Montag, 16.10.2017
Record of the Week

Mac Demarco “Another One”

MAC DEMARCO
“Another One”
(Captured Tracks / Cargo)

Als irgendwann Anfang der 90er Jahre Gerüchte über eine Wiedervereinigung der Beatles (ich glaube mit Elvis Costello als vierten Mann) aufkamen, erklärte George Harrison, die Beatles  würde es nicht wieder geben, solange John Lennon tot sei. Aber jetzt, wo auch Harrison nicht mehr lebt, besteht vielleicht wieder Hoffnung. Für seine Position wäre Mac Demarco zumindest schon mal ein vielversprechenden Anwärter. Die mit dem Gesang konkurrierende Prominenz, Virtuosität und ans Spleenige grenzende Phantasiefülle des Gitarrenspiels hatten beide Ausnahmemusiker schon immer gemeinsam. Das neue Werk Demarcos klingt aber auch sonst stark nach den Beatles, und wie speziell die Kompositionen ihres schönsten, stillsten Mitglieds will „Another One“ nichts als schmeicheln, heilen und erleichtern.
Freundinnen der harten Kante werden denken, „was für ein weichgespülter Scheiß“, und sich zu Tode langweilen. Aber denen, die Ohren haben für die verborgeneren Sensationen raffinierter Harmoniebehandlung, wird etwa der  überraschende Doppeldominantseptakkord im Refrain von „The  Way You’d Love Her“ so  abenteuerlich klingen wie irgendein erschütterndes Geräusch oder Geschrei. Man kann den Akkorden Demarcoe folgen wie Geschichten. Man kann sich auch besinnungslos ihrer schwebenden verschwenderischen Zärtlichkeit ergeben. Allerdings wirkt der Zauber nicht ganz lückenlos. Wenn, wie ausgerechnet im Titelsong,  eine sinnstiftende melodische Grundidee fehlt, bekommt die ganze Modulations- und Gitarrenakrobatik etwas Zielloses, Manieriertes. Aber auch damit ist Mac Demarco in der erlesensten Gesellschaft von, nein, nicht nur Steely Dan und Elvis Costello, sondern, na eben, jawohl, auch von George Harrison.
Jens Friebe

Mac DeMarco klingt hier wie eine moderne Variante komischer Individualisten, die das Amerika der 70er Jahre hervorgebracht hat. Harry Nilsson und Loudon Wainwright III fallen mir spontan ein. Diese Leute haben Platten gemacht, die Singer/Songwritertum mit entschieden albernen Einfällen vermischt haben, was ihre Musik immer auf angenehme Weise verspielt und unverbindlich erscheinen lässt. Diese Form der Skepsis gegenüber dem eigenen Schaffen ist auch dieser neuen EP von Mac DeMarcos inhärent.
Das liegt größtenteils daran, dass DeMarcos Gitarrenspiel von einer Art kaputten Hawaii-Tunings bestimmt wird, dessen korrekte Bezeichnung wahrscheinlich nur Donald Fagen, Detlev Diederichsen und Jens Friebe kennen. Dieses Tuning konfrontiert die im Grunde ausgeruht-melancholischen Songs mit einer dezent enervierenden Schrägo-Qualität, die dafür sorgt, dass man sich beim Hören der Musik nicht allzu wohl fühlt (obwohl man sich auch nicht entschieden unwohl fühlt, natürlich). Den Songs wird eine kleine Dosis Selbst-Distanz verabreicht. Ist aber nicht schlimm, weil das nur bedeutet, dass man ein bisschen mehr Einbildungskraft aufbringen muss, um, verstärkt durch die Musik, eine diffuse Sehnsucht nach nicht existierenden Orten auszuleben. Dabei helfen Unschuld und Arglosigkeit vermittelnde Fender-Rhodes-Klänge sowie das Wasserplätschern im letzten Stück der EP, auch wenn man doch weiß, dass man gerade nicht am Meer sitzt (wie Mac DeMarco auf dem Cover), sondern am Schreibtisch. Meine Lieblingslieder sind das Titelstück und „I’ve Been Waiting For Her“.
Mario Lasar

 

 

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