Mittwoch, 18.01.2017
Record Of The Week

Kiesgroup “Eulen und Meerkatzen”

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„Eulen und Meerkatzen“
Fidel Bastro

Eine Band wie die Steuererklärung der Zukunft. Das, was ich von Kiesgroup weiß, passt zumindest wie diese auf einen Bierdeckel:
Die Gruppe stammt aus Düsseldorf und ich erinnere mich an das eine Plattencover (2012 zu „Shantychrist“) mit dem tätowierten Nackten. Dieser Flashback als solcher mag dabei schlüssiger klingen, als das Ereignis dazu war. Die Platte und ihre Optik blieben mehr so hängen: 1.) Penis, 2.) irgendwo hat sich die Band ein „krasses“ Foto gezogen, das nichts mit ihnen zu tun hat, setzte dann in Courier New oben seinen Bandnamen dazu. Und so wird 3.) daraus DIY-Platte, bei der die Farben und Snare-Drum nicht gut rauskommen.
Ich hielt mich nicht so wirklich zuständig für dieses Album, auch wenn es mir gefiel.
Mittlerweile ist Zeit den Rhein runter geflossen – und ich bin nicht mehr derselbe ignorante Idiot wie damals, sondern ein anderer ignoranter Idiot. Doch mittlerweile habe ich zumindest begriffen, dass Kiesgroup eine der spannendsten deutschsprachigen Bands überhaupt sind.
Bierdeckel voll.

Die Narrenkappe, die der brusthaarige Sänger Vander (in echt: Andreas van der Wingen) trägt, besitzt überhaupt nichts Lustiges. Viel eher hat sie die Anmutung eines Clownskostüms, verweist also auf etwas, das man auch ohne Stephen Kings „Es“ eher für gruselig denn spaßig halten würde.
Die Musik gibt diesem Eindruck dann auch Recht. Dem unbestreitbaren Schönklang und den schmiegigen Worten ist unbedingt nicht zu trauen, auf „Eulen und Meerkatzen“ haben nämlich die (eigenen) Abgründe ein hübsches Make-Over erhalten – und strahlen in schönstem Glanz, aber es handelt sich dennoch nicht um unbeschwerte Popperlen. Man weiß stattdessen nie genau, woran man ist. Wenn allerdings gleich beim Opener und Titelstück so eine Querflöte einsteigt, ist man sich sicher, dass man in diesem seltsamen Spiegel- und Gruselkabinett verweilen möchte.
Dafür wird man als Hörer dann auch ohne Umschweife reich belohnt: Die Songs sind vielschichtig, das Instrumentarium variabel und die Lyrics besitzen eine Qualität von Poesie und ornamentierter Konkretheit, wie sie sonst nur Distelmeyer in den 90er Jahren aufstellen konnte. Leuchtturm in dieser Welt aus überraschenden, vertrackten aber nie ziellosen Sätzen ist der Song „Mit Andy Borg der Sonne entgegen“, der im Plauderton mit den Zeilen „Bring mir noch einen Rotwein bitte, ja? Danke!“ eröffnet. Bis er sich in seinem mantramäßig wiederholten Schlusssatz („Wenn du siebenmal niest, wirst du wieder gesund“) erfüllt, vergehen mehrere Volltextseiten voll schäumender wie ätzender postmoderner Weisheiten.
Der Reichtum an Slogans und Wahrheiten des Songs ist dabei stellvertretend fürs Verschwenderische von „Eulen und Meerkatzen“. Eine Platte, die für die überschaubare Zahl an friends und nerds, die sie erreichen wird, eigentlich viel zu üppig ist. Aber deren Sexyness sich natürlich auch aus diesem Verschwende Deine besten Jahre speist. Wir haben’s ja! Veröffentlich wird das Album auf dem promillig hemdsärmeligen Hamburger Überlebenden-Label Fidel Bastro, die schon in den Neunzigern zum ersten Mal Superpunk auf die Landkarte brachten. Wie, Superpunk kennt ihr auch schon nicht mehr, Kaput-Kids? Was lernt ihr eigentlich überhaupt noch in der Schule?
Ein weiterer Link von Düsseldorf nach Hamburg ist die Bandfreundschaft mit dem Killerwal-Duo Der Bürgermeister Der Nacht. Fynn Steiner und Joachim Büchner haben Vander für ihr Video „10 Euro“ in Szene gesetzt und nach einer gemeinsamen Tour performen die beiden Bürgermeister auf dem Stück „Vollbeschäftigung“ hier nun Call and Response. „Hey, suchst du Arbeit?“ führt darin zur Gegenfrage: „Nee, suchst du Streit?“.

„Eulen und Meerkatzen“ ist einfach viel wert, gerade weil es bei aller Cleverness und konstanten Überspanntheit einfach so viele kleine wie große Hits hervorbringt.
Möglichst nicht verpassen!

 

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