Dienstag, 17.10.2017
Record of the Week

Micachu and the Shapes „Good Sad Happy Bad“

Micachu-CoverMicachu and the Shapes
„Good Sad Happy Bad“
(Beggars)

Es gibt im Groben drei Arten, mit einem – sei es in der Clique, sei es in den Massenmedien – vorherrschenden Musikgeschmacksurteil uneins zu sein. 

1. Die anderen feiern etwas, das man hasst. Dies ist eine sehr unangenehme Erfahrung. Um nicht in blanke Menschenverachtung zu verfallen, klammert man sich an fragwürdige Konstrukte wie etwa den „Verblendungszusammenhang“ („Die armen Balbina-Fans! So zugerichtet!“ ).

2. Die anderen feiern was, was man nicht rafft. Dieser Fall ist, wenn er nicht zu oft eintritt, eher interessant als unangenehm („Ach DAS ist dieser offifziell so gute Jamie xx !?…. Hmmm. Verrückt!“).

3. Die anderen finden scheiße, was einen begeistert.

Zum Beispiel: Ich bin außer mir vor Freude über die neue Platte von „Micachu and the Shapes“; die Autoren von Spex, Intro und Musik Express verreißen sie. Das ist ein zwiespältiges Erlebnis. Die Einsamkeit hat auch was Feierliches. Der Zorn ist mehr heilig als gallig. Auch mildert ihn eine Prise Verständnis, denn als ich die Platte ohne jede Vorkenntnis beim Snippetbummel runterlud, wusste ich auch nicht gleich, womit ich es zu tun hatte.

Ich freute mich vor allem über die total kaputte Stimme Micachus. Sie klang wie die weibliche Mark E. Smith oder Snoop aus „The Wire“. Dazu versprühten die stapfenden Riffs der verstimmten Gitarre und die holprigen Schlagzeugloops räudigen Charme. Ich hörte die Songs zunächst nur im kontrastprogrammatischen Wechsel mit der letzten Django Django. Während deren auf Anhieb beeindruckenden Glanzstücke aber schon bald abstumpften, polierte jeder neue Durchlauf „Good Sad Happy Bad“ strahlender und strahlender. Und ich schwöre, dass ich, noch bevor mich meine Recherche darüber belehrte, dass Mica Levy (so der wahre Name) schon als Kleinkind von zwei Musikern Musik zu machen begann , später fürs London Philharmonic Orchester komponierte und den Soundtrack zum Arthouse-Film „Under The Skin“ schrieb, dachte: dem dilettantischen Schein ist nicht zu trauen. Die hingerotzt wirkenden Gesangslinien sind in wirklichkeit vielleicht zwar tatsächlich hingerotzt, aber so wie die Soli großer Jazztrompeter, mit einem Jahrzehnte lang gepflegten Instinkt für Erfindung und Variation. Die Gitarre und Schlagzeug ergänzenden Klänge aus Synthies oder anderen undefinerbaren Quellen, sind alle liebevoll hergestellt, unabgenutzt und perfekt gesetzt. Die Summe transzendiert ihre Schrottigen Teile und wird zur schönsten Harmonie. Das Ganze ist natürlich mehr was für eine breite, als für eine große Masse. Von der tristen „Sorte von Kiffer-Jam“, die Herr Cornils von der Spex in ihr hört, ist „Good Sad Happy Bad“ aber doch sehr weit entfernt. Sehr sehr weit. Finde ich.
Jens Friebe

Während es bei vielen Alben absolut ausreicht, die Songsnippets zu hören und daraufhin guten Gewissens das „Thema“ ad acta zu legen, drängt sich mir bei Micachu and the Shapes’ neuer Platte der Gedanke auf, dass es gut gewesen wäre, wenn Mica Levi, Raisa Khan und Marc Pell ihre Ideen ein bisschen weiter ausformuliert hätten. Wobei es ja mit Erwartungshaltungen gegenüber Kunstwerken so eine Sache ist, ich weiß. Bringt außerdem sowieso nichts, denn „Good Sad Happy Bad“ ist ja nun eingetütet und erschienen, so wie es eben ist.

Zum Verständnis der Platte hilft es vielleicht zu wissen, dass es sich – vertraut man den gestreuten Infos – bei den dreizehn Tracks um nachbearbeitete, von Drummer Pell bei einer Session heimlich mitgeschnittene Stücke handelt. Der Ursprung ist also freies Rumgedaddel, das nicht zwingend irgendwohin, sprich zu einem fertigen Song oder kompletten Album führen muss – so stelle ich mir das als Nicht-Musikerin jedenfalls vor. Und natürlich wäre es jammerschade, wenn prima Songentwürfe wie „Oh Baby“, „Dreaming“ oder „Sad“ nicht der Öffentlichkeit zugänglich wären. Die klassisch ausgebildete, wie Christiane Rösinger es sagen würde, „überbegabte“ Mica Levi machte unlängst mit dem spooky creepy Soundtrack zu Jonathan Glazers Science-Fiction-Film „Under the Skin“ Furore, kehrt nun mit The Shapes zum Bandkonzept zurück, und klar ist es völlig okay, sich Formalia á la, „ein Song muss drei Minuten lang sein“ zu widersetzen. Vielleicht empfand Micachu ihre ersten Alben „Jewellery“ und „Never“ mit ihrer Mixtur aus artifiziellen Sound-Spielereien und gleichzeitig poppiger Zugänglichkeit auch zu konsensverdächtig, wer weiß. In „Good Sad Happy Bad“ steckt allerdings so viel Tolles drin, von dem ich gern mehr gehört hätte, zum Beispiel von der ganz im Hintergrund versteckten Dope-Gitarre in „Crushed“, die an selige Royal-Truxx-Zeiten erinnert; oder von Micas Stimmverfremdungs-Experimenten, oder von dem munteren Keller-Trash-Elektropunk von „Thinking It“, dass mich die vielen Interrupti und ausgefadeten (!) Enden unbefriedigt und ratlos zurücklassen. Dabei ist es gar nicht so, dass die Stücke „vorbeirauschen“ – im Gegenteil taumelt manches (wie „Peach“) ziel- und lustlos dahin, warum auch nicht, war ja nur Session. Vielleicht kann Marc Pell ja nochmal ins Studio gehen und nach den verschollenen Trackenden suchen, würde mich freuen.
Christina Mohr

 

 

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