Mittwoch, 18.10.2017
Record Of The week

FFS “FFS” / Franz Ferdinand Sparks

FFS_self-titled_album_cover_art

FFS / Franz Ferdinand Sparks
„FFS“
(Domino / GoodToGo)

Üblicherweise bin ich ja begeisterungsfähig wie ein Teenie, aber genau diese Eigenschaft drückte sich ziemlich gleichgültig im Hintergrund herum, als FFS, also die Kollabo Franz Ferdinand und Sparks im Postfach landete: Ach, da wollen sich doch nur abgehalfterte Ex-Popstars an sakrosante Legenden dranhängen und von deren immerwährenden Glanz was abhaben. So lautet mein erster Impuls, und dass ich mir das am Liebsten gar nicht anhören wollte. Zum Glück siegte dann doch die professionelle Neugier, ich hörte „Piss Off“, guckte das Video zu „Johnny Delusional“ und war/bin begeistert wie ein Teenie: So zwingend, knallig und überdreht klingt dieser Bastardpop, dass ich mich eher frage, warum die das nicht viel früher gemacht haben – zack, schon lese ich in einem Interview, dass der Grundgedanke zu Franz Ferdinand Sparks bereits vor elf Jahren entstanden war und nur deshalb zunächst nicht weiterverfolgt wurde, weil Franz Ferdinand damals gerade so richtig abhoben. Na, und wie es dann so ist, wenn man sich ungezwungen zuruft, „lass uns mal was zusammen machen. Kaffee trinken oder so“: Nix passiert. Keiner ruft niemanden an und die hübsche Idee verdümpelt – bis man sich zufällig auf der Straße wiedertrifft, so wie Alex Kapranos und Russell Mael vor zwei Jahren in San Francisco. Gut möglich, dass die nicht mehr ganz so geil laufende Karriere von Franz Ferdinand den Ausschlag gab, jetzt aber wirklich mal ein Album aufzunehmen – egal, jetzt ist es ja da und macht viel Spaß beziehungsweise bringt eine/n echt auf Trab: Habe fast durchgängig das Bedürfnis rumzurennen. Ungewohnte Empfindung für mich. Die Mael-Brüder halten unüberhörbar die Hauptanteile an Sound und Inhalt, neben dem typisch hämmernden Piano von Ron und Russells exaltiertem Gesang ist halt nicht allzu viel Platz – den Franz Ferdinand aber bestmöglich nutzen: mit schneidigen Gitarren, hektischem Beat und Kapranos Stimme, die Russells diametral kontrastiert. Passt perfekt. Sparks wiederum bringen jede Menge Keywords unter: Kimono, Cote d’Azur, Gary Cooper, Hello-Kitty-Uzi, Charles & Ray Eames – this is very Interior Design with Angst in my pants. Toll auch, wie unbeeindruckt von irgendwelchen äußeren Störungen das System FFS funktioniert: Diese Platte könnte tatsächlich auch schon elf Jahre oder noch älter sein und wird in elf Jahren genauso energetisch wirken. Aber ich will und kann nicht nur schwärmen, manchmal wird‘ s mir zu schrumm-schrumm-karnevalesk („The Man Without A Tan“), und ein Songtitel wie „Collaborations Don’t Work“ ist doch arg aufgesetzt lustig. Andererseits: Halten solche Kleinigkeiten begeisterte Teenies vom Kreischen ab?
Na, seht ihr.
Christina Mohr

Meine erste Freundin hatte viele Katzen. Ständig wechselnde allerdings, denn sie wohnte an einer populären Straße. Nur ein alter Kater mit versehrtem Schweif und einem Auge war schlau und misstrauisch genug, sich nicht überfahren zu lassen. Er überlebte Generationen von Artgenossen, begegnete jedem Annährungsversuch mit bösen Geräuschen und Tatzenhieben und schien mürrisch und einsam sterben zu wollen. Gegen Ende seines epischen Lebens schloss er dann aber doch noch eine enge Freundschaft zu einem Hasen. Man sah die beiden kaum noch getrennt voneinander, und geschwisterlich teilten sie die Eier, die sie jeden Tag vom Onkel meiner Freundin bekamen. Was will ich nun mit dieser Provinzidylle zum Ausdruck bringen? Nichts als überschäumende Freude angesichts unverhoffter Paarungen. Genau die nämlich durchströmte mich bei der schieren Information, dass die Großmeister des artsy Glamrock mit denen des artsy Indie-Rock alliieren, und sie prägt auch jetzt noch mein Hörerlebnis mit Wellen korruptesten Wohlwollens. Dabei ist die Mischung als solche gar nicht wirklich hörbar, geschweige denn explosiv. Wer einen dramatischen Battle of the Bands erwartet wie zwischen Aerosmith und Run D.M.C. wird ebenso enttäuscht sein, wie wahrscheinlich einige Franz Ferdinand Fans. Denn die Platte klingt eigentlich mehr nach einer leicht juvenil angerockten Sparks-Platte als nach irgendwas anderem. Einige Aspekte der Sparks scheinen sogar noch stärker hervorzutreten als bei den Sparks selbst, etwa das Theatralische, das Bühnenmusikalische. Am Ende jedes Songs sieht man Ron Mael im Geiste in großer Gebärde erstarrt und mit aufgerissenen Augen in der Sekunde Ruhe vorm Beifallssturm. Kapranos beschreibt an einer Stelle des Infos den Arbeitsprozess: „Als wir damit anfingen, uns gegenseitig Songs hin- und herzuschicken, fiel mir auf, dass ich aus meiner Vorstellung einer Sparks-Perspektive heraus schrieb, und was die Maels zurückschickten klang für uns wie ihre Idee von Franz Ferdinand“. So gesehen wäre die gefühlte Dominanz der Sparks auf dem Album kein Versagen von Franz Ferdinand, sich durchzusetzen, sondern, im Gegenteil, Beweis ihrer größeren musikalischen Empathie und virtuosen Wendigkeit. Wie rum auch immer, mir soll‘s recht sein. Die Platte ist besser als jede – da bin ich mir sicher – die die Bands einzeln zu diesem Zeitpunkt hätte machen können. Die Lieder sind nie Quellen tiefer Rührung oder Erschütterung, aber sämtlich – von „Dictator’s Son“ über „Man Without A Tan“ bis zum projektreferenziellen und sich performativ widersprechenden „Collaborations Don’t Work“ – so brutal unterhaltsam und smart, wie die Titel ahnen lassen. Und immer mit dieser im tiefen Wortsinn lustigen, sparkstypischen Nervigkeit, für die vermutlich Menschen am empfänglichsten sind, die ein ganz kleines bisschen gern durchgekitzelt werden. Ich freue mich jedenfalls. Sehr.
Jens Friebe

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