Dienstag, 17.10.2017
Record of the Week

Dr. Dre “Compton”

Dr-Dre-Compton-Cover

Dr. Dre
“Compton”
(Universal Records)

Alles andere als ein impressives, der eigenen Geschichte und dem Film dazu gerecht werdendes Intro hätte mich auch verwundert – und so nimmt uns das filmisch erzählte Entrée stimmungsvoll mit in die Geschichte von Compton, dem neben Bevery Hills bekanntesten Bezirk der Stadt der Engel. Jenem, in dem die Träume nicht mehr gewonnen haben, und in dem es auch schon lange keine Chance mehr gibt, die Illusion, dass dem anders wäre, hochzuhalten. In Compton ist der amerikanische Traum schiefgegangen, wenn hier noch von irgendwas ein Anstieg zu registrieren ist, dann von Problemen.

Das ist der Nährboden unserer Erzählung. Einer Erzählung, die, nicht nur da sie nun wirklich zum Film “Straight Outta Compton” geworden ist, mehr als filmreif ist. Es ist die Geschichte von NWA, von den Niggaz With Attitudes, MC Ren, Ice Cube, DJ Yella, Easy-E und vor allem Dr. Dre – und letzterer lässt im ersten Stück des Albums, “Talk About it”, auch keine Zweifel aufkommen, wie diese geschrieben wurde. Assistiert von Justus als Traumflüsterer (“One Day I´ma have everything”) und King Mez als Bilanzverwalter (“I´m all about Fort Knox, nigga. Ridin´ through your neighborhood throwin money out of the window like that”) verkündet er:

„I just bough California. Them other states ain´t far behind it either. I remember selling instruments off a beeper. Millionaire before the headphones or the speakers. I was getting money ´for the internet. Still got Eminem checks I ain´t opened yet. MVP shit, this is where the dope is at. The world ain´t enough, I want it all. God dammit, i´m too old, I forgot I got it all. But Andre Young (Dr. Dre´s bürgerlicher Name) enough to still get involved. And Andre still young enough to say fuck y´all. Fuck you, fuck you, and you in the corner too. If you wanna beef, make sure that that´s something you wanna do. There´s some missin´people that felt that way too.“

Ja, man kann es nicht anders sagen: Dre hat sich sein California geholt. Erst als Künstler in eigenem Recht mit NWA und seinen beiden epochalen Soloalben “Chronic” und “2001”, als Bindeglied von Gangster-Rap und G-Funk, als Produzent für Snoop Dogg, Eminem, Kendrick Lamar und so viele weitere, von denen nicht wenige die Dramaturgie des Lebensrückblicks nun mit füllen dürfen auf “Compton”, das er so geschickt als Generationsübergreifendes Melodram angelegt hat (mit Snoop Dogg, The Game, Ice Cube, Cold 187um auf der linken Seite der Zeitachse und Asia Bryant, Jon Connor, Justus, King Mez und Anderson Paak auf der rechten), eben so wie sich auch die Leidensgeschichte von Compton und seiner Bevölkerung von einer Generation zur nächsten fließend fortschreibt. Dre hat dies alles aber vor allem auch als cleverer Geschäftsmann erreicht, in dem er nicht nur seine Musik und alles dranhängende zu Dollar zu machen vermochte, sondern mit Beats eine eigene Firma für Kopfhörer und Boxen kreierte und den großen Cash-Out mit Apple brilliant arrangierte – und so zum ersten Rap-Millardär der Welt wurde.

Es ist nicht so, dass “Compton” aus dem Nichts käme. Schon länger wartete man auf das neue Dr. Dre Album, fast so lange wie man einst von Guns N´Roses auf “Chinese Democracy” vertröstet wurde – nur im Gegensatz zu diesen hat Dre das Album mit dem Arbeitstitel “The long-awaited Detox” gleich in die Mülltonne gekloppt. In seiner Beats 1 Radioshow The Pharmacy verkündete er im Gleichklang mit der Ankündigung von “Compton” die Nichtwerdung von “Detox”:

“I didn’t like it. It wasn’t good. The record, it just wasn’t good … I worked my ass off on it, and I don’t think I did a good enough job.”

Das passt natürlich bestens zum von Dre kultivierten Habitus, genauso wie das kokette Einbringen des eigenen, zu hohen Alters und seiner zunehmenden Demenz für das Rap-Game im Eröffnungsstück. Was er damit sagen will: Ich stehe soweit über den Dingen, selbst meine Niederlagen sind Siege.

Nun, auf “Compton” gibt es nicht viele Niederlagen zu vermelden – und mit jedem weiteren hören werden es weniger. Gut, man kann drüber streiten, ob man die beiden “Fremdstücke” von Jon Connor und The Game gebraucht hätte, ansonsten gibt es aber wenig zu meckern. Vielleicht noch, dass man sich mehr von der nach wie vor fantastischen Dre-Präsenz am Mikrofon gewünscht hätte – die, genau das offenbart das mehrmalige hören, gar nicht so rar ist, er weiß es nur zu gut – auch das ein Zeichen der Größ – sich in den Rhythmus mit all den anderen großartigen Stimmen auf dem Album zu setzen, und so der Dramaturgie dieser Geschichte zuzuarbeiten, die so viel größer als ihre Protagonisten ist. Denn bei all dem Statussymbol-Dropping, all dem Sex-, Drugs- und Cash-Gerappe was folgen wird, und bei all den Egomanien, denen wir lauschen dürfen, sollte man nie den Fehler begehen, schon gar nicht von unserer europäischen Mittelstandsperspektive aus, diese nicht als unmittelbare Reaktion auf das zu lesen, was auf den Straßen des schwarzen Amerika passiert.

Deswegen folgt mit „Genocide“ auch umgehend ein Stück über die „stone cold killers in these Compton streets“, von Dre, das kann man nicht anders sagen, genial als bouncender Reggae-Rap um die Stimmen der aus Südafrika und England stammenden Sängerinnen Candice Pillay und Marsha Ambrosius angelegt:

“Call 9-1-1-, emergency, Hands up in the air for the world to see.”

Ein Stück, in dem alles drin steckt, was Dre als Produzenten auszeichnet. Das wäre sein unvergleichliches Gespür, just im richtigen Moment den Sound auf wenige Bestandteile zu reduzieren, diese aber so mächtig anzulegen, dass man sie nicht mehr aus dem Kopf bekommt (in diesem Fall ein einzelner “Berghain”-Sound, der schwingt und schwingt); die Beats, diese so unglaublichen Beats (man kann sich ihn sehr gut Zuhause vor den Boxen stehend vorstellen, ergriffen von den eigenen Songs – zumindest stelle ich mir so den Moment vor, in dem er den Namen für seine Kopfhörer gefunden hat); das gewisse feeling, wann es gilt die Ordnung durcheinanderzuwirbeln, einen dieser immer wieder, und so auch in diesem Song, auftauchenden Musiker-Musiker-Moment zu kreieren, der wie eine Michael Ballhaus Kamerafahrt um 360-Grad im Stück anmutet und der, kaum hat man verstanden, was da abgeht, auch schon wieder verschwunden ist wie eine Fata Morgana.

Überhaupt ist “Compton” musikalisch breiter angelegt als die beiden früheren Soloarbeiten von Dre. Mit “It´s All On Me” greift er den Soul-HipHop der späten 90er / frühen Nullerjahre auf, ein wunderbar warmes, soulfules Stück, gebaut um ein rund laufende Samples und den Flow von Justus und BJ The Chicago Kid. “All In A Day´s Work” passt im Anschluss bestens mit dem Crooner-Soul von Anderson .Paak und Marsha Ambrosius. Ja, plötzlich scheint Harmonie Einzug gehalten zu haben. Doch wehe dem, der denkt so sei es, die mexikanische Trompete mag es noch einen Moment herauszögern, doch dann hört man die Ketten der Sklaverei deutlich rasseln in diesem modern Gospel des Arbeitsethos – wohin dieser, ja, man gebe mir den Preis für die cheesigste Überleitung, gegangen ist, kann man am Ende hören, wenn Dre die Snare ein Solo spielen lässt, für das 99% der Produzenten elektronischer Musik alles geben würden, genau diese Magie des Minimalen suchen sie immer und erreichen sie doch fast nie.

Zeit für eines der Hauptstücke des Albums, “Darkside/Gone”, das mit seinem futuristisch Sound kurz an Jay-Z´s “Venus Vs. Mars” erinnert und länger und nachhaltiger an die Kanye Westsche Idee des Schwarzen Soundlochs, das alles in sich zieht und für ewig in der Dunkelheit rotieren lässt. Dre tänzelt über diesem Epizentrum der Gravitation aber nicht allein – nachdem er einmal klar gestellt hat, was Sache ist (“30 Years in this bitch and I´m still here. Decade after decade. And evidently I must be doing something right.) reicht er das Mikrofon auf diese andere Seite der dunklen Ewigkeit zu seinem ehemaligen Partner in Crime: “Word to my nigga Eazy”.
Viel kann dieser uns nicht mehr sagen, aber die Botschaft ist hier das Signal:

“Eazy-E_C_P_T OG from the other side (Eazy). From the other side (Eazy).”

Was folgt ist der atemraubende zweite Teil dieses Songs, eingeleutet durch die von Marsha Ambrosius vorgetragene Hook, die aus dem Eazy das klassische easy macht und die Beziehungsverhältnisse für natürlich absolut nicht easy erklärt. Für 30 Sekunden vermutet man sich plötzlich im Jay-Z-schen “Empire State Of Mind”, fair enough, denn andes kann man nicht bezeichnen, was Kendrik Lamar folgen lässt. Rap, der über der Welt schwebt, erst bekomme ich eine Gänsehaut an den Schenkeln, dann schnell überall. Es ist die alte Geschichte von missverstandenen Rapper, der jetzt, wo der Erfolg ihn woanders hinträgt, sich und der restlichen Welt vergewissern muss, dass die Hood und seine Gang für immer in ihm stecken:

“You think I’m too hood in my video? But really no clue you idiot. I just can’t help myself.”

Was gibt es sonst noch auf “Compton”?

  • Brutaler Macho-Rap mit den Protagonisten Xzibit, Cold 187um und Sly Pyper (“Loose Cannons”).
  • Die Rückkehr von Ice Cube, den man so lange nur in schlechten Comedy-Filmen erleben durfte, der mit “Issues” aber noch mal deutlich macht, dass er einer der Großen der Rap-Geschichte ist: “When you say my fuckin´name, add exclamation. Los Angeles king now, make your bitch bring crowns”.
  • Eine deepe Therapiesitzung für Rapper (“Deep Water”) mit Kendrick Lamar, Justus und Anderson .Paak, die persönliche Krisen und die Misstände des Systems zusammen denkt.
  • Das Hörspielartige “For The Love of Money”, das Jill Scott noch relativ konventionell eröffnen darf, bevor sich über einen (fast) durchlaufenden Sample-Loop peu a peu Schichten versammeln, die sich reiben und schieben wie die Kalifornischen Erdplatten.
  • Ein P-Funk-Science-Fiction-Dance mit Snoop Dog und Freunden, der den apassenden Titel “Satisfiction” trägt.
  • Das von Eminem, Candice Pillay und Anderson .Paak aufgeführte Krankenhaus-Drama “Medicine Man”, ein Opus Moderati über Egomanie und Selbstzweifel, mit einem unglaublichen Schlusspurt von Eminem, bereit zur letzten Grätsche.
  • Das letzte Wort hat natürlich Dr. Dre mit “Talking To My Diary”:
    • “Don´t forget that I come from the ghetto (…) I used to be a starving artist, so I would never stare an artist. This is my passion, it´s where my heart is. (…) I know Eazy cann see me now, looking down through the clouds. And regardless, I know my nigga still proud. (…) Now I remember when we used to do allnighters. You in the booth and Cube in the corner writing. Where Ren at? Shout out to my nigga Yella. Damn, I miss that… shit, a nigga having flashbacks.”

Ui. Jetzt ist mir schwindelig.
Oder um mit den Worten des Guardian-Users SackTheJuggler zu schließen: “He´s the Donald Fagen of rap!”
Thomas Venker

Ach ja, HipHop und die 90er – Ostküste versus Westküste, Politrap versus Hedonismusrap, endlose Debatten darüber, ob man die Texte – vor allem hinsichtlich frauenfeindlicher Inhalte – wörtlich zu nehmen habe oder ob Raplyrics im Sinne von Literatur in keinem unmittelbaren Abbildungsverhältnis zur Wirklichkeit stünden und jede Äußerung uneigentlich und fiktiv codiert sei. HipHop, so schien es, hatte rezeptionsästhetisch betrachtet in den 90ern das ewige Modell Dylan abgelöst, wenn es darum ging, sich auf profilierte Weise den popkulturellen Kopf zu zerbrechen.

Dr. Dre repräsentierte stets die Westküste. Zunächst als Mitglied der politisierten Gangsterrapper N.W.A, später als Erfinder der G-Funk-Spielart, die er Snoop Dogg auf den Leib schneiderte. G-Funk war laid-back, eine Hip-Hop-Variante von Yachtrock, die genau einer klischierten Idee des kalifornischen Lebensstils entsprach.

2015 stellt sich Dr. Dre nicht mehr als Gangster dar, und der G-Funk ist einem Sound gewichen, der eine Unruhe kommuniziert, die einem Schwebezustand mit unbekanntem Ende gleicht. „Compton was the American dream“, lässt uns zu Beginn eine nachrichtensprecherartige Stimme wissen, aber der Traum sei zerbrochen an der zunehmenden Gewalt im Viertel. Comptons Geschichte wird auf dem Album enggeführt mit der Biographie Dres, der dort aufwuchs, dabei aber eine Entwicklung nahm, die derjenigen Comptons entgegensteht. Während Compton seinen Niedergang erlebte, wurde Dre stetig erfolgreicher, aber „don’t forget that I come from the ghetto“, warnt uns der Künstler. In „Talk About It“ wird darüber reflektiert, wie der einstige Traum, alles haben zu wollen damit in Einklang gebracht werden kann, alles erreicht zu haben.

Der Doktor entwirft sein erstes Album seit sechzehn Jahren als Rückblick auf die 90er. In „It’s All On Me“ wird das erste Zusammentreffen mit Snoop Dogg thematisiert, das Dre in Kontakt brachte mit jener Sorte Gras, der er 1992 das Album „The Chronic“ widmete.

„Talking To My Diary“ , Schlusspunkt und gleichzeitig Glanzlicht des Albums, präsentiert sich als rührende, posthume Versöhnung mit dem 1995 verstorbenen N.W.A.-Mitglied Eazy-E., das mittels oldschool Funksample Anschluss an die musikalischen Anfänge zu suchen scheint.

Das Album ist jedoch nicht auf Rückschau beschränkt. „Deep Water“ etwa demonstriert die Kontinuität rassistisch motivierter Polizeigewalt, indem es eindeutig auf den Tod von Eric Garner referiert, der im Sommer 2014 in Staten Island infolge eines Würgegriffs erstickt ist. Exemplarisch zeigt sich hier die HipHop innewohnende Tendenz zum sozialen Realismus.

Dr. Dre veröffentlicht mit „Compton“ kein explizit versöhnlerisches Werk. Die Musik wird geprägt von sperrigen Strukturen, die nicht-linear verlaufen. „Loose Cannons“ etwa integriert Hörspielelemente, die den Fluss der Musik mutwillig dekonstruieren. Auch die Vielzahl von Gastrappern (Xzibit, Kendrick Lamar, Justus, Snoop Dogg, Ice Cube) generiert eine uneinheitliche Zersplitterung von Wahrnehmungen, die kaum den Eindruck gefestigter Identität erweckt. Wenn es stimmt, dass „Compton“ Dres letztes Album ist, verabschiedet der Musiker sich mit einem Werk, das ganz bewusst im Zeichen von Unfertigkeit und Fragmentierung steht. Sehr modern.
Mario Lasar

 

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