Mittwoch, 22.11.2017
Record of the Week

Hercules & Love Affair Album “Omnion”

Cover_HerculesHercules & Love Affair
“Omnion”
(mr. Intl/Skint/BMG)

„Klingt wie Twin Peaks“, merkt der mithörende Bekannte zum Titelstück des neuen Albums von Hercules & Love Affair an, und liegt damit genau richtig: Sharon van Etten, deren zartes Hauchen auf „Omnion“ zu hören ist, hat auch einen Auftritt in der neuen Season von David Lynchs legendärer TV-Serie. Weitere etwaige Gemeinsamkeiten zwischen Lynchs und Hercules-Mastermind Andrew Butlers Arbeitsweise sollen an dieser Stelle aber nicht herbeigeraunt werden. „Omnion“, vierte Platte von Butler und seinem wechselnden Begleitpersonal ist nämlich auch für sich allein ein ziemlich disparater Brocken – nicht nur wegen des Titels, der so prätentiös und aufgeblasen einerseits, so perfekt passend zum antikisierenden Projektnamen andererseits ist. „Omnion“ ist Butlers Referenz an Achtzigerjahre-Discopop und House, soll aber auch ein bedeutender Schritt in seinem nun drogenfreien, geläuterten Leben sein – natürlich lauern da Pathos und Kitsch, keine Frage. Vor allem das autobiographische „Fools Wear Crowns“, das von Butler selbst gesungen wird, weil sich nachvollziehbarerweise keine andere GastsängerIn zur Verfügung stellen wollte, ist schwer zu ertragen.
Aber – und jetzt kommt die Apologie für „Omnion“ – die erste Hälfte der Platte ist schlicht toll. Der Switch vom schwebend-unwirklichen Titelsong über den S/M-Dancetrack „Controller“ (feat. Faris Badwan, Sänger von The Horrors) zum Yazoo-artigen Hit „Rejoice“, gesungen von Butlers langjähriger Kollaborateurin Rouge Mary ist atemberaubend – überhaupt ist Butlers Gaststar-Auswahl mal wieder beeindruckend, neben den Genannten sind noch die isländischen Musikerinnen Sisy Ey dabei, Tänzer & Sänger Gustaph, Hamed Sinno, schwuler Künstler aus dem Libanon; das in jeder Hinsicht bemerkenswerte Drumming stammt vom russischen Technomusiker Leonid Lipelis, der seine ganz eigene Sichtweise auf angloamerikanische Tanzmusiken einbringt. Butlers Konzept von einer internationalen, ständig wechselnden und dadurch kontinuierlich neue Einflüsse liefernden community geht auf – Melancholie und Euphorie sind die treibenden Kräfte auf dem Dancefloor, gespiegelt und gebrochen in den Geschichten, die Hercules & Love Affairs Gaststars mitbringen.
Aber: „Omnion“ hält dem Druck der „großen Erzählung“ nicht stand, bricht nach der Mitte zusammen und verplätschert – so sehr, dass man gar nicht bemerkt, ob „Wildchild“ mit Rouge Mary schon lief oder nicht, und auch ein bisschen erleichtert ist, wenn mit dem pathetischen „Epilogue“ (Vocals: Gustaph) das Drama endet.
Christina Mohr

Wer solange im Popbusiness dabei ist wie Andy Butler, der weiß wie das Spiel mit Images und Musik läuft. Man darf dem Hercules & Love Affair Strippenzieher also unterstellen, dass die Entscheidung, „Omnion“ gleichermaßen zum Titeltrack und zur ersten Singles seines vierten Albums zu machen, eine wohl bedachte ist. Leider zeigt sie uns aber sehr ausgestellt, was schon länger im Unguten liegt im Hause Butler. Persönlich hat er zwar seine Taktung glücklicherweise gefunden und Drogen- und Alkoholsucht hinter sich gelassen (was er sympathischerweise gerne in Interviews und Postings thematisiert und so als role model dient), leider hat dieser Prozess sich aber auch auf sein künstlerisches Werk ausgewirkt und spürbar zu einer Hinwendung zu einer esoterisch unterfütterten Weltsicht und einer damit einhergehenden Soundpolierung geführt. Und so dürfen wir bei „Omnion“ unter der Führung von Gastsängerin Sharon Van Etten an der spirituellen Wiedergeburt der ProtagonistIn teilhaben, angelegt in einem Set-Up irgendwo zwischen Sektenzentrale und Endzeit-Science-Fiction.

Dieser glatte Pathos der aktuellen Hercules Produktionen ist kaum auszuhalten. Man wünscht sich so sehr zurück in die frühen Tage, als das Projekt so viel dreckiger klang und mit echter Wärme berührte und nicht diesem Dave-Gahanschen Gestus („Controller“, passenderweise gesungen von Faris Madwan, von The Horrors) des Jetzt-nehmen-wir-uns-an-den-Händen-und-fühlen-uns. Nur ein Negativbeispiel von vielen. Ebenso unangenehm fühlt sich die synthtetische Kälte an, mit der man auf dem von Rouge Mary gesungenen „Rejoice“ umtanzt wird oder auch diese unechte Flirtstimmung, mit der Mashrou´ Leila bei „Are You Still Certain“, begleitet von einem klobrigen Synthie-Piano, geradezu empathielos ihre Surrogatgefühle kommuniziert. Man fühlt sich leider mehr penetriert auf „Omnion“ als umworben und verführt – und das war mal anders.
Es gehörte zwar immer zum Konzept von Hercules & Love Affair mit GastsängerInnen zu arbeiten, aber müssen es gleich fünf so differente auf einem Album sein?, das macht das Unterfangen, einen fließenden Sound zu finden, wirklich nicht leichter.
Pointe: Wenn Butler dann auf „Fools Wear Crowns“ plötzlich selbst singt, berührt einen das am meisten, wohl da er in dem Stück seine Lebens- und Suchtgeschichte auf so unglaublich verstörende artifizielle Weise vorträgt, das plötzlich diese seltsame Mischung aus Nähe und Distanz für einen Moment aufgeht.
Thomas Venker

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