Freitag, 21.09.2018
Record of the Week

DJ Koze “Knock Knock”

SR_Cover_KozeDJ Koze
“Knock Knock”
(Pampa)

Klopf klopf, welchen DJ Koze hätten Sie denn gern? Den HipHopper, den Witzbold, das Discoteer, den Melancholiker, den Techno-Psychedeliker, den irren Zerschnipsler? Kein Problem, alle sind dabei auf Stefan Kozallas neuem Album „Knock Knock“, das nach seiner Aussage selbst bestimmt hat, wann es fertig ist. Und in diesem Prozess kreative Höchstleistungen vollbracht hat: gewaltige Bass-Grooves mit knisterigem Spook-Indiepop zu verquicken, beispielsweise. Adolf-Noise-mäßigen Humor mit Disco-Grandezza zu verbinden auch.
Den Überblick zu behalten, was rausfliegt und was vielleicht noch fehlt, war wahrscheinlich gar nicht so einfach, denn „Knock Knock“ ist randvoll mit Ideen, Styles und Stimmen – diesen vor allem: von José Gonzalez über die große Roisin Murphy, Kurt Wagner, Sophia Kennedy, Eddie Fummler bis Mano le tough sind so viele unterschiedliche Vokalisten an Bord, dass bei anderen DJs/Kuratoren die Gefahr hätte bestehen können, dass das Album zur Nummernrevue gerät.
Nicht bei Koze. Er behandelt Stimmen wie Instrumente, Soundelemente: So wird in „Bonfire“ Bon Ivers geisterhafter Gesang gesampelt und mit Synthies verflochten, Sophia Kennedy gibt in „Drone Me up, Flashy“ eine mondäne Knef-Inkarnation. Roisin Murphy ist mal glamouröse Dancefloor-Queen („Illumination“), mal voller Selbstzweifel („Scratch that“) – und vielleicht so etwas wie Kozes alter ego, seine Stimme: „Knock Knock“ ist witzig und wagemutig, aber dabei voll tiefer Melancholie. Er habe vielleicht Angst vor Hits, sagte Koze vor kurzem in einem Interview. Für seine Arbeit bedeutet das nicht, dass er unter seinen Möglichkeiten bleibt – sondern diese dekonstruiert. Ganz einfach runtergebrochen: Kunst statt Kommerz.
Christina Mohr

Kozes neues Album feiert das Konzept der Zusammengesetztheit, das analog zu einer Sicherheitsnadel das hier zusammengestellte Material gleichsam verletzt und vernetzt. Verfolgt wird ein Ansatz, im Rahmen dessen nachvollziehbare Strukturen nicht gänzlich aufgelöst, sondern durch die Konfrontation von Disparitäten mit Reibung aufgeladen werden. Das macht die Stücke tendenziell unruhig , selbst dann, wenn sie sich durch einen eher in sich gekehrten Duktus auszeichnen. In dieser Hinsicht bricht sich das jenseitig fließende „Scratch That“ (gesungen von Róisín Murphy) an Delays und Soundmanipulationen, die als mutwillig eingeschleuste Störelemente wahrgenommen werden. Auf diese Weise verweist die Musik auf ihre Materialität und die eigene Gemachtheit.
„Knock Knock“ handelt so immer auch vom Prozess seiner Entstehung und reflektiert diesbezüglich eine grundsätzliche Unfertigkeit. Dadurch, dass die Stücke in ihrem Aufbau additiv organisiert sind, wächst ihnen eine unabgeschlossene Qualität zu. Immer wird noch ein weiteres Sounddetail hinzugefügt – das Album funktioniert nach dem Prinzip einer Schichtung, die egalitär ausgerichtet ist. Die verschiedenen Sounds stehen nebeneinander und dulden sich gegenseitig. Sehr schön wird dieser Ansatz in dem mit José González aufgenommenen „Music On My Teeth“ realisiert. Eine mit antiker Patina überzogene Gitarrenspur wird hier gegenwärtig inszeniertem Gesang gegenüber gestellt. Dabei verwischt die Musik ihre Spuren hinsichtlich der Frage, welche Sounds sample-basiert sind und welche vom Künstler generiert wurden. Der Ursprung der Musik wird somit sekundär. Gleichzeitig diffundieren Zeitebenen ineinander und verabschieden so die Idee linearer Progression.
Dazu passt, dass Koze sein Album als Pseudo-Compilation angelegt hat, im Zuge derer eigenes Material behandelt wird als sei es fremdes, das lediglich in einen neuen Zusammenhang gestellt wird. Dieser Eindruck verstärkt sich zudem durch die Einblendung von Kommentaren fiktiver Radiomoderatoren, denen die Funktion zugewiesen wird, im Sinne eines Reiseleiters durch die Platte zu führen (and it is a trip!). Außerdem trägt der Umstand, dass das Album zu weiten Teilen durch die Partizipation von GästsängerInnen bestimmt wird, entscheidend dazu bei, die Trennlinie zwischen Eigenem und Uneigenem zu verwischen.
Vor diesem Hintergrund gerät Sophia Kennedys Verwandlung in Hildegard Knef zu einer wahren Freude. Nicht nur ruft die Gestaltung des Textes von „Drone Me Up, Flashy“(!) das psychedelische Meisterwerk „Im 80. Stockwerk“ auf – auch Kennedys Gesang, inklusive theatral gerolltem „R“, lässt als Verweis nur die Knef zu.
„Knock Knock“ verfügt nicht unbedingt über eine „innere Mitte“. Die Musik wirkt manchmal, als würde sie den Hintergrund in den Vordergrund verschieben. Figur und Grund kehren sich um. Das hat den Effekt, dass der Gesang nicht notwendigerweise im Zentrum steht, sondern eher in der Musik aufgeht. In dieser Hinsicht kommt dem Geschehen eine Form von Beiläufigkeit zu, die das Album in die Nähe von Ambient rückt. Damit ist weniger eine musikalische Einordnung gemeint als vielmehr die generelle Wirkung, die „Knock Knock“ entfaltet.
Mario Lasar

Vor einigen Jahren brachte mich ein etwas übereuphorisierter Engländer in den Genuß meiner ersten LSD Erfahrung. Es trug sich auf dem Melt!-Festival zu und sollte eine lange, nachhaltige und definitiv existenzialistische Reise werden. Die schönsten Soundmomente des 18stündigen Trips (sic!) schenkte mir DJ Koze. Er lockte in eine Welt voller Feen und anderen Fabelwesen, die auf dem Strom aus Kotze, der sich aus mir ergoss freudig tanzten. Richtig, ich kotzte voller Begeisterung zur Musik von Koze – schöner kann man es sich nicht ausdenken.
Warum ich diese Geschichte hervorhole? Eben da „knock knock“ wie der passende Soundtrack zu einem solchen LSD Trip anmutet. Was daran liegt, dass Koze aus seiner eigenen Leidenschaft für Soul, Disco, HipHop und Techno ein Gebräuch anreichert, dessen Rezept auf ewig ein Rätsel bleiben wird, ganz so wie jenes für den Zaubertrunk von Miraculix bei Asterix & Obelix. Koze ist ein solcher Magier. Sein großes Talent ist es, sich jenseits aller Trends zu bewegen ohne dabei outdated zu klingen. Das Gegenteil ist der Fall und das selbst bei Tracks, die so sehr von dieser ihm typischen, nostalgischen Art zu sampeln geprägt sind und nicht nur deswegen ein hymnisches und lang gedehntes Jaaaa zum Sound der unschuldigen Technojahre zwischen 1996 und sagen wir 2002 anstimmen, als dass sie in der Essenz ihres Seins eigentlich gar nicht möglich sind. Dass sie trotzdem zu lebendigen Klang geworden sind, liegt an Kozes multiplen Handschriften, die sich in einem mystischen Prozess in der einen verdichten.
Und so verhält es sich auch mit seinen namhaften Gästen (Róisín Murphy, Sophia Kennedy, Bon Iver, Speech von Arrested Development, Kurt Wagner von Lambchop und José González!) auf “knock knock”, so eigen und auffällig jeder von ihnen ist, so gehen sie doch letztlich in der Ursuppe Koze auf.
Es fällt schwer, den Trip „knock knock“ wieder gegen den tristen Alltag in Deutschland einzutauschen.
Thomas Venker

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