Dienstag, 17.10.2017
Record of the Week

Jennylee „Right On!“

Jennylee_RightOn!_CoverJennylee
„Right On!“
(Rough Trade) 

Für eine durch und durch 80er-sozialisierte und generell leicht entflammbare Konsumentin wie mich, ist Jenny Lee Lindbergs Soloalbum als jennylee, „Right On!“ natürlich ein willkommenes Goodie zum Jahresende: Zehn sehr atmosphärische* Tracks sind drauf, die mit dem Warpaint-Oevre durchaus verwandt klingen (Drummerin Stella Mozgawa spielt auch mit, also generelle Ähnlichkeiten und rhythmische Übereinstimmungen kein Wunder), zum Beispiel dieses Federnde, Lauernde, Raumgreifende und dabei tanzbar-funkige in Sound und Aufbau, das die Musik von Warpaint so außergewöhnlich macht, ist auch auf „Right On!“ zu spüren.

Vielleicht ist es ein Vorurteil meinerseits, dass ich BassistInnen einen gewissen Hang zu Struktur unterstelle, aber gilt nicht die Person am Bass als Rückgrat einer Band? Jennylee´s allein beziehungsweise mit Producer Norm Block verantwortete Stücke wirken bei aller druggy Verhangenheit jedenfalls kompakt, reduziert und aufgeräumt. Schon allein die Titel: „blind“, „never“, „bully“, „riot“ – Ein- und Kleinwort regieren, meistens bestimmt ein musikalisches Thema die Tracks, die laut jennylee roh und elementar klingen sollten. „never“ baut stark auf Joy Division und frühen The Cure auf, während „offerings“ im Seattle-Grunge der frühen Neunziger schwelgt, „white noise“ (oh! Zwei Wörter!) endet in ebensolchem, „he fresh“ und „boom boom“ sind dagegen viel zarter, empfindsamer – Warpaint/jennylee sind halt doch auch Zeitgenossinnen von The xx, wie man hier hören kann. Der Bass steht nachvollziehbarerweise im Mittelpunkt der Songs, dominiert aber nicht unbedingt, sorgt eher für ein durchgängiges, strukturierendes Wummern. Lindberg lässt den anderen Instrumenten genügend Raum, so dass man z.B. die pointiert hingetupften Gitarrenparts auch gut mitbekommt. „Right On!“ ist eine Platte, die man eigentlich nur nachts hören kann, so bis kurz vor Sonnenaufgang. Am hellichten Tag wirkt die nocturne, rauchschwadengeschwängerte, mal träge rumlungernde, dann wieder fiebrig aufgestachelte Kellerbarstimmung befremdlich, unwillkürlich greift man zur Sonnenbrille. Bewegen will man sich auch, dabei aber auf den Boden gucken und ein Bier in der Hand haben. Ich mag das ja so. Right on!

Reminder to myself / Vorsätze für 2016: Im Thesaurus Alternativen für Begriffe wie „atmosphärisch“, „sphärisch“, „engelsgleich“ und „verstörend“ suchen.
Christina Mohr

 

* Tracklisting:
01 blind
02 boom boom
03 never
04 long lonely winter
05 bully
06 riot
07 he fresh
08 offerings
09 white devil
10 real life

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