Donnerstag, 24.05.2018
Record of the Week

Goat Girl “Goat Girl”

Cover_Goat-GirlGoat Girl
“Goat Girl”
(Rough Trade Records / Beggars Group) 

Die Sätze “I don’t care” und “I don’t mind” kommen ziemlich oft vor auf dem Debüt von Goat Girl. Einzeln hören die vier Musikerinnen aus dem Süden Londons auf die Namen LED, Clottie Cream, Naima Jelly und Rosie Bones und sind absolut gar nicht gleichgültig, sondern sauer: auf „England the zombie state“, den Brexit, Menschen an sich („I am ashamed of this so-called human race“ heißt es auf der herrlich angepissten Single „Country Sleaze“). Oder noch deutlicher im Song „Creep“, wo es um einen schmierigen Stalker geht: „I want to smash your head in / right in.“

So krasse Sätze von den Lippen junger Frauen, die dem Guardian als „artists to watch“ gelten, irritieren – was dem bisherigen Medienecho anzumerken ist. Die Resonanz ist zwar durchweg begeistert und positiv, aber es wird auch ganz schön herumgeeiert, ob Goat Girl denn nun Erbinnen der Riot Grrrls sind, oder eher von The Fall. Ob man sie mit Warpaint vergleichen kann oder eher mit den Breeders?
Tja, Goat Girl machen es den Leuten nicht leicht, aber genau das macht sie so toll und interessant. Sie leisten sich in einer knappen Dreiviertelstunde (verteilt auf 19 Stücke, von denen einige nur ganz kurze Sound- oder Vocalskizzen sind) unverstellte schlechte Laune – woher die kommt, erklärten sie in verschiedenen Interviews: Die Band unterzeichnete ihren Plattenvertrag am selben Tag, als der Brexit unschöne Realität wurde. Diese Koinzidenz zog Goat Girl nachhaltig runter. Politische Umstände beeinflussen PopmusikerInnen natürlich – aber nicht alle lassen sich das so deutlich anmerken. Goat Girls Unmut äußert sich in gelangweilt-genervten oder zynischen, wütenden Lyrics, siehe oben – und in „Tomorrow“ werden sie zum Schluss doch ganz versöhnlich.

Musikalisch surft das instrumental traditionell eingerichtete, aber konsequent gegen den Strich bürstende Quartett (siehe/höre die durchgedrehte Fiedel in „The Man“) gern durch nostalgische Gefilde, (zum Beispiel bei „Hank’s Theme“), variiert die Stile aber in fast jedem Song. Von schwarzdunklem Blues geht es über Twee, Garagenpunk, atmosphärisch aufgeladenen, wabernden Sound in „Viper Fish“ bis hin zu Rock’n’Roll-Zitaten inklusive Twang-Gitarre. Goat Girl machen was sie wollen, und sind dabei bewundernswert kompromisslos. Sie fordern (vor allem von den Briten, aber auch vom Rest der Welt), dass endlich offen geredet wird über Geld, Sex, Politik, Machtverhältnisse, Gewalt und den ganzen anderen Mist – und gehen furchtlos voran. Goat Girls miese Laune haben wir dringend gebraucht.

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