Dienstag, 19.09.2017
Motion Picture Character of the Week

Kristen Stewart als Lydia in „Still Alice“

Alice Howland ist an Alzheimer erkrankt. Gerade eben war sie noch die erfolgreiche Dozentin an der Columbia University in New York, jetzt ist sie eine Kranke – und soll sich, da es anscheinend nun mal nicht anders gehe, dem Paradigma des Vergessens ergeben.

Natürlich ist das Verlieren der eigenen Person vor allem eins: ein erbärmlich schrecklicher Prozess. Und zwar für alle Beteiligten. Den Zuschauer eingeschlossen, der in „Still Alice“ Julianne Moore über 95 kräftezehrende Minuten dabei zuschauen muss, wie sie zäh kämpft, irgendwann dann doch loszulassen beginnt, und am Ende nichts mehr zu fassen bekommt.

Der Originaltitel „Still Alice“ fokussiert sich auf die menschlichen Aspekte der Geschichte, betont das Lebendige an der Protagonistin. Der deutsche Untertitel „Mein Leben ohne Gestern“ hingegen den Aspekt des sich-Verlierens. Alice verliert nicht nur ihr Gestern, sie verliert auch ihr Morgen. Sie erkennt dies natürlich und legt sich schon früh fest: sollte der Zerfall weiter fortschreiten, so bleibt alleine der Freitod als ehrenvoller Abgang – bis dahin gilt es in diesem letzten Jetzt durchzuhalten. Was nicht so leicht ist, denn nirgends wird man mehr mit seinen Ängsten konfrontiert als im Jetzt, besonders dann, wenn die üblichen Verdrängungsmuster nicht mehr anwendbar sind. Alle erlernten und gegebenen Tricks und Kniffe des Lebens, sie sind in einer Brutalität ausgesetzt, wie man sie sonst nur beim Verlust der engsten Bezugspersonen erlebt.
Doch manchmal gelingt es Alice, die damit einhergehende Starre noch mal zu durchbrechen. So hält sie in der Mitte des Films, bereits schwer gezeichnet, vor einem Expertengremium eine Rede über ihre Krankheit. Sie wird gerade deswegen ein voller Erfolg, weil sie sich gegen das sich-Verlieren anspricht. Der Verlust habe nichts ehrbares, führt sie aus, er ist einfach nur schmerzhaft: generell, und vor allen Dingen für sie.

Dass man diesen Zustand auch positiv deuten kann, dafür steht Lydia, die von Kristen Stewart gespielte Tochter von Alice, das jüngste ihrer drei Kinder. Sie hat sich vom Elternhaus emanzipiert, um es in Los Angeles als Schauspielerin zu versuchen. Während die Geschwister noch in behüteten Umständen leben, wohnt sie in einer Wohngemeinschaft, geht jobben und führt generell ein, nennen wir es Künstlerleben. Auch sie bewegt sich gezwungenermaßen nur in ihrem Jetzt. Was sie bislang geleistet oder nicht geleistet hat, das interessiert sie und die neue Welt um sie herum nicht. Die Zukunft gibt es zwar, aber so unkonkret wie nur möglich: denn jeder weiß, Träume sind gefährlich in der Stadt der Engel. Und so schwebt das Wort „vielleicht“ über all ihrem (Nicht-)Handeln – eine kleine Gemeinsamkeit mit ihrer Mutter.

Alice war bis dato strenge Mutter, aber sie findet das Leben ihrer Tochter problematisch. Zu Anfang steht das zwischen den beiden, doch das ändert sich durch die Erkrankung von Alice bald. Während niemand anders mehr in der Lage ist, sich um Alice zu kümmern, kann alleine Lydia ihr eine Hilfe sein. Ihre eigene Haltlosigkeit wird zu ihrem großen Plus im Umgang mit der Mutter. Und so bleibt sie auch die Einzige, die Alice weiterhin in ihren Bedürfnissen ernst nimmt.

Symptomatisch sind zwei Szenen, die direkt hintereinander kommen. In der einen möchte Alice ihre frisch geborene Enkelin auf den Arm nehmen – doch die Tochter und der Schwiegersohn reagieren unsicher. Alice ist verunsichert, die existentiellen Ängste, sowieso schon allgegenwärtig, brechen in aller Vehemenz durch. Es kommt einmal mehr Lydia daraufhin die Rolle zu, der Mutter wieder für einen Moment das Gefühl zu geben, dass sie ernst genommen  wird, in dem sie ihr in der direkt anknüpfenden Szene ein Gedicht vorträgt.

Der Film erspart es uns, das Ende von Alices´Kampf mit ansehen zu müssen. Stattdessen bleibt ein versöhnlicher Eindruck und ein Wort bestehen: Liebe.

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