Montag, 16.10.2017
Record of the Week

Lana Del Rey “Lust for Life”

Lana-clearLana Del Rey
“Lust for Life”
(Interscope / Universal)

Der Albumtitel allein ist schon wieder so ein Lana-Ding: Noch vor kurzem behauptete sie in Interviews, am liebsten tot sein zu wollen; nun lächelt sie fröhlich in die Kamera und zitiert Iggy Pop. Ihr eigener „Lust for Life“-Song ist allerdings keine Coverversion von Iggys Persil-Reklame-Hit, sondern eine hübsch wehmütige Ballade unter Mitwirkung von The Weeknd.
Aber ist Lana Del Rey jetzt Optimistin? Zum Teil, ja, irgendwie schon, Songs wie ihre Festival-Hymne „Coachella – Woodstock in my Mind“ legen das nahe, auch „Change“ zeigt für Lanas Verhältnisse regelrechte Sturm-und-Drang-Elemente.

„Lust for Life“ ist Lana Del Reys fünftes Album und inzwischen sollte angekommen sein, dass dieser als so künstlich verschrieene Superstar aus nostalgischen Versatzstücken des Pop etwas so Eigenes und Unverwechselbares schafft, wie kaum jemand sonst. „Lust for Life“ ist wie ein Swimmingpool voller Honig: süß, warm und wohlig, angefüllt mit wehmütigen Erinnerungen, aber auch zähflüssig und träge. Nach dem letzten Song „Get Free“ (sic!) braucht man einen Schnaps – vielleicht Pfirsich, denn „peaches“ tauchen gleich mehrfach auf dieser Platte auf, in „13 Beaches“ zum Beispiel, das von so großer Melancholie und Traurigkeit ist, dass man wie selbstverständlich „Lust for Life“ bitter-ironisch verstehen will: „It took 13 beaches / to find one empty“.
In einer einzigen Zeile kann Lana Del Reys die ganze Tragödie einer vergangenen Liebe aufmachen, das ist schon großartig.

Doch so einfach ist es nicht, und Ironie sowieso längst over: Lana Del Rey mag statisch und berechenbar wirken – doch weit gefehlt. Auf „Lust for Life“ äußert sich Lana Del Rey erstmals politisch, weil selbst sie, die so gern im Vagen, Ungefähren, Geahnten, Verwaschenen und Verblichenen schwelgt, die US-amerikanischen Verhältnisse unter D.T. nicht unkommentiert lassen kann: „God bless America – And all the beautiful Women in it“ und „When the World was at War we kept dancing“ (mit der wiederholten Zeile „is this the end of America“) gehören zu den stärksten Songs. Wobei erstaunlich anmutet, wie nonchalant Lana Del Rey als Protestsängerin wirkt.

Doch die meisten Stücke des Albums handeln weiterhin von Liebe, schwierigen und aussichtslosen Beziehungen natürlich, von bösen Jungs und „Groupie Love“ und dem „Summer Bummer“. Letzteres mit A$AP Rocky, was Lanas HipHop-Phase wieder aufleben lässt. Und auch die Zusammenarbeiten mit Stevie Nicks („Beautiful People, Beautiful Problems“) und  Sean Ono Lennon („Tomorrow Never Came“ –  denkt jetzt jemand an „Tomorrow Never Knows“?) sorgen für spannende Soundeinflüsse. Lana Del Rey changiert bruchlos zwischen gestern und heute, Hippie und HipHop, alles findet zusammen in dieser schläfrigen und doch so hellwachen, rätselhaften Künstlerin, deren Vorstellung von einer guten Zeit ist, sich mit ihr durch einen 16 Songs schweren Kuchenteigklops zu futtern.
Christina Mohr

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