Freitag, 24.11.2017
Record of the Week Spezial

Goldfrapp “Silver Eye”

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“Silver Eye”
(mute)

Dass Goldfrapp einen Hang zum Mystischen haben, ist keine ganz neue Erkenntnis: Plattentitel wie “Supernature” und Alison Goldfrapps ausgeprägte Ader für metaphernreiche Lyrics gehören zum Gesamtbild dieses Bandprojekts, das heuer ins 19te Jahr seines Bestehens geht. „Ich hätte nie gedacht, dass wir so lange gemeinsam Musik machen würden“, sagt Will Gregory, mit dem ich unlängst die Ehre hatte, am Telefon zu plaudern, „aber ich freue mich jeden Tag darüber, dass es so ist.“
Der freundliche Mr. Gregory erledigt gerade jegliche Korrespondenz im Hause Goldfrapp, denn Alison gibt zurzeit keine Interviews. „Sie bereitet sich auf die anstehenden Konzerte vor – sie ist die Performerin, hat die Kontrolle über die Show. Ich mache ja nicht so viel.“ Das ist natürlich stark untertrieben, denn Will Gregory ist für den Sound von Goldfrapp ebenso verantwortlich wie Alison, „we are a democracy“, so Gregory. Sein britisches Understatement lässt Gregory endgültig sausen, wenn er über „Silver Eye“ spricht: „Ich liebe dieses Album – es reflektiert alle Facetten unserer Band, ich würde sogar sagen, dass es unser Bestes ist.“ Auf jeden Fall hatten Alison und Will seit Langem mal richtig Muße im Studio: „Wir haben uns auf keine Terminvorgaben eingelassen, haben uns alle Zeit genommen, die wir brauchten. Da waren wir richtig stur, aber auch so experimentierfreudig wie noch nie. Wir haben mit jedem Wort, jedem Ton so lange herumgespielt, bis wir fanden, dass es nun passt.“

Das Ergebnis lässt sich als Essenz von Goldfrapp bezeichnen, als Best-of mit zehn neuen Songs: „Silver Eye“ vereint die zurückgenommenen Balladen von Alben wie „Tales of Us“ und „Seventh Tree“ mit dem unbedingten Drang zu Dance und Glamour von „Supernature“ oder „Black Cherry“. Goldfrapp spielen mit Gegensätzen, mit „kalter“ Elektronik vs. „warmem“ Songwriter-Folk-Chanson, Alison als so distanzierter wie leidenschaftlicher Zeremonienmeisterin.
Gregory ist großer Fan von Krautbands wie Can, Neu! und Kraftwerk, was man „Silver Eye“ teilweise anzumerkt, auch wenn der Sound kompromisslos jetztzeitig ist. Der Opener „Anymore“ ist hoch elektrifiziert, drängend, die synthetischen Beats bratzen, „I can’t wait, I can’t wait anymore“ raunt Alison. Im Video von Mary Calderwood tanzen geheimnisvolle Frauen auf dem Sand von Fuerteventura, man kann diesen Song als ungeduldige Coming-Out-Hymne verstehen, aber auch als Verneigung vor der Kraft und Schönheit der Natur, eine Art new paganism. Gregory bezeichnet sich selbst als wenig spirituell – im Gegensatz zu Alison, von der die Lyrics über Sternzeichen, verzauberte Seen, den Mond (the silver eye) und Wort-Neukreationen wie „Systemagic“ stammen. Das steht natürlich mit einem Bein in der Esoterik, ist aber tief im Goldfrapp’schen Universum verankert: „Früher hatte alles eine Bedeutung, jeder Stein, jeder Baum, jedes Tier – wir haben heute ein bisschen die Verbindung verloren, scheint mir“, so Gregory.
Goldfrapp nehmen den Kommunikationsfaden wieder auf: „Forever / Illuminating his eyes and fur / Magnificent / A River meets the sky and the wild / He’d die for you“ heißt es in „Tigerman“, der als untotes Mischwesen mondbeschienene Hügel besteigt.

Wie gesagt, so etwas kann man catlady-crazy finden, viel näher liegt aber die Lesart von Goldfrapp als Mittler zwischen Dancefloor und einer mystischen wilderness, vermeintlichen Gegenpolen, die bei Licht betrachtet gar nicht so weit von einander entfernt sind. Wer dennoch Schwierigkeiten damit hat, seine/ihre vorzivilisatorische Seite mit dem heutigen Dasein zu verbinden, dem helfen Goldfrapp mit „Becoming the One“: „Synchronise / Harmonise / What’s inside / Visualise / Atomise / Crystallise“ – dazu stelle man sich ein druidisches Ritual vor, angeführt von Alison, während sich Gregory hinter seinen Synthies darüber freut, dass der Tigerman zu seinem fetten Beat tanzt.

 

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