eins geschrieben. Über sich.

Ich will jetzt auch überhaupt nicht auf diese ganze “Schlechtester Regiesseur aller Zeiten”-Scheiße eingehen oder seine Filme in Schutz nehmen. Die Sache ist: Uwe Boll wollte nie das sein, was die meisten Kritiker seiner Filme sein wollten: Ein Künstler. Er ist ein grober Handwerker mit einer unumstößlichen Agenda, ein bisschen Bock und außerdem besitzt er ganz offensichtlich einen durchweg proletarischen Hintergrund. Er möchte sich nicht selbst verwirklichen oder eine visionäre Interpretation von Irgendwas abliefern und dafür von den krediblen Leuten Hollywoods Umarmungen einholen. Er will ein Produkt herstellen, das Menschen kaufen können und das sie unterhält und ihn Miete und Hundefutter bezahlen lässt. Und das mit den Mitteln und Methoden, die ihm zur Verfügung stehen und nicht mehr. Sein rustikaler Background wird in der Biographie zu Beginn sehr deutlich, vor allem in dem Moment, wo er sein erstes Mal ohne jegliches Fingerspitzengefühl beschreibt. Da blieb mir schon das Lachen im Halse stecken so baurig-stumpf ist das. Uwe Boll schreibt nüchtern über seine ersten Besuche im Kino und dann über die Versuche selbst etwas zu filmen. Dabei springt er munter hin und her und man hat das Gefühl, dem redseligen Patenonkel bei der Verwandtschaftsfeier zuzuhören, wie er sich eine schmissige Anekdote nach der anderen aus dem Ärmel schüttelt. So unkonventionell erzählt sind ja auch seine Filme. Das ist ist übrigens das Ding: Kein Film von Uwe Boll ist schlecht. Hört, hört! Da behaupte ich was. Stimmt aber: Technisch sind sie alle durchweg völlig in Ordnung und können sich wirklich sehen lassen, für das, was sie jeweils gekostet haben. Das wird im Buch stellenweise sehr detailliert erklärt: Wie finanziert sich so ein Film, wie legt man einen Fond auf, wie bekommt man vielleicht gescheite Schauspieler und wie geht man mit dem fertigen Produkt um? Das ist mal interessant und manchmal auch etwas verwirrend. Zumindest ist nicht viel Platz für Träumereien, Glamour und Show. Man hört Uwe Bolls Stimme beim Lesen, die man auch von den Audiokommentaren seiner DVDs kennt, wie er erst ambitioniert vom großen Einfall posaunt, dann langsam leiser wird, vermeintlich resigniert und dann wieder Vollgas gibt mit Kapiteln wie “Was ich tun würde als Herrscher der Welt” so uwebollig wie möglich um die Ecke kommt. Sowas macht mir persönlich einfach Spaß beim Lesen, weil ich mich selbst darin sehr gut erkennen kann. Zwischendurch natürlich jede Menge geile Geschichten über Mickey Rourke, Jason Statham, Ben Affleck, Henry Maske oder Til Schweiger. Er schreibt und labert halt, da ist Organisation ja auch egal, denn in einem echten Gespräch hält man sich ja auch nicht an vorgegebene Erzählstrukturen. Das Buch (wie seine Filme) hat bis zum letzten Satz immer einen absolut autodidaktischen D.I.Y.-Charakter. So auch die Drehbücher seiner Filme: Die laufen eben anders ab, als man es gewohnt ist. Egal ob die Videospielverfilmungen oder seine Babys, die er unbedingt machen wollte wie “Assault On Wall Street” oder “Rampage”. Das Thema der beiden letzten Filme ist übrigens der Amoklauf an sich. Genau wie bei “Heart Of America” und den beiden weiteren “Rampage”-Teilen. Die Boll-Filmografie im Allgemeinen gibt einem auch heute noch das Videotheken-Feeling von früher zurück, als man bei der Auswahl fürs Wochenend-Programm zu Produktionen griff die aufregend und im besten Fall sehr waghalsig klangen. Im Prinzip sollte man Uwe in der stattfindenden Horror/Action-Retrowelle eine ausgedehnte Netflix-Serie über einen Typen machen lassen, der systematisch und alleine Stück für Stück die Welt vernichtet. Die Serie wäre halt geil. Nix für Feingeister und sicherlich auch an vielen Ecken und Enden nicht perfekt und generell äußerst, also ich meine: ÄUßERST fragwürdig. Zu Beginn des Buchs schreibt Uwe, dass seine Lebensmaxime “Was du nicht willst, das man dir tu…” sei und am Ende erzählt er, dass er es völlig in Ordnung fände, wenn man Gewalt mit Gegengewalt bekämpft beziehungsweise Gewalt in manchen Situationen auf jeden Fall eine Lösung wäre. Ebenso ambivalent wäre dann wohl auch seine Serie. Ich schreibe bewusst “ambivalent” und nicht “kontrovers”, denn eine kontrovers geschriebene Serie würde man sofort durchschauen und das käme allzu kalkuliert daher. Lieber ein bisschen mehr vom antiken Boll-Holzhammer.

mituwedaheim2012

Paparazzi-Shot von Boll und Forever

Wenn man die Filme nicht aushält und beschissener, linearer Artsy-Fartsy-Europa-Quatsch oder Tarantino, “Fight Club” und Wes Anderson für einen das Maß aller Dinge sind, dann sollte man sich wenigstens “Darfur” oder zumindest die One-Shot-Eröffnungssequenz von “Heart Of America” reinziehen. Beides sind sehr gute Filme, das kann man nunmal nicht leugnen. Selbsternannte Trashmaniacs, die sich in launiger Runde ein Bier zum neuesten “Sharknado”-Film aufmachen und Boll-Filme in solch eine Riege einreihen, haben leider auch nix kapiert und können ihren lässigen Tongue-in-cheek-Bullshit gern ins IKEA-Regal einsortieren. Jetzt verfalle ich auch schon in den Uwe-Boll-Sprech, denn im Buch wird ganz schon viel geflucht und abgefeuert. Ich bin nicht in allem einer Meinung mit Uwe. Er schreibt beispielsweise in einem Kapitel, dass er die Bundeswehr besser ausbilden würde und ich finde, gerade bei politischen Sachen verpasst er die Chance, bei einem Thema wie Rechtsruck in der Welt oder AfD klar Stellung zu beziehen. Ich verfolge seine Facebook-Präsenz und lese mir alles von ihm durch und gerade, wenn ein lauter Deutscher wütend in eine Webcam reinpfeffert, was ihm gerade alles nicht passt, zieht das natürlich auch wutbürgerige Leute an. Das führt dann dazu, dass auch der ein-oder-andere compact-Leser ein Video kommentiert oder beim Fan-Meet-and-Greet in Kaiserslautern ein kartoffeliger, Tribal-tätowierter-Grauzonen-Deutschrockfan im Krawallbrüder-Shirt dem Uwe nahelegt, er solle doch mal eine eigene geschlossene Facebook-Gruppe gründen.

Sein Auftritt für die PARTEI hat mich nicht überrascht jedoch ob dieser politischen Positionierung sehr erfreut. Zumal er in seinem Buch jetzt auch nicht den großen Gagminister macht. Nochmal: Er ist all das, was Cineasten, Internet-Nerds und Schauspieler nicht sind. Einfach ein spröder, vom Filmbusiness gegerbter Mann, der viel zu erzählen hat. Man möchte zustimmend nicken und ihm auf die Schulter klopfen, während er immer noch weiterredet und im nächsten Moment denkt man sich dann “Um Himmels Willen! Stopp!”. Wie bei einem guten Kumpel, der wie ich, du und alle ein gewaltiges Ego-und Perspektiven-Problem hat. Ein Typ, den man Nachts um 3 anrufen kann, wenn man mit dem VW Jetta zwischen Neubulach und Oberhaugstett stehen geblieben ist, oder wenn man Hilfe beim Umsetzen der Ytong-Steine in der Garageneinfahrt braucht. Wobei. Letzteres wird bei Uwe Boll schwierig, denn er ist körperlich sehr geplagt. Über seine Zeit als Boxer schreibt er übrigens auch. Im Laufe seiner Karriere hat er ja dann noch ein paar seiner Internet-Kritiker im Ring weggehauen. Wahrscheinlich die bekannteste, aber auch eine der besten, wahren Geschichten um ihn. Das Buch ist voll von diesen Geschichten, auch wenn es kurz erscheint, denn man hat es in einem Tag durch. Kurzweilig. Auf jeden Fall. Und mega unterhaltsam und vielseitig: Neben den ganzen Aufschrieben über seine Filme gibt es auch noch die Beerdigungsrede für seinen Vater und viele Statements zum Thema Tierschutz. Mir stellen sich am Ende dann doch noch ein paar Fragen: Hätte das Buch nicht auch ein größerer Verlag rausgebracht? Was ist der KICK Verlag und wie kam der Kontakt zu Stande? Kommt Uwe Boll nach seinem Abschied und seinem persönlichen Neustart mit einem sehr erfolgreichen Restaurant in Vancouver eventuell doch nochmal zurück ins Biz? Ich meine: Schlechter Ruf hin oder her, aber ein Ruf ist ein Ruf und wer würde sich nicht die erste Staffel einer Serie anschauen die von Uwe Boll gemacht wurde und eben nicht von einem No-Name oder einem Musikclip-Regisseur? “Hast du schon die neue Serie gesehen. Von Uwe Boll?” “Von Uwe Boll?” “Ja!” “Nee. Krass. Binge ich aber gleich heut Nacht noch mit den Mitbewohnern durch.”

Besagter KICK-Verlag verlost übrigens drei eBooks von “Ihr könnt mich mal!” – Sowas ist dem Linus Volkmann ein bisschen zu hart am Lokalmagazin vorbei. Wir befinden uns hier aber im Internet und ich bin nicht Linus Volkmann. Deshalb sage ich: Die drei, die mir als erste folgende Frage beantworten, gewinnen die Download-Codes: Wie heißt die Horrorkurzfilm-Sammlung, für die Uwe Boll eine Sequenz mit Josef-Fritzl-Story beisteuerte, die allerdings nie fertig produziert wurde? Schreibt die Antwort an: andre_lux@yahoo.de

Cover_Hoerbuch_Ihr_koennt_mich

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