Montag, 16.10.2017
Record of the Week

Jóhann Jóhannsson “End of Summer”

Jóhann Jóhannsson “End of Summer” (Sonic Pieces)Jóhann Jóhannsson “End of Summer” (Sonic Pieces)

Im Spätsommer 2001 lernte ich Jóhann Jóhannsson während einer Islandreise über eine Freundin kennen. Damals betrieb er gerade noch mit Kristín Björk Kristjánsdóttir und Hilmar Jensson das Label Kitchen Motors, ein extrem ambitioniertes, sehr kollektivistisch agierendes Netzwerk aus Künstlern im Spannungsbereich aus Musik, Film und Kunst. Es war also schon alles angelegt, was in den Jahren danach Jóhannsson Weg prägen sollte: Felderübergreifende Arbeiten, Offenheit für Experimente und die Neigung zu konzeptioneller Strenge.

Jóhannsson gelingt es dabei, das Flüchtige zu wertschätzen und doch mit all seinen Arbeiten multiple seismische Wellen zu setzen – mit dem Ergebnis, dass er die unauffälligste und bescheidendste hymnische Musik erschafft, die man sich vorstellen kann.

Bei “End of Summer” handelt es sich um den Soundtrack zu einem Dokumentarfilm, den er selbst über die die Insel Südgeorgien und die Antarktische Halbinsel gedreht hat. Die Aufnahmen wirken so unreal, wie man es von frühen Stummfilmen kennt, die derart aus der Zeit gefallen sind, dass man ihnen ihre Echtheit nicht mehr abnimmt. Nur dass die Pinguine, die wir hier sehen, sich zwar in verblichenen Bildern bewegen und doch so lebendig wie nur möglich sind.
Als ich Jóhannssonin 2001 auf Island nach dem inneren Wesen seiner Musik befragte, antworte er, dass es ihm um wichtige soziale Anliegen ginge. Alben wie “Viroulegu Forsetar” und “Englabörn” (auf Touch Records) und “Forlandia” (auf 4AD) sowie seine Soundtrackarbeit für James Marsh´s “The Theory Of Everything” verdeutlichten in den folgenden Jahren, was er damit meinte: Jóhannssonin geht es um eine gelebte Solidarität durch Musik in einer unsolidarischen Welt.

“End of Summer” trägt einmal mehr eine erschütternde Traurigkeit in sich. Wenn das hier das Ende des Sommers sein soll, dann will man nicht wissen, wie sich der Anfang des Herbstes erst anfühlen soll, vom ewigen Winter wollen wir gar nicht sprechen. Eine unheimliche Schwere liegt über dieser in schwarz und weiß festgehaltenen Welt. Die gemeinsam mit Hildur Guðnadóttir und Robert A. A. Lowe dazu eingespielte Musik wirkt entgegen der großen weiten Flächen der Inseln, die hier portraitiert werden, wie auf engsten Kammerspielraum zusammengepfercht, was nicht zuletzt am markanten Sound des monoton-experimentell Cellos und den schön schrägen Synthesizerklängen liegt. Mit “End of Summer” zelebriert Jóhannsson vier Studien des Zerfalls auf so wunderschöne Art und Weise, besser kann man die Ambivalenz der Existenz nicht mit Tönen erfassen.
Thomas Venker

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