Mittwoch, 18.07.2018
Record of the Week

Too Slow to Disco Brasil compiled by Ed Motta

Too-Slow-to-Disco-Brasil-CoverVarious Artists
Too Slow to Disco Brasil compiled by Ed Motta
(How Do You Are? / Rough Trade)

“Bevor ihr diese Platte auflegt, müsst ihr euch in den AOR-Modus versetzen… das heißt: Zieht euch ein Hawaii-Hemd an, dazu Slipper ohne Socken wie in Miami Vice, springt in ein Cabrio und umkurvt die Kokospalmen. Dies ist ein Trip in den Sonnenuntergang in Rio de Janeiro, Los Angeles, Miami, Hawaii. Aloha!“

Dieser Tipp stammt vom Compiler dieses Albums selbst – und das ist bei der fünften Ausgabe von „Too Slow to Disco“ ausnahmsweise nicht Marcus Liesenfeld alias DJ Supermarkt. Mit Gespür für den richtigen Moment (nämlich dann, als sich vielleicht die Frage hätte stellen können, wie lange das Konzept noch trägt, immer wieder neue alte Schätze aus dem cheesy Yachtrock- und AOR-Fundus der siebziger und achtziger Jahre zu heben) rief Liesenfeld seinen Buddy Ed Motta aus Brasilien an und fragte, ob er nicht Lust habe, eine Brazil-Edition für TSTD zusammenzustellen.

Eduardo Motta, in Rio de Janeiro geborener, äußerst umtriebiger Jazz-, Funk-, Soul- und Bluesmusiker, für den Hardrock und Bossa Nova keine Gegensätze sind, und der gleichermaßen obsessiver Filmnerd wie Plattensammler und Weinkenner ist, sagte sofort zu. Schließlich besitzt der Mann mehr als 30.000 Platten, da sollte sich was finden lassen. Insofern wundert es nicht, dass „Too Slow to Disco Brasil“ als schickes Doppelalbum mit neunzehn Songs veröffentlicht wird – und wenn man Mottas enthusiastischen Aussagen Glauben schenkt, fiel die Beschränkung auf vier Plattenseiten echt schwer.

Hand aufs Herz: Welche brasilianischen KünstlerInnen/Popmusiker_innen kennt ihr? Astrud, Joao und Bebel Gilberto, Antonio Carlos Jobim, Dorival Caymmi und Caetano Veloso gelten nicht! Ehe jetzt die hektische Google-Suche beginnt: Ed Motta hat da schon mal was vorbereitet, und zwar lauter hierzulande weitgehend unbekannte Sänger_innen und Bands; es wird sofort klar, Motta hat Liesenfelds Ansatz, zu Unrecht als Mainstream- oder, noch schlimmer, Erwachsenenmusik belächelte Klänge auf/in die coolen Dancefloors, Rooftops und Bars (nicht nur von Los Angeles und Miami) zu holen, instinktiv verstanden.
Womöglich ist Mottas Brasil-Pop-Compilation sogar die Idealversion der Too-Slow-To-Disco-Idee: Brasilianische Musik ist seit jeher rhythmusbetont (check), das Flair der Copacabana zieht Nachteulen und Musikanten aus aller Welt an, die ihre jeweils eigenen Sounds mitbringen (check), Bossa Nova und Samba als „typisch“ lateinamerikanische Tänze lassen sich gut mit anderen Styles verbinden (check), brasilianische Sänger_innen scheuen die volle Gefühlsbandbreite nicht (check), viele Songs wurden nur als winzige Single-Edition veröffentlicht, was den Raritätenfaktor enorm erhöht (check). Und nicht zuletzt hat Ed Motta 2013 mit dem Album „AOR“ seine eigene Liebeserklärung an den Steely Dan’schen Westcoastsound veröffentlicht, der die ersten Ausgaben von „Too Slow to Disco“ bestimmte.

Mottas Wahl für „Too Slow to Disco Brasil“ fiel zum Beispiel auf Junior Mendes’ „Copacabana Sadia“, einen sonnendurchfluteten Soulstomper im Big-Sound-Arrangement, mit dem laut Motta gern das neue Jahr begrüßt wird. Oder „Renascendo Em Mim“ von Don Beto, einen smoothen Discotrack mit Bläsern, Geigen, Damenchor und allem pipapo – in nichts anderem als John Travoltas weißem Anzug sollte man sich dazu auf der Tanzfläche bewegen! Der aus Niteroi stammende Mauricio Pinheiro Reis wählte „Biafra“ als Künstlernamen und badet seine Kompositionen in Earth, Wind & Fire-ähnlichen Arrangements, während die in Brasilien sehr gefeierte Jane Duboc mehr auf jazzige Einflüsse steht – mit tanzbarem Rhythmus und souligen Bläsern natürlich, siehe/höre „Se Eu Te Pego De Jeito“. Die Band Roupa Nova ( = Neue Klamotten) galten in den 1980ern als die brasilianischen Toto. Ihr Song „Clarear“ hat allerdings einen so unwiderstehlichen Dancevibe, von dem Toto nur träumen konnten, oder anders: den sich Toto nicht mal vorstellen konnten.

Dass eine/n die neunzehn Stücke umgehend in sommerliches Hochgefühl versetzen, mag klischeehaft klingen, ist aber so, und soll an dieser Stelle auch nicht bemäkelt werden. Zu jedem Song, jeder Sängerin und jeder Studiomusikerzusammenstellung hat Motta nerdige Details zur Hand – auch das ein absolutes Muss bei allen TSTD-Ausgaben: das ausführliche, aufwendige Booklet. Schließlich hat TSTD einen klaren Bildungsauftrag, neben Tanzen, lässig aussehen und Cocktails trinken natürlich.

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