Mittwoch, 22.11.2017
Record Of The Week

Blur “The Magic Whip”

CoverBlur

Blur
The Magic Whip
(Warner)

Früher (also früher, lange bevor „Song 2“ zum Fußballstadionhit wurde) war man als Blur-Fan automatisch auf der guten, geschmackssicheren Seite. Die Gegenseite hieß Oasis und stand für angeprolltes Beatles-Epigonentum. Heute wirkt der hochgeputschte „Britpop-Krieg“ ziemlich lächerlich, was er ja auch war: In den bescheuerten Pro- und Contra-Gefechten ging zum Beispiel völlig unter, dass Pulp die beste Band von allen waren, aber das ist eine andere Geschichte.

Wie auch immer, die Neunziger sind vorbei und vor genau zwölf Jahren veröffentlichten Blur ihr letztes gemeinsames Album „Think Tank“. Dass Blur seitdem im allgemeinen pophistorischen Gedächtnis nicht verblassten, liegt an den vielen Projekten von Graham Coxon, aber vorallem Damon Albarn: Gorillaz, The Good, The Bad and The Queen, Albarns Oper und Soloalbum etc. brachten den Namen Blur immer wieder ins Spiel.

Vielleicht hielt sich deswegen meine Aufregung in Grenzen als bekannt wurde, dass es eine neue Blur-Platte geben würde. Und ach, waren nicht viele „sensationelle“ Reunions der letzten Zeit so unglaublich schlecht und sinnlos? Pixies – muss ich noch mehr sagen? Außerdem soll das Album von verschiedenen Aufenthalten Albarns in Asien beeinflusst sein und man weiß ja, dass Chinoiserien weißer EuropäerInnen oft danebengehen… Befürchtungen dieser Art sind aber unnötig, denn „The Magic Whip“ ist richtig gut – Betonung auf „gut“, nicht supergroßartig, komplette Neuerfindung, Rückeroberung des Britpop-Throns oder sonstiger Rezensentensuperlativismus. Man merkt dem Album an, dass es nicht dringend sein musste, sondern dass Graham Coxon a.k.a. Verlorener Sohn genug Zeit hatte, die 2013 entstandenen Songfragmente in Frickelarbeit zusammenzubasteln.

Fast alle Stücke gehen als Weiterentwicklung oder -verfolgung von vor Jahrzehnten angelegten Signature Sounds & Topics durch: die Großspurigkeit von „Country House“ ist einer beinah resignativen Demut gewichen („There Are Too Many of Us“), der juvenile Überschwang von „Parklife“ mündet ins immer noch hochvitale, aber gemäßigtere „I Broadcast“, „Go Out“ schließt an die „Think Tank“-Ära an, das nordkoreakritische „Pyongyang“ an „This Is A Low“.

Die neuen alten Blur verpulvern ihre Energie nicht mit dem einen, offensichtlichen Hit – den es auf „The Magic Whip“ nicht gibt. Klar, der Einstieg mit „Lonesome Street“ ist schon ziemlich charming, entwaffnend geradezu – aber hey, das sind nicht die Wombats, sondern Blur, und die sind auch 2015 in den leiseren Momenten am besten, dann, wenn Damon Albarns Stimme fragil zerbröselt. „Ghost Ship“, „My Terracotta Heart“, „I Thought I Was A Spaceman“ sind kleine, warmherzige Popsongs mit liebevollen Details, in denen sich Blurs Qualität zeigt: Die wissen schon sehr genau, wer sie sind und was sie waren, aber sie tröten es nicht so rockmackermäßig raus. Bescheidenheit ist eine Zier? Aber ja doch.
Christina Mohr

Normalerweise zitiere ich keine Infos, schon gar nicht derart ausführlich, aber erstens habe ich keine große Lust, mir mehr Mühe mit der Besprechung zu geben, als die Band mit der Platte, und zweitens weiß, wer weiß, wie sie zustande kam, schon das Wesentliche: „Die Entstehungsgeschichte von ‚The Magic Whip’ beginnt im Mai 2013 in Hong Kong mit einer unvorhergesehenen Tour-Pause: Damon Albarn, Graham Coxon, Alex James und Dave Rowntree beschlossen ihre freie Zeit zu nutzen, um in den Avon Studios in Kowloon ein wenig zu jammen, bevor man nach fünf produktiven Tagen seine Konzertreise weiter fortsetzen konnte, nach deren erfolgreichem Abschluss die vier schließlich wieder in ihr geregeltes Leben in Europa zurückkehrten. Dave ging wieder seiner Arbeit als Rechtsanwalt nach, während Alex auf seine Farm in Oxfordshire zurückkehrte, von wo aus er eine regelmäßige Landleben-Kolumne für den Telegraph verfasst (…) Im November letzten Jahres kramte Graham die in Hong Kong entstandenen Stücke wieder hervor und holte noch Producer Stephen Street mit ins Boot. Nachdem Damon seine Lyrics hinzu gefügt hatte, liegt nun mit ‚The Magic Whip’ das 12 Tracks starke Endergebnis vor!“

Und so hört sich das Endergebnis dann eben auch an. Nach einer Jam-Session zwischen Tür und Angel bzw. Tour und Angeln. Die zwölf Stücke sind überhaupt keine Stücke, sondern zwölf Skizzen, zwölf Liedanfänge. Einige sind nett, ein paar geradezu bezaubernd. Aber sie werden dann einfach so lange wiederholt, bis der Zauber rückstandslos verflogen ist, oder laufen in das Nichts einer instrumentalen Improvisation. Nicht falsch verstehen: Natürlich gibt es viele großartige Lieder, die mit nur einem Formteil auskommen („Warm Leatherette“, „Heroine“), aber nicht jede Idee eignet sich dazu, die einzige zu bleiben. Die auf dieser Platte alleingelassenen schreien sämtlich nach Gesellschaft, es sind lauter Fragen ohne Antworten und schwer refrainbedürftige Strophen. Das Ganze wird auch durch die halbgeilen Texte nichts Ganzes und durch die kalte Überproduktion eher noch schlimmer. Kurz: Magic Whip ist ziemlich sicher die arroganteste Platte des Jahres. Den I-Tunes-Kunden sei geraten: wenn euch die Snippets gefallen: prima! Hört die Snippets!
Jens Friebe

 

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