Donnerstag, 19.10.2017
Record of the Week

Miley Cyrus “Miley Cyrus & Her Dead Petz”

Bildschirmfoto 2015-11-02 um 10.54.49Miley Cyrus
Miley Cyrus & Her Dead Petz
(http://www.mileycyrus.com/andherdeadpetz)

Meine Beziehung zu Miley Cyrus war ausbaufähig, weil rudimentär: Natürlich bin ich dank ausgiebiger Berichterstattung irgendwie im Bilde über das, was Billy Ray Cyrus’ Tochter so tut und was sie alles von sich zeigt – ihre Musik würde ich allerdings nicht erkennen, wenn sie im Radio läuft. Kein einziges Stück von „Bangerz“ habe ich je (bewusst) gehört, auch „Wrecking Ball“ kenne ich nur als Video mit abgestelltem Ton. Ich habe mir immer vorgestellt, ihre Songs klängen wie ein Mashup von Britney Spears und Technohead. Keinesfalls aber habe ich damit gerechnet, was Cyrus auf ihrem „Dead Petz“-Album bietet – und das ist doch irgendwie das Tollste, was einer KünstlerIn gelingen kann: Etwas wirklich Überraschendes zu machen.
Schon klar: „Miley Cyrus & Her Dead Petz“ gehört nicht zum Millionen-Veröffentlichungsdeal mit Sony, ist kein reguläres Follow-up zu „Bangerz“. So frei geht es im Popbiz dann doch nicht zu. Miley Cyrus ist jedoch frei (und finanziell unabhängig) genug, auf eigene Faust ‘was nebenbei zu machen, und dazu Leute wie die Flaming Lips als Producer und Ariel Pink als Gastsänger einzuladen und das Ganze für ohne Geld der Welt zur Verfügung zu stellen.

„Dead Petz“ ist ein freakiger 23-Track-Trip, die überwiegende Anzahl davon Balladen, nur ein paar Stücke zeichnen sich durch die hibbeligen Speed-Beats aus, die ich ihr als Daueruntermalung unterstellt habe. Es geht um Drogen, das Weltall, verstorbene Haustiere (klar), Drogen, Liebe in Zeiten der Kurznachrichten, Alkohol („I’m so Drunk“) und Drogen. Manchmal dümpelt ein kleines Thema vor sich hin, wie ein zart gezupfter front porch song auf der Veranda ihres pinkfarben angemalten Traumhauses („Something About Space, Dude“), der smoothe Discofox „Bang Me Box“ dagegen passt in einen mit Plüsch ausgeschlagenen Siebzigerjahre-Club, die textlich expliziten Stücke „Milky Milky Milk“ und „Fuckin Fucked Up“ erfüllen noch am Ehesten bekannte Vorurteile, die Ballade „Karen don’t be sad“ widerlegt diese mit purer Schönheit. In „Twinkle Song“ brüllt Miley: „I HAVE A DREAM WHAT DOES IT MEAN?“ – erwähnte ich schon, wie erstaunlich (gut) ich ihre Stimme finde? Hätte ich auch nicht gedacht.

“Miley Cyrus & Her Dead Petz” als Nebenprojekt zu einem sonst (möglicherweise) ganz anders klingenden Top-Popact zu verstehen, fällt aufgrund der Fülle und Qualität der Songs echt schwer, aber wahrscheinlich ist es leider genau das. „Dead Petz“ rührt mich aus verschiedenen Gründen aufs Tiefste an – mit diesem Album macht sich Miley Cyrus nackiger als auf der notorischen Abrißbirne.
Christina Mohr

Eine der besten, wenn auch gar nicht als solche gedachte Review über das fast neue Album von Miley Cyrus, stammt von Liam Hemswort. Laut Vip.de sagte der nämlich über seine Ex: „Sie ist ein Freigeist. Ich glaube, sie wird Leute immer mit dem überraschen, was sie tut. Aber sie ist in keinster Weise eine boshafte Person. Sie ist ein junges Mädchen, das einfach machen will, was sie machen möchte.“ Und genau so, nach was, das jemand macht, die machen will, was sie möchte, klingt “Miley Cyrus & Her Dead Petz” Es gibt dem von Frank Zappa für seine eigene Kunst geprägten Bild von der „musikalischen Müllskulptur“ auf einmal einen viel sympathischeren Sinn. Der Müll ist hier nicht mehr das wertlose Zeug, mit dem rumzuspielen ein eingebildetes Genie sich herablässt, sondern Sammlung geliebter und sorgsam sortierter Fundstücke. Das sich angesichts der künsterlischen Neuerfindung aufdrängende Wort „Befreiungsschlag“ hat insofern einen zu gewalttätigen Beigeschmack. Der Powerpop, der Cyrus groß machte, ist der C&W ihrer Kindheit, ist im Hegelschen Dreifachsinn aufgehoben – vernichtet, bewahrt und erhöht. Der Kinderstar nähte seinen makellosen Klangkörper um in ein gewaltiges, freundliches Patchworkmonster aus Hochglanzballaden, psychedelischer EDM und verstimmt klimpernder Folknostalgie. Der hybride Produzentenstab, der dabei half, es zu erschaffen, wurde von den musikalisch selbst schon notorisch hybriden Flaming Lips dominiert. Die Kooperation war ein doppelter Glücksgriff. Cyrus ermöglichte den Flaming Lips den ersten schlagenden Beweis ihrer Grandiosität seit „Yoshimi Battles The Pink Robots“, und diese schenkten jener eine Platte, gegen die sich selbst Lana Del Ray (trotz der immer noch viel besseren Texte) für den Moment geschlagen geben muss.
Jens Friebe

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