Mittwoch, 24.05.2017
Record of the Week

Lauter Bäumen “Mieser in den Miesen”

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Lauter Bäumen
“Mieser in den Miesen”
(Tumbleweed Records / Broken Silence)

Lauter Bäumen haben auf der dritten Kaput-Party im August 2016 eines der beeindruckendsten Konzerte des vergangenen Jahres gespielt. Es war einer der heißesten Tage des Sommers, und am Ende des Konzerts war das weiße T-Shirt von Michael Kolepke, dem Sänger von Lauter Bäumen, komplett durchgeschwitzt. Ich hatte Kolepke, der in Köln eine umtriebige Figur ist, noch nie als Sänger oder Musiker erlebt, und war überrascht über die Präsenz und Ausstrahlung, die er an diesem Abend an den Tag legte. Die weiteren Musiker_innen der Band, Nadine David, Michael van Hallen, Carlo und Luca Palazzari, standen ihm in nichts nach.

Musikalisch werden Lauter Bäumen von sich selbst zwischen Jens Rachut, Kristof Schreuff und Guided By Voices situiert. Man erzählt sich auch, dass Michael Kolepke während seiner wohl in die frühen 90er datierenden Zivildienstzeit ununterbrochen Wipers gehört hätte. Aber das sind nur wenig flächendeckende Schlaglichter, über die die Band an diesem August-Abend meilenweit hinauswies.

Was mir beim Konzert besonders gefallen hat, ist die interessante und sympathische Performanz eines Zustands würdevollen Erschüttertseins (angesichts der eigenen Biographie?). Lauter Bäumen schien es darum zu gehen zu demonstrieren, dass dem, was man seit Jahren oder Jahrzehnten macht, ein Sinn zukommt, auch wenn der Prozess, der zum Ergebnis führt immer schon von inneren Widersprüchen und offensivem Eigenbrötlertum durchsetzt ist.

Diese mit Reibung aufgeladene Qualität setzt sich nun auf dem Debüt-Album der Band fort. Ständig schwanken die Songs zwischen dramatisierten Gesten und Lakonie. Ein Umstand, der auch mit der spezifischen Art des Gesangs zu tun hat – orientiert an einem aufgebrachten Sprechgestus, etabliert der Vortragsstil Alltäglichkeit, die durch den Transfer in eine musikalische Umgebung wieder gebrochen wird und sich einem emotionalisierenden Pathos annähert.
Dazu spielt die Band Rockmusik, die mal luftig-durchlässig, im nächsten Moment aber fordernd und gereizt ausfällt. Analog zu den Texten zeigt sich die Musik stets bereit, spontan in ein anderes Register umzukippen. Dabei scheint sie  die Aufgabe zu übernehmen, die textliche Bestandsaufnahme auseinanderfallender Eindrücke zu bündeln und zu fokussieren. In dieser Hinsicht machen Lauter Bäumen Pop, der mit tollen Hooklines angereichert ist. Die Wörter hingegen verabschieden in ihrer schonungslosen Offenlegung von Lebenslügen, Selbstbetrug und gescheiterter Interaktion mit einem Du alle Illusionen und Utopien, die gemeinhin mit der Pop-Idee konnotiert sind. Auf diese Weise liegen die Stücke von Lauter Bäumen permanent im Clinch mit sich selbst. Was dabei entsteht, ist eine Energie, die trotz aller den Songs innewohnenden Tendenzen zu Mikrokosmos und Hermetik enormes Kommunikationspotenzial entfaltet. Ich fühle mich jedenfalls sehr von dieser Platte angesprochen.

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