Dienstag, 17.10.2017
Record of the Week

Algiers “Algiers”


Cover-Algiers

„Algiers“
„Algiers“
(Matador Records / Beggars Banquet)

Algiers ist zwar eine Band, die aus lauter Männern besteht, aber ich muss trotzdem sofort an eine Frau denken: an Nina Simone, und zwar wie sie „Mississippi Goddam“ oder „Sinnerman“ singt, oder besser, wie diese Songs aus ihr herausbrechen.

Weil man so etwas wie Algiers noch nie gehört hat, kommt man um Vergleiche nicht herum. Wer sich schon immer einen schwarzen Nick Cave gewünscht hat, muss diese Band hören, und alle anderen, die sich nichts wünschen, auch: Im Sound der Algiers trifft Gospel auf Hardcore, Soul auf Post-Punk und Industrial. Das klingt dann so, als würde Nina Simone mit den Bad Brains oder Fela Kuti mit Birthday Party oder Screamin’ Jay Hawkins mit dem Gun Club oder alle zusammen eine kathartische Messe feiern – wobei am Ende der elf Stücke des Albums niemand erlöst worden sein wird.

Algiers beantworten deine Fragen nicht, sie haben selbst genug Paradoxien aufzuarbeiten. Zum Beispiel die Sache mit Gott und der Religion. Du fühlst dich wahrscheinlich total sicher in deinem agnostischen Pop-Wohnzimmer, aber die Algiers kommen aus Atlanta, Georgia und Sänger Franklin James Fisher ist schwarz, da schiebt man die Kirche nicht einfach beiseite. Womöglich ist die Kirche sogar der Ort der größtmöglichen Freiheit, des größtmöglichen Protests in Atlanta, Georgia.

Paradox ist das, und schwer zu begreifen, und deshalb ist die Musik von Algiers auch so erschütternd in jedem Sinne des Wortes: Songs wie „Blood“ und „Old Girl“ sind Updates von Sklavengesängen, gebettet in wummernden Industrial, in „Irony Utility Pretext“ haben sich 80er-Electro-Discoelemente eingeschlichen – der Song bleibt trotzdem dunkel und beschwörend -, in „Black Eunuch“ klappern alle Bandmitglieder auf irgendwas herum, bis sich ein irrer, hyperaktiver Gospel entspinnt. Diese Musik ist zu jedem Moment total offen (im Sinne von verletzlich und angreifbar) und gleichzeitig dicht, intensiv, massiv. Besonders beeindruckend finde ich, dass das Album zwischen den Kontinenten Nordamerika und Europa entstanden sein soll, weil Fisher, Bassist Ryan Mahan und Gitarrist Lee Tesche in New York City und London leben. Die Tracks wurden also häppchenweise von einem Computer an den nächsten geschickt und weiterbearbeitet. Kaum vorstellbar, wie intensiv Algiers klingen würden, wenn sie alle zusammen an einem Ort produzieren.
Christina Mohr

Algiers auf Tour:
29.10.2015 München | Strom
30.10.2015 Frankfurt | Mousonturm
31.10.2015 Berlin | Badehaus Szimpla
01.11.2015 Hamburg | Molotow
02.11.2015 Köln | Gebäude 9

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