Montag, 16.10.2017
Motion Picture Character of the Week

Tom Hardy als Leo Demidov (in “Kind 44”)

Wie schnell kann man wohl vom Held einer ganzen Nation zur am heftigsten verfolgtesten Person werden? Ja, wie schnell kann man in der Wahrnehmung aller zum Verräter werden, zum Volksfeind?

„Kind 44“ legt nahe, dass dies zu Zeiten des Stalinismus (und gerade in den letzten Monaten seiner Herrschaft) sehr schnell ging. Der vollständig vom Wahn aufgefressene Stalin und die tief institutionalisierte Terrormaschine, die an jeder noch so kleinen Schnittstelle einen, in Nazideutschland hätte man Blockwart gesagt, sitzen hatte, der bereit war, den potentiellen Staatsfeind der Sowjetunion anzuschwärzen.

Leo Demidov, recht trocken von „Mad Max“ Tom Hardy gespielt, ist im Mai 1945 ein Held und darf zur Feier des Siegs über Nazi-Deutschland die sowjetische Fahne auf dem Reichstag hissen. Der als Waisenkind unter harten Bedingungen aufgewachsene Demidov ist ganz oben angekommen in der Hierarchie seines Staates. In den Jahren, die folgen, richtet er sich dort gut ein und wird so zum gefragten Agenten und treuen Vollstrecker der stalinistischen Leitlinie.

Bis 1953 der Sohn eines Freundes stirbt – und Demidov in die Bredouille kommt. Er vermutet, dass es sich um einen Mord handelt, also eine Tat, die es im paradiesischen Kommunismus der Sowjetunion nicht geben darf.

Die Situation eskaliert, als kurze Zeit später bei einer harmlosen „Festnahme“ zwei Kinder zu Waisen gemacht werden. Gerade für Demidov eine sein Koordinatensystem ins Wanken bringende Konstellation, die er zu verbergen nicht in der Lage ist.
Die Folge: Er selbst gerät ins Fadenkreuz der Ermittlungen, denn seinen Vorgesetzten will es natürlich so gar nicht zusagen, dass ihr bester Mann plötzlich Gefühle entwickelt.

„Kind 44“ zeigt wie ein über Jahre gepflegter Zustand der Selbstverleugnung vom Kampf für das Gerechte aufgelöst wird. Die Inszenierung geht dabei nicht so weit, Demidov zum Gegner des Systems werden zu lassen, nein, so radikalisiert verändert er sich nicht, aber er empfindet es als falsch in dieser Sache – und das ist schon zuviel an kritischem Potential. Denn für dieses neue Gerichtigkeitsempfinden, das er trotz Drohungen, Angriffen und einer Strafversetzung immer weiter ausbildet, ist das System nicht empfänglich.

Doch leider scheitert „Kind 44“ bei der Genese jenes Gerichtigkeitsempfindens in seinem Protagonisten. Regisseur Daniel Espinosa wollte ein Schaustück über ungerechte Systeme machen, was angesichts der aktuellen Politik von Putin nahe liegt, doch kann man allegorisch nicht einfach das heutige Russland mit der ehemaligen Sowjetunion und schon gar nicht Puttin mit Stalin gleichsetzen. Genau diesen notwendigen Transfer kann der Film aber nicht bewältigen, er überhebt sich dabei, aus aktuellen Anlässen gespeist, in allgemein gültiger Form den innenpolitischen Drang zum Machterhalt moderner Systeme darzustellen – dazu ist das gewählte Set-Up zu singulär, es fehlt dem Film und seinen Charakteren an der notwendigen Komplexität.

Demidov verkommt zur Fassade. Den eigenen Ansprüchen kaum nachkommen zu können, treibt ihn an den Rand des Scheiterns – das Groteske, er trägt eigentlich alle Attribute in sich, mehr Macht zu ergreifen, seine Empfindungen aber schwächen ihn so weit, dass er seine Position und sein Auftreten, ja selbst sein Privatleben nur als Produkt seiner absoluten Loyalität zum System begreift. Insofern ist „Kind 44“ zumindest in diesem Fehlschluss ein realistisches Abbild der Gegebenheiten: die Gerechten neigen zu den falschen Reflexionen über sich, während die Ungerechten die Reflexion schon längst ad acta gelegt haben.

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