Samstag, 18.11.2017
Record of the Week

The Granite Shore “Suspended Second”

Cover_TheGraThe Granite Shore
“Suspended Second”
(Occultation)

Bei The Granite Shore schart Occultation-Chef Nick Halliwell eine Reihe alternder (Exil-)Engländer um sich, zu denen auch Phil Wilson (von den June Brides) und der seit den 70ern aktive Singer/Songwriter John Howard zählen. “Suspended Second” ist nach “Once More From The Top” aus dem Jahr 2015 das zweite Granite-Shore-Album.

In textlicher Hinsicht thematisiert Halliwell die Brexit-Problematik, indem er Fragen zu kultureller und nationaler Identität stellt. Die in “Someone Else” vorgeschlagene Option, sein altes Ich aufzugeben, um jemand anderes zu sein, übersetzt sich in der großen Pop-Ballade “The Performance Of A Lifetime” in eine Perspektive, im Zuge derer der Sprecher England durch die Augen Europas betrachtet. Ähnlich verfährt das bereits eindeutig betitelte “Outside, Looking In”. Als unschlagbar clever muss dabei der Schachzug herausgestellt werden, dass diese textliche Überblendung seine Entsprechung findet in einer musikalischen Umsetzung, die die dezidiert europäische Formensprache von Abba kurzschließt mit klassisch britischem Pop („There’s the obvious fact that Abba, like many important parts of our culture, are emphatically European“ – Halliwell im Interview auf pennyblackmusic.co.uk)

Das Album demonstriert auf diese Weise eindrucksvoll, dass Pop immer schon als Kontaktzone kultureller Diversität fungiert hat. Zitate aus Dantes “Inferno” auf dem Innencover tragen weiterhin dazu bei, das vorliegende Album in europäische Traditionen einzubinden und zusätzlich seine apokalyptische Aufladung zu konturieren. Dabei äußert sich diese Programmatik nicht als aufgebrachte Wut, sondern eher in Form von Irritation und Ratlosigkeit. An die Stelle von emphatischem Ausrufezeichenpop, wie er bezeichnend ist für den gebrochenen Optimismus der frühen 1980er, tritt eine Auslegung von Pop, die nicht ohne Fragezeichen auskommt. Das ist in seiner Wirkung unmittelbar berührend. Vor allem “I Suppose So” gehört zu der Sorte Song, die nicht aufhört aufzuhören. Text und Musik verdichten sich zu einer Dramatik, die eine so suggestive Sogkraft entfaltet, dass man sich irgendwann mitten im Song befindet. Angst und Orientierungslosigkeit werden hier nicht auf der Ebene privater Probleme verhandelt, sondern als Ergebnis gesellschaftlicher Vorgänge exponiert. Granite Shore leisten Überzeugungsarbeit mittels Pathos. Es gelingt ihnen, einen Zustand wiederherzustellen, in dem Musik Dynamik erlangt, weil sie in direkter Relation zu den Zeitumständen steht, die sie hervorbringt.
Mario Lasar

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