Mittwoch, 18.01.2017
Record of the Week

Jenny Hval “Blood Bitch”

jenny_blood-coverJenny Hval
“Blood Bitch”
(Sacred Bones Records)

Bevor ich das neue Album von Jenny Hval das erste Mal hören konnte, gab es erstmal ein Missverständnis: Ich dachte nämlich, dass die Platte „Sacred Bones“ heißen würde – was natürlich der Name des Labels ist; diesen aber hatte die Promoterin in den Betreff ihrer Ankündigungsmail geschrieben. „Ich war mir sicher, dass ‘Blood Bitch’ im Spam landen würde“, antwortete sie auf meine verwirrte Anfrage und ich verstand sofort.

Jaja, mit Blut kennen sich Frauen bestens aus und sind sehr versiert darin, eventuelle Spuren zu beseitigen: Schließlich gehören Blutflecken in der Wäsche, auf Klobrillen und Bettlaken beziehungsweise die Furcht vor Flecken seit der Pubertät zur weiblichen monatlichen Realität. Ein Album über Blut und Menstruation aufzunehmen, genauer gesagt über die Frage, ob Vampirinnen auch menstruieren, könnte allerdings ganz schön in die Hose gehen (hihi, blutiger Scherz): Wolfsfrauen, Mondzyklen, Menstruationstassen, ein gigantisches Eso-Programm könnte man da auffahren.

Jenny Hval dagegen ist ja eine Meisterin in der Vermittlung schwieriger Thematiken, und hat null Problem damit, Realität mit Fiktion zu mixen, kontrastieren und das Eine im Anderen aufzulösen. Ihr letztes Album „Apocalypse, Girl“ kreiste um cunts und soft dick rock, mit einer Banane als inhaltlich-textlicher Protagonistin, „Blood Bitch“ ist eine Kombination aus Avantgarde-Elektro-Songwriting und Hörspiel-Sequenzen, die von Horror-B-Movies inspiriert sind. „Blood Bitch“ ist viel zugänglicher und eingängiger als „Apocalypse, Girl“, das Fragment auf Fragment, Skizze auf Skizze schichtete; teilweise sind die Songs sogar poppig und tanzbar wie in „Conceptual Romance“. Im Grunde ist „Blood Bitch“ Hvals erstes songorientiertes Album, sie kombiniert House-Beats und Synthies zu ihrer mit Hall verfremdeten Stimme und lässt die Melodien/Hooks fließen. Tracks wie „In the Red“ und „Period Piece“ lassen an Deutlichkeit nichts vermissen – mit süß-harmlosem Timbre intoniert Hval Textzeilen wie „in the doctor’s office / speculum pulls me open“, was nicht weniger krass wirkt als das gepeinigte, suchende Hauchen der untoten Adligen in „The Plague“, die Hval als fantastischen Gegenpol einführt.

Geburtsschmerz, Gynäkologenbesuche, die Vagina als schwarzes Loch und Ursprung des Lebens zugleich, mit blutigem Finger getupfte Muster auf der Tapete – Jenny Hval lässt sich ungern Etiketten aufkleben, auch nicht das, Feministin zu sein; aber worüber frau (bitte die vielen Anführungszeichen mitlesen) sonst höchstens mit der besten Freundin spricht als Albumthema zu wählen, ist stark, unerschrocken und feministisch. „Don’t be afraid / it’s only blood“, singt sie – Recht hat sie, holt die blutigen Binden raus aus dem Spam!
Christina Mohr


„I mustn’t rest, when I’m near you become someone else“, singt Jenny Hval in „Female Vampire“.
Auf diesem Album geht es um die Figur des weiblichen Vampirs unter dem Aspekt von Shape-shifting als Mittel zur Destabilisierung fixer Identität. VampirInnen sind nie auf nur eine Erscheinungsform festgelegt, sondern können sich auch als Wolf oder Fledermaus materialisieren. Das Covermotiv des vorliegenden Albums parallelisiert dieses Prinzip in der Visualisierung eines Häutungsprozesses, der alle Präsenz als transitorisch offenlegt. Die hybride Qualität der Vampir-Figur wird so zur Metapher für eine Weiblichkeit, die sich fixierten Definitionen entzieht.

Deshalb sind auch Jenny Hvals Song-Texte weit davon entfernt, Bedeutungen festzuschreiben. Hval scheint es darum zu gehen, eine sinnliche Sprache zu finden, die Verlangen und Begierde unmittelbar erfahrbar macht. Die Konzentration auf Körperlichkeit verdrängt Ästhetisierung und Idealisierung zugunsten der Betonung menschlicher Substanz. Dazu trägt auch der Umstand bei, dass Blut hier als Motiv in den Vordergrund gerückt wird.

Mit der Verabschiedung von Ästhetisierung konvergiert die Tatsache, dass Hvals Texte auf erstarrte Stilisierungen und Formalisierungen verzichten, was einschließt, dass es kaum Refrains gibt. Auch die Metrik der Gesangsmelodien ist ungleichmäßig organisiert und wirkt offensiv frei. Die Musik streift immer wieder poppige Strukturen, etwa in dem Avantgarde-R’n‘B-Stück „Conceptual Romance“ oder dem tranceartigen „The Great Undressing“, kommuniziert aber gleichermaßen eine gewisse spröde Unnahbarkeit. Die in den Texten angelegte Tendenz zur Intimität und Entblößung wird so kanalisiert durch musikalische Gesten der Distanzierung, die jedoch nach häufigerem Hören anziehend wirken können. In Analogie dazu ist der collagenhafte, an die Soundästhetik von David Lynch erinnernde Aufbau von „The Plague“ nicht nur abweisend codiert, sondern stellt gerade durch die Risse und Brüche im musikalischen Material Nähe her.

Hvals Ansatz ist so niemals eindeutig, sondern bleibt stets schillernd. Das zeigt sich auch darin, dass die akademische Ernsthaftigkeit, die sie ausstrahlt, schon mal durch humorige Einschübe konterkariert wird: In „The Great Undressing“ hören wir zu Beginn eine Unterhaltung zwischen der Musikerin und einer Freundin, und Hval wird gefragt, wovon das neue Album handelt. Als sie antwortet, das Album handele von Vampiren, kriegt die Freundin einen Lachanfall und meint etwas gehässig: „I think that’s so basic! It’s about vampires! Hahahaha!“

Jenny Hval hat eine Platte gemacht, die nicht leicht zu durchschauen ist und deshalb immer spannend bleibt.
Mario Lasar

 

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