Samstag, 25.02.2017
Records of the week

Abay “Everything’s Amazing And Nobody Is Happy” – Lulu & die Einhornfarm “Ihr seid alle scheiße”

Zweimal Frontstadt Berlin, zweimal schillernde Bühnenfiguren, die nach langen Jahren Banddienst nun die eigene Solo-Platte verwirklicht haben. Aydo Abay, lange Zeit Sänger der Band Blackmail und zuletzt von KEN, hat sich dafür seinen Nachnamen genommen, Mareen Kießig von T.C.H.I.K. (The Toten Crackhuren im Kofferraum) ihren Spitznamen Lulu. Linus Volkmann hat hinter die Kulissen dieses Selbstverwirklichungs-Doppelpacks geschaut.

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Abay
“Everything’s Amazing And Nobody Is Happy”
Unter Schafen / Al!ve / VÖ 12.08.2016
&
Lulu & die Einhornfarm
“Ihr seid alle scheiße”
Bakraufarfita Records

Das allererste Mal mit Blackmail zu tun, hatte ich auf dem Haldern Festival vor vielen hundert Jahren. Um den Intro-Stand mit Leben und Attraktion zu füllen, wurden Gespräche auf einer improvisierten Bühne dort mit den auftretenden Künstlern abgehalten, ich durfte (lies: musste) damals moderieren. Als Blackmail auf dem Plan standen, freute ich mich. Die Musik war mir zu düster, zu krachig, zu männlich, aber ich fand es gut, endlich mal mit wem deutsch sprechen zu können – und nicht wie mit den typischen Haldern-Acts aus Benelux andauernd englisch. Doch Blackmail gaben sich – zu Zeiten ihres Major-Debüts – extrem widerständig. Die Freude über ihren Besuch verflog aufgrund ihrer Erscheinung als ein paar misslaunige arrogante Arschlöcher. Und dann auch noch als solche, die mit diesem nervig vor sich her getragenen Koblenz-Provinz-Background hantierten. Vermutlich weil sie ihn selbst so scheiße fand, machte die Band daraus eine besondere Tugend. Viele Jahre später traf ich Sänger Aydo bei Osho’s, einem vegetarischen Restaurant, das von Anhängern der Bhagwan-Bewegung geführt wird. Blackmail und er hatten sich gerade eher wenig freundschaftlich getrennt. Was uns von null auf hundert einen sehr guten gemeinsamen Nenner bescherte: Hey, was ist das eigentlich für eine Kackband?!
Vieles hat Aydo danach musikalisch angeschoben, alles war immer sehr hübsch gewesen – was vornehmlich mit seiner einzigartigen Stimme zu tun hat. Leicht rauchig, bittersüß melancholisch und mit einer sehr eigenen Stimmfarbe versehen. Doch so hübsch es immer klang, so unverdient ging vieles davon auch unter. Zum Beispiel das kongeniale Medley, dessen Text einzig aus übernommen Punchlines der Band Scooter besteht, befindet sich mit 28.000 Views auf YouTube immer noch weit unter Wert. Daher sei es unbedingt verlinkt. Es wird nicht des Lesers Schade sein:

Doch Schluss mit gestern, es geht ja um’s Hier und Jetzt. Und dafür hat sich Aydo als Abay mit Jonas Pfetzing zusammengetan. Ich wunderte mich dabei, als Aydo mir einmal sagte, dieser gerade genannte musikalische Counterpart wolle mir aufs Maul hauen. Wieso das denn bloß?
Darum:
Jonas Pfetzing spielt in der Gießener Band Juli – und über die habe ich vielleicht bereits das ein oder andere hässliche Wort verloren (beziehungsweise: total behämmert vom Teleprompter abgelesen)…

Okay, sorry, davon kann ich allerdings kein Wort zurücknehmen. Scheiß bleibt Scheiß. Was allerdings Pfetzing nicht davon abhielt, mit Aydo endlich die Songs aufzustellen, die dessen Stimme wirklich zu Ehren gereichen. “Everything’s Amazing And Nobody Is Happy” ist nach all den Jahren nun tatsächlich DAS Solo-Album geworden.
Wer an dem Gruselhörspiel-Fan mit türkischen Wurzeln immer eine gewisse stimmliche Nähe zu Brian Molko geschätzt hat, darf sich schon mal die Hosen runterziehen. Der Link zu allem, was mal aufregend und ergreifend an der Band Placebo war, wurde gewissenhaft gesetzt. Aber das ist nur ein markiger Akzent auf diesem Trip durch dunkle, sehnsuchtsvolle Meere in Pop. Aydo singt und neben ihm stürmen wie im Opener und der ersten Single “The Queen Is Dead” die Wellen – selbst Mogwai würden vor so einer aufgetürmten Wall Of Noise ihren Knicks machen. Geleitet durch diese rauhe aber immer auch ruhige bittersüße See, muss sich schon an den Mast ketten, wenn man den Stücken nicht erliegen will. Besser wird’s nicht.

Einen Tisch weiter findet sich Lulu & die Einhornfarm – und wäre Kaput das (Musik-)Magazin, das es vorgibt zu sein, ich müsste dringend aufhören, dieses “ich” in die Plattenreviews zu mischen und es müsste überhaupt Schluss sein mit dieser ganzen Distanzlosigkeit zwischen Kritiker und Kulturproduzenten. Doch ganz ehrlich? Seriöse Album-Kritiken sind doch auch keine Lösung, mich langweilen sie zumindest oft mehr als anekdotischer Kram – und außerdem ist Kaput letztlich auch ein Stück weit ein Blog. So erinnere ich mich gern, wie ich erstmals auf Lulu und ihre Crackhuren aufmerksam gemacht wurde. Es begab sich in einem der jährlichen Meetings, die man als Printredakteur mit den großen Plattenfirmen regelmäßig erlebt. Man sitzt zum Beispiel bei Universal und hört sich mit der Promo-Abteilung durch die Schwerpunkte des kommenden Jahres. Ich habe das – natürlich – gehasst. Wie sollte man in dieser künstlichen Situation ausdrücken, dass einem ein Act gefiel und wie vor allem auch das Gegenteil? Alles in dieser belauernden Business-Konstellation fühlte sich latent vergiftet oder zumindest korrupt an. Man selbst auch. Dennoch birgt es, das soll nicht verhohlen werden, einen wertvollen Informations-Boost. Immerhin ist man danach ziemlich im Bilde. Bei einer dieser Strafexpedition ins Musikbusiness druckste der Promoter zum Schluss herum, eine Band wäre noch übrig, diese schien ihm selbst ein wenig unangenehm. Er wandte sich direkt an mich, es käme da etwas sehr Seltsames, man wisse auch gar nicht, wie viele Mitglieder dabei wären, aber möglicherweise könne ich daran Gefallen finden. So hörte ich erstmals die Toten Crackhuren im Kofferraum bei Universal in einem Meetingraum. Und da meine leicht gestörte Gunst letztlich so berechenbar zu sein scheint, hatte der PR-Boy vollkommen recht. Diese Band gefiel mir sofort. “Durch meine Extensions weht der Sommerwind” sang Sängerin Lulu in “Ich und mein Pony” – hey, ich meine, what’s not like about that?
Mittlerweile ist – schon wieder – viel Zeit vergangen. Universal ist längst nicht mehr der Plattenboss dieser speziellen Band, T.C.H.I.K. sind auf einem kleineren Label – und mit ihrem Solo-Projekt hat Luise gar keinen Vertrieb. Daher ist Aufmerksamkeit geboten, diese Platte kommt einem also nicht einfach so unter die Finger, wenn man mal wieder besoffen durch den Saturn (“so muss Technik!”) stolpert und den Ausgang sucht.
Aber ich weiß, ich weiß, man darf unter dem Banner Plattenreviews nicht ausschließlich seine Memoiren schreiben, die Menschen haben auch ein Anrecht darauf zu erfahren, wie die verdammte Musik klingt, die in der Überschrift steht. Kein Problem, ich bin hoch ausgebildet und werde mit wenigen Worten die Musik in ihrem Kopf entstehen lassen. Also: Lulu & die Einhornfarm sind eine Punkrockgruppe, es geht immer um die Explosion, es wird keine Zeit auf musikalische Schnörkel verwendet, dringlich und verknappt rollen 17 Stücke ab. Die Produktion ist trocken und humorlos, das Schwurbelige von Indie oder das Crescendo von Punk-Bands, die gern Wire hören, gilt hier vermutlich schon als Studentenkacke. Nein, “Ihr seid alle scheiße” lässt maximal die Ramones gelten. Als Alleinstellungsmerkmal verlässt man sich auf die originellen Texte – und zwar ganz zurecht. Lulu inszeniert sich gern als prollig angesoffene Hartz-4-Braut mit Spliss, Tourette und Grenzüberschreitungsbock – ohne dass diese Attitüde dabei wie eine Rolle wirkt… wohl sicherlich auch weil sie ihr gar nicht so fremd ist. Das Stück “Pferde essen Pferde” stellt dabei die schönste Fortsetzung eines Tiersongs dar seit “Claudia hat ‘nen Schäferhund” von den Ärzten. Denn das Pony aus T.C.H.I.Ks “Ich und Pony” hat es bei Lulu unter den prekären Umständen schon schwerer. Allein bezüglich der Verpflegung. Pferde essen Pferde, mjam, mjam, mjam!
Wenn schon Deutschpunk dann bitte so. That’s entertainment – und alles andere ist bloß Minimal House.

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