Montag, 26.06.2017
Record of the Week

Lawrence „Yoyogi Park“

Kaput_Yoyogi-Park-CoverLawrence
„Yoyogi Park“
(Mule Musiq / Kompakt)

Bereits auf seinem letzten auf Dial Records veröffentlichten Album „Films & Windows“ experimentierte Pete Kersten (aka Lawrence) mit Field Recordings, die auf seinen zahlreichen Reisen entstanden sind. Dezent, aber somit umso effizienter. Denn seine an sich schon deepen Tracks bekamen so noch mehr Persönliches mit auf den Weg, man spürte als Hörer geradezu die suchende Neugierde des Künstlers in der Interaktion mit der Welt und seine Bewegtheit von dieser.

Besonders nachhaltig ist mir das Stück „Kurama“ in Erinnerung geblieben (das in noch nicht ganz so explizit mit Field Recording angereichterter Form bereits auf Pampa Records erschienen war), für das Kersten in dem Album-Edit Geräusche aus jener Bummelbahn verwendete, die den Besucher von Downtown Kyoto in das kleine, in den nördlich der Stadt gelegenen Bergen (die auch das Cover von Efdemins Album „Decay“ in bearbeiteter Form zieren) gelegene Dörfchen Kurama bringt – übrigens nichts zu verwechseln mit „Kuramae Subway Station“, der Station, die Surgeon auf seinem Fabric 53 Mix verewigt hat. Das mag sicherlich damit zusammen hängen, dass ich bereits selbst den dortigen Tempel und das anhängige Kurama Onsen besucht habe. Doch es wäre falsch, hierin lediglich einen Insider-Verweis ohne tiefere Bedeutung zu sehen, für derartige Spielereien ist die Musik von Lawrence viel zu sensibel: es geht ihm um Sounds und Stimmungen, nicht um Referenzen und Positionierungen.

Kaput_Lawrence_YoyogiPark_Sticker„Yoyogi Park“, für dessen Artwork Kersten einmal mehr mit dem Hamburger Künstler Stefan Marx zusammenarbeitete, stellt den dritten Teil einer Serie von Ambient Veröffentlichungen dar, die er für das von Toshiya Kawasaki betriebenen Label Mule Musiq aufgenommen hat.

In Abgrenzung zu den beiden Vorgängern “Until Then, Goodbye” (2009) und “A Day In the Life” (2014) zieht es ihn aber mit „Yoyogi Park“ vom ersten Stück „Marble Star“ an mehr gen Club (besonders das bereits in anderer Form auf Smallville Records erschienene “Nowhere Is A Place”, das vor zwei Jahren auf Mule erschienene “Blue Mountain” sowie “Nightlife” repräsentieren diese Tendenz). Ambient ist in diesem Setting eher als Attribut der Klanghandhabung zu verstehen und nicht als direkte Genre-Zuweisung – denn entgegen der Normen des Genres sind Rhythmus und Perkussion auf „Yoyogi Park“ allgegenwärtig, und das von einer aufreizenden Vielfältigkeit; ich kann mich nicht erinnern, wann ich zuletzt so soundverliebt den einzelnen Beats zugehört habe, ein jeder gezeichnet mit einer Akribie, wie man sie in der Tat nur aus Japan kennt.

Kaput_Yoyogi_03Der Ort, an den diese Beats uns mitnehmen, der titelgebende Yoyogi Park, ist ein öffentlicher Park im Stadtteil Shibuya, in dem der Meiji-Schrein und der Kyū-gyoen Garten liegen und der vor allem am Wochenende Scharen von Teeangern als Treffpunkt dient, die den engen Verhältnissen Zuhause entkommen, um gemeinsam im Park Musik zu hören, zu tanzen, zu trinken und was man sonst noch so macht.

Kaput_Yoyogi_01Es sind Elemente wie der perlige Melodieverlauf im ersten Stück „Marble Star“, bei dem man sofort an die Klangforschungen eines Brian Eno denken muss, die verblüffend frei wirkenden Piano Anschläge in „Tensui“ (ein Gefäss für Flüssigkeiten), oder das nervöse Grundgefühl von „Ava“, bei dem man an den frühen Aphex Twin denken muss, die klar machen, warum „Yoyogi Park“ aber im innersten Kern trotzdem ein Ambient-Album mit allem Recht der Setzung ist. Es denkt Ambient ohne falsche Grenzziehungen – ein wahrer Sensai darf die Dinge in größere Zusammenhänge bringen.
Besonders nachhaltig gelingt dies Pete Kersten im Schlussdrittel des Albums mit Tracks wie „Simmer“, „Clouds And Arrows“ und vor allem dem letzten Stück „Illuminated“ – und am Ende ist man wirklich im besten Sinne des Wortes illuminiert, ganz so wie nach einem dieser langen Tage im Yoyogi Park.
Könnte ich doch nur jetzt sofort durch seine Pforten gehen. Aber ich will mich nicht beklagen, im Japanische Kulturinstitut in Köln gastiert heute immerhin das aus Hitomi Nakamura (Hichiriki-Oboe), Mami Tsunoda (Ryûteki-Querflöte) und Ko Ishikawa (Shô-Mundorgel) bestehende Chitose-Trio und gibt einen Abend mit klassischer und neuer Gagaku-Musik unter dem Titel „… den Wind atmen lassen“. Eine passendere Fortführung von „Yoyogi Park“ könnte ich mir jetzt nicht vorstellen.
Thomas Venker

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