Sonntag, 19.11.2017
Record of the week

AGF „Kon:3p-ution to: Evolution“

Cover_AGF

AGF
„Kon:3p-ution to: Evolution“
(AGF)

„This is how I dream: Underground.“
Schönere Worte kann man sich kaum vorstellen zu Beginn eines Albums. Zumal von einer Musikerin, die nicht nur gerade ihre dreißigste Veröffentlichung vorlegt und somit offensichtlich nicht vom Leben als Künstlerin der Träume beraubt wurde, sondern vor allem von einer, deren Musik bei allem Bekenntnis zum selbstgewählten Haltungsmilieu schon immer von einer gewissen Sehnsucht nach Glamour gekennzeichnet war und so viel Potential für die große Umarmung in sich trägt.

Antye Greie-Ripatti, die von sich selbst als „Poem Producerin“ spricht, hat es sich nie leicht gemacht: so offensichtlich der Einfluss von bouncenden HipHop- und avantgardistischen Pop-Poduktionen auf ihre Arbeit war, so deutlich zeigte sie immer an, dass sie sich diesen nur mit eigenen Parametern nähern könne und keineswegs geneigt war, sich einzureihen in die Schar der simplen Adapten. Selbst im an exzentrischen Typen nicht gerade armen Kitty-Yo-Umfeld nahm sie mit dem, was dabei herauskam, eine Sonderposition ein. Den verstörenden Lyrik-Krautrock von Laub verstanden damals viele nicht, mich eingeschlossen.
Aber, und das muss ich jetzt hier mal richtig stellen: Dieses Unverständnis war meiner Faulheit geschuldet, mich dieser Musik zu nähern, die eben nicht ihre Verhältnisse unmittelbar klarstellte, ihre Geheimnisse nicht so leicht preiszugeben geneigt war; vielleicht war es aber vor allem mein Protestreflex gegen jede Form von Lyrik, verursacht von falschen Lehrern und ebenso falschen Gedichten.

Seitdem sind nicht nur viele Jahre vergangen, es hat auch schon länger Klick zwischen AGF und mir gemacht. Es gibt wenige Produzentinnen elektronischer Musik, die derart unerschrocken vorgehen, sich selbst, ihren Sound und die damit definierten Räume mit jedem Track aufs neue in Frage stellen:
Wer bin ich?
Warum bin ich so?
Was mache ich hier?
Und was sind die Folgen?
Indem sie diese Fragen zulässt, öffnet sie sich das Feld für das große Panoptikum der gesellschaftlichen Beobachtungen – und ihre darauf aufbauende Kritik am Status Quo. Der Traum vom Underground meint bei AGF im ursprünglichsten aller Sinne ein „Ja“ zum Antikapitalismus und ein noch größeres „Ja“ zum utopischen Gegenentwurf einer anderen Welt, der eben nicht nur die eigene kleine repräsentieren soll, sondern sich so sozial und interkulturell offen wie nur möglich verhält. Genau das ist AGFs Beitrag zur kulturell-sozialen Evolution könnte man sagen, oder wie sie es kryptisch im Titel formuliert: „Kon:3p-ution to: Evolution“.

Im Rahmen des letztjährigen Loop Events von Ableton bot AGF eine beeindruckende Livedarbietung von Material, das sich nun teilweise auch auf dem Album wiederfindet. In einer Symbiose aus vorbereiteten und live generierten Sounds kam beides zusammen: eine an Coolness kaum zu überbietende entspannte Form von Selbstsicherheit, mit der sie Beats und Reime in bester HipHop-Manier bastelte und zugleich rauskickte, und auch die Neigung, dem eigenen Sound nicht in Ruhe zu lassen, ihm permanent Schrammen zuzufügen. Die Angstlosigkeit, mit der sie dabei vorging, zeugte vom großen Respekt, den AGF für ihre ZuhörerInnen empfindet. Man tut gut daran, ihr mit eben solchen zu begegnen und sich auf die Herauforderung, die „Kon:3p-ution to: Evolution“ darstellt, einzulassen.
Thomas Venker

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