Mittwoch, 18.10.2017
Eurovision Song Contest

What ever happened to the heroes?

Das war ein recht guter Abend. Aber ich weiß nicht, wie ich darüber schreiben soll. Trotz allen Interesses mangelt es mir am lexikalischen Wissen der ESC Spezialisten. Also vielleicht doch auf Nummer sicher gehen und gleich in der Überschrift auf gewohnte Distanz setzen? Etwa so:

  • Profi Catering mit Schwedenhappen
  • Putin darf nicht siegen
  • Der nette Jung im falschen Film
  • Kein bisschen Frieden
  • Only left with smoke

In den letzen 20 Jahren hat sich jener Ton etabliert, der, den Eurovision Song Contest als Freakshow betrachtend, um die besten Gags, die witzigsten Analogien und humorigsten Beobachtungen feilscht.
Die Musik gab oft allen Anlass dazu. Die vergangenen zwei Dekaden waren auch fern des Schlagerwettbewerbs die Zeit des vollzogenen Rückzugs der als cool oder relevant betrachteten Musik. Singlecharts? – wen kümmert’s! Dem Patient ging es nicht gut, in Hamburg schrieb man dazu die Texte. Und so fanden sich zwei Pop-Generationen wieder im Lament und Gestus der Anklage, widmeten sich ironischen Überspitzungen und letztlich der ernüchterten Feststellung einer Unmöglichkeit im dandyesken Lob des Scheiterns.

Warum ich das erwähne? Nun, wenn wir davon ausgehen, dass Popmusik uns etwas über die Welt da draußen berichtet, wenn sie uns meint und wir ihre Texte vielleicht noch im Alter nach Sinn suchend rezitieren, dann macht es auch Sinn, eine Veranstaltung wie den ESC nicht einfach wegzulachen.

Oh, Lordi

Insofern war der gestrige Abend vielleicht keine Präsentation von glattproduzierten Posen, übertrainierten Stimmen und albernen Choreografien, sondern in weiten Teilen eine verunsichernde Reise in die Dunkelheit.
Peter Urban diagnostizierte gestern lediglich (und nicht zu Unrecht) dem britischen Beitrag, einer an die Dr. Buzzards Original Savannah Band erinnernden Combo, nur eben als Schwundversion ohne Soul und Eleganz, den ESC mit einer Comedy Show zu verwechseln.

Tatsächlich mag es dem distanzierten Beobachter auffallen, dass jene perkussive, hochkomprimierte Party-Wumme mit wilden Shakira Doubletten, dröhnenden Musical-Stimmen und dezenten Balkan-Anspielungen auch im ESC seit einigen Jahren auf dem Rückzug ist. Ebenso jene Strohfeuer im Dienste witziger Sound-Ideen, Zwischenweltenlooks oder abgehalfterter Produzentenlegenden.
Wenn gestern Exzentrik auf der Bühne erschien, dann wie bei Serbiens Bojana Stamenov als überzeugte Geste der Befreiung.

Nicht, dass das Spektakel ansonsten dem Vortrag knochentrockener Liedermacher mit deklamierender Kopfstimme gewichen wäre, aber fast auf Zehenspitzen rückte der Song wieder stärker ins Zentrum des Interesses.

Doch genau damit beginnt der Schlamassel.

8,7407407407407      

Leicht hat man es, wenn man sich mittles klarer Genrezuordnung distanzieren kann, mag sie HipHop, Free Jazz, Drone-Ambient oder wie auch immer heißen. Denn dann ist das, was man beim ESC präsentiert bekommt: ein verblödendes Gekasper mit bestenfalls in Konsenzsäure zersetzen Statements und unerheblicher Musik im Dienste der Werbeindustrie.

Schwieriger jedoch, wenn man sich selbst in den sähmigen Weiten des Pop verortet, wenn man doch mit Geschmacksurteilen hantiert, etwa immer und immer wieder erklärt, warum Prefab Sprout und nicht Coldplay die bessere Band sind  – bis man irgendwann bemerkt, wie die Argumente einen ranzigen Geschmack gefrusteter Überheblichkeit bekommen, ganz wie einst das Gejammer alternder Rolling Stones Fans im Angesicht all der Bands die „nicht mal ordentlich spielen können“.
Vielleicht setzt man auch auf die Dandy Karte, lächelt distanziert, stimmt gar zu und denkt das Gegenteil, versucht sich an Winkelzügen, um in der eigenen Lieblingskneipe Widerspruch zu provozieren oder brilliert mit Sophistication. Doch dem Tatbestand der störrischen Dissenz entkommt man nicht. Nicht in der „Platten vor Gericht“-Liste und erst recht nicht im Tabellenwerk des Eurovision Song Contests.

Meine durchschnittliche Abweichung zum Urteil der Experten und Zuschauer beträgt 8 Komma Periode 740 Plätze – und dass bei einem Publikum, welches über Ländergrenzen, Regionen und internationalen Beziehungen hinweg zusehends einvernehmlicher entscheidet. Die Aufspaltung in Ost und West scheint beim Pop-Geschmack nicht mehr so bedeutend. Aber der feine Rezensent, der weiß es trotzdem besser?

Black Smoke

Der deutsche Beitrag von Anne Sophie verlor gerade in seinen kleinen Verwandlungen vom deutschen Vorentscheid hin zum Finale mehr und mehr von seiner ursprünglichen spielerischer Distanz – am Ende wurde er in etwas langsamerem Tempo und vom nervig Nasalen befreit, eleganter und in zusehends hymnischer Entschlossenheit zur Deklamation einer bevorstehenden Trennung: „Two hearts left to burn“.

Vielleicht werden solche Statements von den Strategie bestimmenden Werbefachleuten mittlerweile wieder durchgewunken, mit etwas Zynismus lässt sich das jedenfalls leicht behaupten. Denn im Verlauf des Wettbewerbs hörten wir ähnlich signifikante Textstellen:

  • „My mind went blank, I lost control“ (Mørland & Debrah Scarlett, “A Monster Like Me”, Norwegen”)
  • „Now my world lies shattered“ (Giannis Karagiannis, “One thing I should have done”, Zypern)
  • „And if we die tomorrow what’ll we have to show for the wicked ways down below“ (Loïc Nottet, “Rhythm inside”, Belgien)
  • „You killed me and I’m done without a gun“ (Maria Elena Kyriakou, “One last breath”, Griechenland)
  • „If the sky clouds over, with darkness never gone“ (Voltaj, “De la capat/ All over again”, Rumänien)
  • „Soldiers walk towards the dark“ (Boggie, “Wars for nothing”, Ungarn)
  • „Violence – set it free“ (Nina Sublatti, “Warrior”, Georgien)
  • „If tomorrow comes I’ll lose my mind“ (Elnur Huseynov, “Hour of the Wolf”, Aserbaidschan).

Eine in diesem Umfeld platzierte, von kühlen Blicken sowie gar einer Träne unterstützte Absage an gegenseitige Zuneigung wie im Duett der Esten Elina Born & Stig Rästa hat der Grand Prix seit längerem nicht gehört, auch nicht den eleganten Gitarrenpopappeal ihrs Stücks „Goodbye To Yesterday”.

Natürlich gab nicht nur Beziehungsdramen beim diesmaligen ESC. Der russische Beitrag von Polina Gagarina, welcher lange Zeit als Siegertitel erschien, positionierten sich im Antikriegs-Sujet.

So auch das Stück der ungarischen Jazz-Pop-Sängerin Boggie, ein außergewöhnlich strenger Songwriter-Folk mit seinen spröden Vokalsätzen weit näher an June Tabor oder Eliza Carthy als an dem, was man aus Erfahrung der letzten Jahrzehnte in diesem Wettbewerb vermuten würde.

Die aufwändige Lichtshow projizierte einen Baum aus Maschinenpistolen hinter die Sängerin! Nicht der einzige Moment mit High-Art-Gestus während der Show. Die dokumentarisch wirkenden Bilder verlassener Kinder im Rumänischen Beitrag von Voltaj negierten jede Hoffnung, welches dieser Song über die Zurückgelassenen der nur im Ausland Arbeit findenden Eltern letztlich doch vermitteln wollte.

 

Schon eher bekanntes Theater: Nina Sublatti, die in ihrem Gothic Look eben doch keine Zola Jesus war. Ihr Stadionrock erinnerte aber auf etwas außergewöhnliche Weise an die 90er, welche in den Beiträgen omnipräsent waren, vor allen im Stil des pompösen 60er-Jahre-Revivals des Britpop-Jahrzehnts, sprich potenzielle James Bond Powerballaden nonstop. Andere versuchten sich an frisch wieder hip gewordenen (oder vielleicht doch eher nie aus der Mode gekommenen) 90er R´n´B-Gesten.

Doch wer hätte inmitten dessen dem Aktuellen jenseits der Retro-Gesten verpflichteten Beiträge vermutet? Das mutige Stück des Belgiers Loïc Nottet und dann diese von Dubstepbässen begleitete FKA Twigs Adaptin aus Lettland: Aminata Savadogo, deren furioses „Love injected“ sogar einen respektablen sechsten Platz erreichte?

Ich zumindest nicht.

Diesmal erklangen auch in schwächeren Stücken interessante Melodieansätze. Es wurde versucht den Zwängen des „Instant Hit“ anders entgegenzuwirken als mit den Nonsense-Effekten vergangener Jahre. Manche Beiträge, wie etwas jene von Italien und Polen, verzichteten gänzlich auf Hooks für den 30 Sekunden Schnelldurchlauf.

Nicht allein Miss Savadogo mochte dem Publikum etwas zumuten – und so legte sich von Song zu Song unmerklich ein dunkler Nebel über die Veranstaltung. Keine guten Zeiten verkündend, wenn man denn den Botschaften von Popsongs Glauben schenken mag. Vielleicht geht das aber nur von Werken bis zu einer 1000er Auflage oder bei denen, die wir uns sorgfälgig als credible ausgewählt haben?

Würden wir uns durch die 60er Jahre des Grand Prix hören, würden wir atemberaubende stilistische Änderungen mitbekommen, vielleicht den gesellschaftlichen Aufbruch in France Galls „Poupée de cire, poupée de son“ erkennen, als erstmals ein Uptempo Stück triumphierte, dessen Gesangsstil zudem der geschliffenen Operettenkunst vieler Vorgänger entsagte. Recht wahrscheinlich würden wir hier das erkennen, was man veraltet als „Beat“ bezeichnet, eben als das, was wir uns heute noch unter „Pop“ vorstellen: ein möglicherweise flüchtig skizzierender aber darin so treffsicherer Blick auf das Jetzt, auf das noch gar nicht wirklich verstandene Jetzt, als Explikation eines Gefühls.

Diesmal wollte das Gefühl nicht swingen.

Dont bore us – get to the chorus!

Eine der Moderatorinnen des gestrigen Abends, Mirjam Weichselbraun, eine ehemalige VIVA- und MTV-Moderatorin, erlebte den Niedergang des Musikfernsehens der letzten Jahre. Weder gegenkulturell agitierte Massen noch euphorische Konsumenten werden heutzutage mehr geschaffen. Das einstige Leitmedium, die ehemals prägende Kunstform Pop, sie ist, wir haben es oft diskutiert, ein verblichener Traum. Pop als den enormen gesellschaftlichen Umbrüchen einen Klang gebenden musikalischen Entwicklungen hat sich verbraucht. Zumindest mit der großen Vehemenz, im kleinen spürt die Musik die Umbrüche aber noch immer auf – und ist auch noch für Momente des Spektaktels gut.

Nicht weniger, das behaupte ich, zeigte dieser Eurovision Song Contest. System- oder Verschwörungstheoretiker mögen nun abgezockte Marketingstrategen imaginieren und sich freuen, in mir einen weiteren Idioten gefunden zu haben. Aber ich sage: Schenken sie weder denen noch mir zu viel Glauben! Während ich diesen Text verfasse, etwas übermüdet und dem Gesang der Vögel in der Morgendämmerung lauschend, gröhlt der schwedische Siegertitel von Måns Zelmerlöw unablässig „We are the heroes of our time“ durch meine Gedanken. So ein Stück, dass in bester Kirmesqualität keine Gefangenen macht, ein Rannschmeisser, vorgetragen von einem sportlichen Symphaten, einem netten Jungen, dem drei Komponisten und Texter die Worte in skandinavischer Pop-Akademie-Qualität in den Mund legten. Warum auch immer, irgend ein Impuls oder eine Weltverschwörung diktierte ihnen aber dann noch einen Vers in das Stück, auf den ich meinen Optimismus baue: „But we’re dancing with the demons in our minds“. Vielleicht einfach nur so.

Afterlife

Nach der Show sah man die beiden Letztplatzierten, die Deutsche Ann Sophie und den österreichischen Vertreter The Makemakes, zusammenstehen und feixen. Der Sänger der The Makemakes hatte extra von Vorjahressiegerin Conchita die langen Haare und den Vollbart übernommen für seine 70er-Jahre Southern-Rock-Verkleidung, die im Sound gar nicht so schlecht war, wie es die Platzierung nahelegt. Sie wollen nun gemeinsame Sache machen, erwähnten die beiden trotzig vergnügt.

„Mag ich hören“, dachte ich, über mich selbst erstaunt.

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