Donnerstag, 22.06.2017
Record of the Week

Perfume Genius “No Shape”

Perfume_GeniusPerfume Genius
“No Shape”
(Matador)

Bis vor kurzem konnte man Perfume Genius all denen ans Herz legen, die Xiu Xiu ein bisschen zu lustig fanden und Anohni viel zu kommerziell – fundamental Trübsinnigen also, die Zuflucht im Morbid-Glamourösen suchen, denn wenn jemand im Pop dem großen Drama zugewandt ist, dann Mike Hadreas aus Seattle. Doch schon beim letzten Album „Too Bright“ deutete sich sachte, aber unüberhör- und –sehbar eine Wendung an, die im Vergleich zu den Frühwerken „Learning“ und „Put Your Back N 2 It“ geradezu lebensbejahend wirkte.

Mit „No Shape“ geht Hadreas noch weiter, ohne seine zutiefst zweifelnde, verzweifelte, ja selbstzerstörerische Seite komplett zu verdrängen. Aber, ganz klar, Perfume Genius will raus aus der klaustrophobischen Kammer, in der sich neben ihm nur sein Klavier und eine flackernde Kerze befanden; raus ins Freie, ins Licht.
Der Opener „Otherside“ ist ganz wörtlich zu nehmen: Noch etwas zögerlich und verhalten, aber glitzernd und funkelnd öffnet sich der Track, reißt die Vorhänge auf für den Erasure’esken Hit „Slip Away“, zu dem Andrew Thomas Huang (bekannt durch seine Arbeit mit Björk) ein bemerkenswertes Video gedreht hat: Inspiriert von viktorianischer Porträtmalerei einerseits und Filmen wie „Thelma & Louise“ und „Céline and Julie Go Boating“ andererseits, erschafft Huang eine märchenhafte, bedingungslose Freundinnenwelt, aus der die ProtagonistInnen Hadreas und Teresa Barcelo vor monströsen Trump-Trollen fliehen müssen – Fantasy meets ugly reality.
Apropos Freundinnen: Niemand Geringeres als Weyes Blood ist Hadreas’ Duett-Partnerin beim intensiven „Sides“, das wie einige andere Stücke des Albums mit dem Motiv der Transition spielt – Perfume Genius’ Leitthematik, sozusagen.

Musikalisch ist „No Shape“ wahrlich genius-like: Hadreas schwelgt in artifiziellem Drama-Pop (auch „Just Like Love“ hat diesen Erasure-Touch), R’n’B, Country (ja!), minimalistischen, gebrochenen Discobeats mit uh-uh-Backgroundgesang („Go Ahead“) und Signature-Klavierballaden wie „Alan“, immer wieder wechselt er stilistisch von schwarz-weiß zur vollen Tonfarbenpalette, die Arrangements sind breitwandig, Cinemascope. Perfume Genius schöpft sein gesamtes Borderliner-Spektrum aus, von dem man bisher nur kleine Ausschnitte zu hören bekam. Die Melodien sind bittersüß-eingängig, seine Stimme zittert und vibriert – und bricht doch nicht, denn die Freundinnen fangen ihn auf.

 

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