Montag, 16.10.2017
Record of the Week

Hudson Mohawke „Lantern“

Kaput_Hudson_Cover-Hudson Mohawke
„Lantern“
(Warp)

Zu meinen bizarrsten, aber auch faszinierendsten Konzerterlebnissen gehört das Lüften-Festival, welches 2012 in Frankfurt/Höchst stattgefunden hat. Die Idee war folgende: Weil der Frankfurter Mousonturm renoviert wurde, sollten alle KünstlerInnen und Bands, die im Lauf des Jahres im Mousonturm aufgetreten wären, an einem Wochenende spielen. Und zwar draußen („Lüften“, you get it) beziehungsweise drin und draußen auf dem Gelände rund um die charismatische Jahrhunderthalle in Höchst. Zu den circa 160 Musik-Acts von Jan Delay über Dexys bis Ja, Panik und Kristof Schreuf gab es noch Kunstaktionen, Performances et cetera pp. – klang ambitioniert und ging nicht so ganz auf. Trotz unbestreitbarer Höhepunkte wie zum Beispiel (Achtung, Überleitung) dem für die frühen Morgenstunden des Sonntags angekündigten Producers, Djs und Turntableisten Hudson Mohawke.

Natürlich war die Jahrhunderthalle auch bei ihm so gut wie leer, aber diejenigen, die dort waren, raveten und feierten, als wäre schwer was los. War ja auch: Ross Birchard alias HudMo zog ein speediges Strobo-Cut-Up-Gewitter aus HipHop, Progrock und Elektro ab, dank dem man glatt vergessen konnte, wo man war (in Höchst). Sein Album „Butter“ war zu diesem Zeitpunkt zwar schon drei Jahre alt, das machte aber nix, der tollkühne Ritt über jegliche Geschmacksgrenzen funktionierte jedenfalls bestens.

Weil Hudson Mohawke die Musik so vieler anderer Leute (Drake, Lil’ Wayne, Björk, Mark Ronson) flottmacht, hat es nach Lüften nochmal drei Jahre gedauert, bis ein neues Album von ihm selbst entstand, abgesehen vom Quasi-Soloprojekt TNGHT in 2012.
„Lantern“ (jetzt zitiere ich mal aus dem Promo-Info) „ist ein Fusion-Album, das alles kristallisiert, woran Hudson bislang gearbeitet hat, ein Entwurf seines Masterplans. Eine moderne Fusion von avantgardistischem Ansatz und urbaner Pop-Sensibilität, intensiv und dynamisch orchestriert. Ein zeitloser, in die Zukunft blickender, neuer Maßstab für Pop und Soul Musik (sic!). Herausragende Beispiele dafür sind die potentiellen Singletracks “Very First Breath” mit dem französischen R&B-Sänger Irfane, der chorale Hurricane namens “Warriors” mit dem kalifornischen Mysterium Ruckazoid an seiner Seite, sowie die elegische Symphonie “Indian Steps” mit Antony Hegarty on vocals.“

Uff. Hudson Mohawke schickt mich/euch durch Himmel und Hölle der Producer-Musik. Mit Antony als Gastsänger kann man nicht wirklich was falsch machen, die „elegische Symphonie“ ist eine klare Nummer-Sicher-Nummer. Toll sind auch alle Stücke, wo niemand singt, das mächtig stampfende „Scud Books“ zum Beispiel, das tekkknoide „System“ oder „Portrait of Luci“, in dem Achtziger-Synthiegeblubber und -gepfeife in ein fettes BigBeat-Bett plumpsen und von dort aus eigentlich nirgendwo hinwollen. Herrlichste Ziellosigkeit. Schwer zu ertragen sind dagegen die „choralen Hurricane“ und potentiellen Singletracks mit GastvokalistInnen. „Resistance“, gesungen von Mainstream-Darling Jhené Aiko ist niedlicher, glatter Charts-R’n’B; „Warriors“ (der chorale Hurrican) trieft vor Schwulst, der sich in einen hymnischen Refrain ergießt; „Deepspace“ mit Miguel und „Very First Breath“ feat. Irfane sind wiederum so lala und irgendwie egal. Womöglich ist da irgendwo ein „avantgardistischer Ansatz“ mit „urbaner Pop-Sensibilität“, und wahrscheinlich ist die krasse Mixtur schon das Geheimnis. Ich skippe mal die Stücke raus, wo „feat. xy“ dabeisteht, das hilft bestimmt. Und ans Lüften denken.
Christina Mohr

Hudson Mowhakes Debut-Album „Butter“ von 2009 war ein Werk von überwältigender hysterischer Energie, bunt und wild und überfordernd, oder, wie es in der sehr gut geschriebenen Kundenrezension auf iTunes heißt, “sometimes needlessly complex and, at its worst, goofy for the sake of being goofy – proper boots-in-a-dryer bizniz with shrill flotsam swirling about – these tracks can be as off-putting as they are exhilharating.“ Das ein derartiger musikalischer Troublemaker in Kanye Wests´ Produzentenstab berufen wurde, zeigt wie viel Gift sich der Mainstream mittlerweile spritzen muss, um sich gegen seine tendenzielle innere Verödung zu impfen. Auf „Lantern“ ist Hudson Mowhake sein eigener Mainstream und zugleich dessen genüssliche Zerstücklung. Es geht teils extrem melodiös zu, keine Gastrapper, dafür hört man auf etwa der Hälfte der Songs illustre Sänger, wie zum Beispiel Antony oder Miguel. Hitverdächigt fällt das bei „Warriors“ (feat. Ruckazoid & Devauex) und „Very First Breathe“ (feat. Irfane) auf. Die gesungenen Sachen sind aber, auch wenn gegen zu große Großraumdiskodeppenhaftigkeit oder R’n’B-Kuscheligkeit mit widerborstiger Produktion angegangen wird, im Schnitt weniger spannend als die instrumentalen. In diesen herrscht die ausgelassenste Eklektik. „Ketties“ klingt wie neoklassizistische Filmmusik. “Li Djembe” wie ein kaputt gegangener Favela-Funk. Die teils brachiale Soundwelt hat nie so diese sonst verbreitete einschüchternde Fahrgeschäftsgruseligkeit, mehr was Hysterisches, Euphorisches. Bestes Beispiel dafür das tolle „Ryderz“, in dem ein überlanges Soul-Samples fröhlich vor die Wand eines Hardstyle-Beats (oder ähnliches) gefahren wird. Schon ein großer Spaß, wenn auch vielleicht eher von der flüchtigen Sorte.
Jens Friebe

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