Dienstag, 17.10.2017
Record of the Week

Nicolas Godin “Contrepoint”

Cover_Nicolas-GodinNicolas Godin
“Contrepoint”
(Because/ Warner Music)

Während ihre Pariser Kollegen von Daft Punk sich seit Jahren vor der Öffentlichkeit mit Helmen verstecken, sind Air so etwas wie die Poster-Popboys der französischen Szene. Mit dem Ergebnis, dass man ihre Gesichter kennt, die Namen sind allerdings gar nichts so präsent wie man meinen könnte. Zumindest musste ich erstmal das Internet bemühen, um zu wissen, dass Nicolas Godin die eine Hälfte von Air ist. “Centrepoint” ist sein Solodebüt, und es ist ein ambitioniertes, inspiriert von keinen Geringeren wie Johnann Sebastian Bach und Glenn Gould.

Das alles weckt erstmal große Ängste, schließlich konnten schon Air mit ihrer pathetischen Selbstverliebtheit einen gerne mal nerven – und das erste Stück des Albums, “Orca”, nährt dieses Gefühl gewaltig: schon lange nicht mehr so einen nervtötenden Opener gehört wie diese fräsend übersteigerte Electro-Gitarren-Sinfonie. Das gefühlt, ist man geneigt, die Besprechung schnell zu Ende zu schreiben, damit man es hinter sich hat. Doch da spricht plötzlich, einer Deux Ex Machina gleich, jemand zum Autor: “Widerstehe doch der Sünde”, denn “sonst ergreifet dich ihr Gift. Lass dich nicht den Satan blenden.”

Man muss Godin Respekt zollen für die angstlose Art, wie er sich Bach und Gould hier nähert. Alles, wirklich alles ist möglich: Warum nicht Bachs Kirchenkandate “Widerstehe doch der Sünde” als expressionistisches Theater im Stile eines Klaus Nomi interpretieren? Oder mit “Glenn” ein Hörspiel von Song vorzulegen, das so auch von den Sparks sein könnte? Und mit “Bach Off” klassische Soundmotive in einem wilden Tanz der Gefühle mit südamerikanischen Stilmitteln aufgreifen, brechen und kontrastieren?

Nicht alle Stücke gehen freilich derart an die Grenzen, “Club Nine” transportiert relativ Air-nahen, schwungvollen Nachtclubvibe, “Clara” schmachtet irgendwo im Grenzgebiet von italienischer und französischer Popmusik, ebenso das wunderbar kantenlose Post-Disco-eske “Quei Due”. Enden lässt Godin das Album mit “Elfe Man” sakral. So skeptisch ich bin, wie oft ich dieses Album auflegen werde, so fasziniert bin ich von der Furchtlosigkeit, mit der Godin herangegangen ist.
Thomas Venker

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