Dienstag, 22.08.2017
Record of the Week

Sleaford Mods “Key Markets”

Cover_SleafordModsSleaford Mods
Key Markets
(Harbinger Sound / Cargo)

Letztes Wochenende war ich auf einer Geburtstagsfeier, es wurde getanzt. Die Gastgeberin, die häufig als Party-DJ unterwegs ist, spielte ihre nach Bands zusammengestellten und alphabetisch sortierten CDs. Am erfolgreichsten in punkto entfesselter Euphorie war in dieser Nacht die Folge A – I, mit deutlichen Höhepunkten bei den Beastie Boys, Blur, Ideal, Chris Isaak. Auf dem Heimweg stöpselte ich mir das neue Album der Sleaford Mods, „Key Markets“ in die Ohren und dachte bei mir, dass eine Situation wie eben bestens in Jason Williamsons Schimpftiraden einfließen könnte, wankers daaancing to alphabetically sorted shit pop hits, so ungefähr.

Aber wer bin ich, den Sleaford Mods Textzeilen in die Tracks zu soufflieren, das geht bei denen ganz von alleine und wie von selbst, so lange die Welt und die Leute darin scheiße sind, also vermutlich für immer. Andrew Fearn muss nur einen Knopf drücken und den knarzigen, kratzigen Stakkatobeat anwerfen, schon explodieren die Worte aus Williamson im breiten Midlandsslang raus, bitter, vulgär, zynisch, verzweifelt und wahrhaftig:

„…dirty neck barred from the last post the pub next to the church it’s alright blokes ‘n’ smokes it’s all god and an eye for an eye, still some out there who believe in the lie of sundays apple pie, death waits for every man! it ain’t like cakes from birds you don’t get anything for your money back. pound back on the bottle of pop i tango and cashed it yam. cake tin, your job my job laughing, mate where we been? upstairs in the back kid on slop mod daft crop, i don’t wear crap like that throwbacks alright if ya doing something decent but i put ya cd on its fucking shakin’ stevens…”
(“Live Tonight”).

Sleafords stream of ranting and raving spült alles Eklige an die Oberfläche und deshalb sind sie so wichtig. Ohne Frage, das Duo aus Nottingham ist der räudige Terrier am Hosenbein der Satten und Erfolgreichen, der Dreckrand unter den „french manicured nails“ der Popkultur, ein in die Neuzeit katapultierter Johnny Rotten/John Lydon auf billigem Speed. „No One’s Bothered“ heißt ein Stück auf „Key Markets“, „Silly Me“ ein anderes, die Anklageschrift der Mods ist lang und bezieht sie selbst mit ein, klar, in einer „world full of shit“ sind alle bastards.

Und trotz alledem kann ich sie nicht komplett abfeiern, denn Sleaford Mods sind auch und vor allem zwei westliche weiße Männer, die für andere westliche weiße Männer ins Mikro rülpsen (natürlich auf dem Album zu hören), den braven Hipsterboys also eine ganze Menge Rüpelei und Bierdosensauferei abnehmen und sich dafür der Bewunderung sicher sein können. „Everyone spits on you, even your wife!“, schon klar, wer hier angesprochen ist und wer nicht. Am ehesten dabei, bin ich es bei den dubby Tracks „Tarantula Deadly Cargo“ und „Bronx in a Six“, hier spielt der Bass eine größere Rolle und schon höre ich wieder zu, „ya chinney wine tasters die in boxes like the rest of us“. Darauf einen gut gekühlten Chardonnay.

Wohin fortwährende Schimpferei führen kann, durfte man unlängst bei The Falls Mark E. Smith sehen, der sich während eines Festivalauftritts in die Hosen pisste und selbstredend nicht von der Bühne ging. Andererseits: Auch ein Kommentar zum konfektionierten Hochglanzpop, der um ihn rum veranstaltet wurde (abgesehen von Sleaford Mods natürlich, die auch dort spielten).
Christina Mohr

Ich habe hier zwei Probleme. Das kleinere möchte ich mit einem Zitat von Veit Sprenger (vom Performance-Kollektiv „Showcase Beat la Mot) umreißen: “Wie man’s macht, macht man’s falsch, wenn man auf der falschen Seite steht.”

An eine Band, die gegen Entinhaltlichung und faulen Klassenfrieden den bierdampfenden Stolz des ehrlichen harten Arbeiters setzt, kann ich mich weder befugt voll dranhängen, noch Wünsche nach aber doch bitteschön etwas weniger Ladism richten. Die Lösung hier ist, ich platziere mich freundlich wippend in der Zweiten Reihe, mit angemessenem Abstand zum fäustereckenden „Sleaford Mods, Sleaford Mods, Sleafordsleafordsleaford Mods“- Grölchor, mit dem die Platte anfängt.

Die größere Schwierigkeit ist, dass die für ihrer Klarheit und Direktheit gefeierten Schimpftiraden der Sleaford Mods ja gar nicht wirklich so klar und direkt sind, sondern im Gegenteil sehr assoziativ, anspielungsreich und voll von Slang und Wortneuschöpfungen, so dass ich meistens gar nicht weiß, worum es überhaupt geht. Ich kriege zwar genug mit, um den allgemeinen und durch Jason Wiliamsons wie immer spektakulär energetischen Vortrag gesteigerten Eindruck einer großen Sprachgewalt zu empfangen, aber wie geil das im Einzelnen wirklich gedacht und gemacht ist, kann ich nur anhand ausgesuchter Verständlichkeitsinselchen erahnen.
Sehr gut gefallen mir die Beleidigungen einzelner englischer Politiker, zum Beispiel: „Miliband got hit with the ugly stick not that it matters the chirping cunt obviously wants the country in tatters”. Denn Charaktermaske hin oder her – jeder sozialdemokratische oder sonst wie verkommene Durchdrücker von Kapitalinteressen ist schließlich auch ein Mensch mit freiem Willen und gehört individuell beschimpft.

Die von Christina Mohr bereits zitierte und von Williamson in einem Interview als die ihm liebste genannte Stelle „ya chinney wine tasters die in boxes like the rest of us wasters,“ gefällt mir gar nicht. Nicht nur wegen ihrer Ressentimentsmoral, sondern auch und vor allem wegen ihrer Langweiligkeit. Ich sehe hier keinen Vorteil zu irgendeiner omahaft seufzenden Volksweisheit aus der Kategorie „Das letzte Hemd hat keine Taschen“. Mir sind insgesamt die Momente auf der Platte unangenehm, wo das kämpferisch Linke ins Sadomasochistische Apokalyptische kippt. Dem Charme der sehr prominenten Authentizitätspropaganda kann ich mich wiederum auch als guter Antiauthentiker nicht entziehen, da sie rein negativ vorgeht, also nicht pathetisch das Echte beschwört, sondern lustvoll und lustig Phoneys vernichtet, wie zum Beispiel hier den armen Möchtegernrocker aus dem Nachbardorf: „wannabes never change its the wannabe show and you always wannabe the same, posy shit and leather jacket, motorbikes from the 50s you live in carlton you twat you’re not snake fucking plissken!“ Haha.

Nun, soviel zu den 20 mir zugänglichen Prozent der Texte. Die Musik ist, wie ihr euch denken könnt, in der bekannten neopunkigen textdienlichen Ordnung. Williamsons Skandierstil wie angedeutet und ebenfalls bekannt: groß.
Jens Friebe

 

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