Dienstag, 12.12.2017
Record of the Week

Ibeyi “Ash”

Cover_IbeyiIbeyi
“Ash”
(XL/Beggars)

“The measure of any society is how it treats their women and girls” – “Your story is my story”: Auf ihrem neuen Album „Ash“ samplen die Zwillingsschwestern Lisa-Kaindé und Naomi Díaz alias Ibeyi Auszüge aus der berühmten Rede Michelle Obamas, die sie im vergangenen Jahr während der heißen Phase der Präsidentschaftswahlen hielt. Der Auftritt Obamas auf „Ash“ ist ein Hinweis darauf, wie stark sich Ibeyi inzwischen als feministische, politische Personen verstehen – anders noch als auf ihrem Debütalbum von 2015, mit dem sich die französisch-kubanischen Schwestern vor allem mit ihrer familiären Vergangenheit wie zum Beispiel dem Tod ihres Vaters auseinandersetzten und ihren Trademark-Sound aufbauten: Der betörende Gesang sorgte für Aufsehen und spektakuläre Kollaborationen: Lisa-Kaindé und Naomi treten in Beyoncés „Lemonade“ auf; Iggy Pop ist erwiesen großer Fan.

Offensichtlich haben Ibeyi beschlossen, mit „Ash“ nicht in die Falle „schwieriges zweites Album“ zu tappen. Als Gaststars luden sie Chilly Gonzales, Meshell Ndegeocello, Mala Rodriguez und Kamasi Washington ein (Washington ist auf der Single „Deathless“ zu hören), die Musik ist souliger, beeinflusst von Nina Simone nimmt Anleihen bei Jazz, Blues und Gospel, aber auch HipHop und R’n’B. Die Beats klicken stärker, ohne sich allzu stark in den Vordergrund zu drängen. Charakteristisch für Ibeyi ist nach wie vor der soghafte Fluss der Musik, in Kombination mit dem sirenenhaften Gesang eine unwiderstehliche Mischung – die sie nun mit explizit politischen Botschaften anreichern: Die Zeile „untie my tongue“ ist als Schlüsselsatz zu verstehen, und der Albumtitel als etwas grundsätzlich Positives – Asche nicht als Ende von allem sondern Ausgangspunkt für Neues.

Dass die Schwestern auf „Ash“ auch Autotune einsetzen, wird vielen nicht gefallen, scheint das Stimmverzerrungstool doch dem „authentisch-echten“ Image von Ibeyi zu widersprechen: Großes Missverständnis. Ibeyi sind selbstbewusste Künstlerinnen aus dem Hier und Jetzt, die alle Möglichkeiten ausschöpfen und auch ihr Image selbst bestimmen. Untie my tongue.
Christina Mohr

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