Mittwoch, 18.07.2018
Record of the Week

Hinds “I Don’t Run”

HindsHinds
“I Don’t Run”
(Lucky Number Music / Rough Trade)

„Last night was wrong / I know“, singen Hinds in „The Club“, dem Opener ihres neuen Albums – und da ist sie wieder, diese umwerfende Mischung aus Zerknirschtheit und gleichzeitiger Vergnügungssucht und Euphorie, die schon das Debüt der vier Madrileninnen auszeichnete. Zwischen „Leave Me Alone“ und „I Don’t Run“ liegen gut zwei Jahre, die beiden recht ähnlichen Coverfotos und die Musik darin machen deutlich: Wir sind noch dieselben, aber wir verändern uns, bit by bit. Vielleicht nicht so, wie ihr das haben wollt: Was nämlich in der Hinds-Rezeption* eine ganz große Rolle spielt – offen thematisiert oder verdeckt – ist der angebliche Dilettantismus der Musikerinnen. Slackerinnen werden sie oft genannt, also schon cool, aber ambitionslos. Als müsste man vier sehr jungen (hoho! Die sind gerade mal zwanzig!) und dazu auch noch sehr gut aussehenden Frauen besonders genau auf die Finger gucken, ob die das auch hinkriegen mit den verschiedenen Griffen und den Trommelstöcken, und jahaha, also jetzt mal ganz ehrlich, die verspielen sich ganz schön oft bei ihren Auftritten, tststs. Carlotta Cosials, Ade Martin, Amber Grimbergen und Ana Perrote parieren solch paternalistische Kleinkrämerei mit Grandezza und heftiger Spiellaune, wovon man sich bei ihren Konzerten überzeugen kann.

 

Und natürlich mittels der neuen Platte: Zusammen mit ihren Produzenten Gordon Raphael (The Strokes) und Shawn Everett (Alabama Shakes, The War on Drugs) haben sich Hinds für einen merklich satteren Sound entschieden, ließen ein bisschen New-York-City-Style in ihren sonnendurchfluteten Indierock einfließen. Überhaupt öffnen sich Hinds in verschiedene Richtungen: hier ein Hauch 60’s-Girlgoup, dort ein wenig verzerrter Surf und 50’s-Heartbreak-Pop; die Gitarren jubilieren, man möchte sich rückwärts reinfallen lassen in diese Songs und laut mit dem Quartett mitsingen, über durchsumpfte Nächte und Affären mit komischen Typen („Soberland“, „To the Morning Light“), und ja, es war schrecklich und peinlich, aber nachher ziehen wir wieder los! Liebe ist immer wieder Thema bei Hinds, aber außer im rührend romantischen „New For You“ selten sehnsüchtig/sinnlich.

Eher desillusioniert, wie in „Rookie“: Keine Ahnung, wer dein Bett so zerwühlt hat, singt Ana, aber meine Socken bleiben hier!“ Auch „Tester“, „Finally Floating“ oder „I Feel Cold But I Feel More“ changieren zwischen Liebeskummer und pragmatischem Drüberstehen, zum Glück hat man ja außer “Mr. Soon“ noch die Freundinnen, mit denen man Bierdosen und Verstärker aufreißen kann. Und wild durcheinander singen/kreischen – ihr nennt es dilettantisch, wir nennen es Rock’n’Roll.

* Man verzeihe mir bitte, dass ich wie bei Goat Girl schon wieder auf die Berichterstattung anderer Magazinen zurückkomme: Aber es ist einfach frappierend, wie schwierig das Schreiben über weibliche Bands zu sein scheint. Da lohnt der Blick nach links und rechts durchaus.

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