Mittwoch, 26.04.2017
Record of the Week

Die Regierung “Raus”

Cover_Die-RegierungDie Regierung
“Raus”
(Staatsakt / Caroline International)

Dreiundzwanzig Jahre nach dem letzten Studio-Album „Unten“ veröffentlicht die ursprünglich aus Essen stammende Band ihre fünfte LP. Sänger / Nöler Tilmann Rossmy hat in der Zwischenzeit unzählige Solo-Alben aufgenommen und nebenbei eine Familie gegründet. Wobei sich das jetzt etwas seltsam liest – wird eine Familie so gegründet wie eine Band? Jedenfalls spielt beides eine Rolle in den Texten auf „Raus“. Auch unter dem Aspekt, dass man weder dem einen noch dem anderen mehr entkommen kann, wenn es mal da ist. Dabei spielt Rossmy Möglichkeiten durch, was gewesen wäre, wenn er zu einem bestimmten Zeitpunkt andere Entscheidungen getroffen hätte: „Und wären wir damals zusammen geblieben, würden wir dann immer noch in Hamburg leben?“

„Damals“ war in den 90ern, und Rossmy wirkte im Kontext der Hamburger Musik-Szene um Figuren wie Jochen Distelmeyer, Tobias Levin und Kristof Schreuf immer ein bisschen wie der empathisch beobachtende Stoiker inmitten des großen Aktionismus. Der Gestus des Unaufgeregten hat seit jeher Rossmys ästhetische Inszenierung bestimmt, und „Raus“ bildet da keine Ausnahme.
Die neuen Lieder vermitteln den Eindruck, dass Leben nicht geplant werden muss, um sich gut anzufühlen. Das liegt auch daran, dass Rossmys Texte so mit Lässigkeit aufgeladen sind, dass ihre Gemachtheit völlig ausgeblendet wird (ein erfrischend un(post)moderner Effekt stellt sich dadurch ein, aber das war bei dieser Band ja schon immer so).

Die Musik bewegt sich zwischen der ausgelassenen Ramponiertheit der Frühphase und den delikaten Arrangements von „Unten“ (auch wenn auf „Raus“ kein Klavier im Mittelpunkt steht), rumpelt also gut ausbalanciert und auf hohem Niveau. Hin und wieder gönnt die Band den Stücken ausgefallene New-Wave-Disco-Elemente, was sehr gut funktioniert in dem großartig treibenden „Bemerkenswerte Menschen“. Die Art, wie Rossmy hier, den Besuch eines Patti-Smith-Konzerts reflektierend, „und es ist 1977“ singt, stellt natürlich einen Bezug her zum Song „1975“, einem der herausragenden Lieder von Die Regierung. Es wird deutlich, wie sehr Bio- und Discographie miteinander verschränkt sind. „Nichts geht verloren“, stellte Hildegard Knef 1970 fest. Diese Erkenntnis variiert das neue Album der Regierung auf überzeugende Weise.
Mario Lasar

Auf play loud ist aktuell auch ein Live-Doppelalbum von Die Regierung erschienen, das die Band im Jahre 1994 dokumentiert. Gemastert von Hans-Joachim Irmler von Faust und Andi Schmidt.
Auf play loud ist zudem ein Mitschnitt des Essener Auftritts von 2015 erhältlich. 

 

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