Samstag, 18.11.2017
Record of the Week

Wanda “Niente” – Mainstream und die österreichische Krankheit zum Tode

Wanda-'Niente'Wanda: Mainstream und die österreichische Krankheit zum Tode

Am 6. Oktober dieses Jahres ist „Niente“, das neue Album der österreichischen Band Wanda erschienen. Neun Tage später ist Sebastian Kurz zum jüngsten Regierungschef Europas gewählt worden und damit geht leider der politische Rechtsdrift der Alpenrepublik (aber auch des gesamten europäischen Kontinents) weiter. Im folgenden wird der – zugegebenermaßen gewagte – Versuch unternommen, in einer Art Ferndiagnose des österreichischen Patienten, diese beiden Ereignisse zusammen zu lesen, Kultur und Politik als Ausdruck der österreichischen Krankheit zum Tode zu verstehen.

Österreich hat zunächst vor allem eines zu bieten: eine glanzvolle Vergangenheit. Über Jahrhunderte regierten die Habsburger von Wien aus den halben europäischen Kontinent, zeitweise sogar die Hälfte der seinerzeit bekannten Welt. Zudem kann man sich der Rettung der eigenen Hauptstadt und des christlichen Abendlandes vor der Türkengefahr ebenso rühmen, wie der Errungenschaften der Wiener Klassik oder auch der Kreation der Sacher-Torte. Im Abwehrkampf gegen die slawischen und anderweitigen Nationalismen war man dann letztendlich weniger erfolgreich und das Ende des Ersten Weltkrieges besiegelte auch den Zerfall des österreichisch dominierten Vielvölker-Imperiums.

Der Rumpfstaat Österreich fristete nach 1918 ein recht bescheidenes Dasein und erst der 20 Jahre später erfolgte Anschluss an das Dritte Reich versprach der ’Ostmark’ kurzzeitig neue Größe, nunmehr in Form von unendlichem ’Lebensraum’ für die vermeintlich überlegene eigene Rasse. An den seinerzeitigen, triumphalen Empfang des von da an gemeinsamen, großdeutschen ’Führers’ in Wien möchte man heutzutage zumeist ebenso wenig erinnert werden, wie an die aktive Beteiligung an Vernichtungskrieg und Holocaust. Dabei war es doch bekanntlich in Wien gewesen, wo Hitler einst seine ersten ideologischen Lektionen in Antisemitismus erhalten hatte und diese Stadt vermeldete dann später als erste stolz das unselige „judenfrei“ an die Berliner Zentrale. Ungleich bequemer erschien es da doch, sich nach 1945 als erstes Opfer der Expansion von Nazi-Deutschland zu stilisieren und eigene Beteiligungen und Verstrickungen nicht aufzuarbeiten.

Diese nicht erfolgte kritische Auseinandersetzung mit der faschistisch-rassistischen Vergangenheit trug wohl mit zum vergleichsweise frühen Aufstieg des Rechtspopulismus in Österreich seit den 1990er-Jahren bei. Die offen rechte bis rechtsextreme FPÖ ist nach kurzzeitiger interner Krise und mit Hilfe des ebenso neuen wie alten Feindbildes einer anbrandenden islamischen Gefahr mittlerweile fast zur zweitstärksten politische Kraft des Landes geworden. Sie hat gute Chancen damit als Koalitionspartner in der neuen Regierung zu sitzen. Den etablierten Volksparteien ist nicht viel gegen den erneuten Aufstieg der Neuen Rechten eingefallen. Die Sozialdemokraten diskreditierten sich spätestens durch eine aufgeflogene Schmutzkampagne selbst und der davon betroffene, jetzige Wahlsieger Sebastian Kurz machte sich, nach einem parteiinternen Putsch, offensichtlich erfolgreich rechte Positionen zu eigen. Dabei hatte sich Kurz eh schon zuvor als nassforscher und vollmundiger Schließer der Balkanroute für Flüchtende und damit als aktueller Repräsentant einer xenophoben österreichischen Traditionen etabliert. Er ist aber darüber hinaus auch ein Vertreter jenes neuen, ideologisch rechtspopulistisch und nationalistisch ausgerichteten Politikertypus, der eine stark medial basierte Form charismatischer Herrschaft zu etablieren weiß und dabei die Gültigkeit demokratischer Spielregeln und menschenrechtlicher Standards bedroht. Es werden harte Zeiten zukommen, auf Österreich und Europa, zumal insbesondere in Ungarn und Polen Bundesgenossen des rechten, Europa- und fremdenfeindlichen Kurses vom künftigen Kanzler Kurz zu erwarten sein werden.

Doch Österreich war, historisch betrachtet, keineswegs nur selbst ernanntes Bollwerk gegen den Ansturm der Fremden und ihrer Kulturen gewesen, sondern bildete immer auch eine Brücke zum Balkan und darüber hinaus. Davon zeugen, neben dem legendären Orient-Express, unter anderem die Kaffeehauskultur und halbmondförmige Vanillekipferl sowie Mozarts Adaptionen der Janitscharen-Musik in der Oper „Die Entführung aus dem Serail“. Und grade Wien steht längst nicht für die konservative bis reaktionäre Tradition von Metternich und seinen geistigen Nachfolgern, sondern eben auch für den Aufbruch der Moderne zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Hier forderte damals der Architekt Adolf Loos das Ende des verzierenden Ornaments und eine neue Architektur, hier entdeckte Sigmund Freud das Unterbewusstsein und die Psychoanalyse, und Arnold Schönberg experimentierte mit freier Tonalität und der Zwölftonreihe.

Neben diesem bildungsbürgerlichen, oft auch jüdisch geprägten Wien, gab es das proletarische, rote Wien, das lange den Austro-Faschisten der Zwischenkriegszeit widerstanden hatte. Und auch heute noch ist das starke Gefälle zwischen den Wahlergebnissen von Wien und anderen, provinziellen Metropolen nicht nur Teil der österreichischen Krankheit zum Tode. Denn bekanntlich stellt dieses erneute Erstarken von Nationalismus und Rassismus sowie damit einhergehende anti-demokratische und anti-liberalen Tendenzen des politischen Mainstreams, leider kein auf Österreich beschränktes Phänomen dar.

Die erfolgreiche Band Wanda jedoch stammt aus Wien, dem weltoffenen und kosmopolitischen Wien und sie hat eigentlich alles, was eine richtige Rockband schon immer gebraucht hat, bis hin zur Benennung nach einer stadtbekannten weiblichen Zuhälterin, die 2004 verstarb. Das mag vielleicht, wie auch die gut arrangierte und eingespielte, aber wenig innovative Musik, nach wohl kalkulierter Erneuerung des Great Rock`n’Roll Swindle im Kontext des musikalischen Mainstreams klingen. Allerdings bleiben bei dieser Interpretation irritierende Restbestände, zumal die Plattenfirma Universal der Band keinerlei erkennbaren Wechsel von Image und Musik nach ihrem Independent-Debut verordnet zu haben scheint. Die kurzen und melodisch eingängigen Songs der Band stehen noch immer vor allem in Spannung zu den Texten und durchaus auch der Person des nur bedingt fotogenen Frontmanns Marco Michael Wanda, aka Michael Marco Fitzhum. Seine Verse weisen mehr oder weniger deutlich auf frühkindliche Verletzungen, ein schwieriges Verhältnis zur Mutter, Todesphantasien und eine manifeste Suchtproblematik hin und könnten somit eigentlich Wien als Wiege der Psychoanalyse zur Ehre gereichen. Allerdings erscheint allein das italophile Fernweh des Marco Michael oder Michael Marco als eventuell tauglicher Therapieansatz und das eigene Schnaps-Saufen wird immer wieder besungen, hingenommen, vielleicht gar verherrlicht.

Und damit ist Wanda dann, ohne es zu wollen, auf einmal ganz nah dran an etwas völlig anderem, wahrlich Nicht-Österreichischem: dem Blues. Jedoch nicht etwa an dem billigen, aber äußerst erfolgreich gängigen Klischee des Baumwolle pflückenden ’Negers’, der seiner Traurigkeit angesichts der unterdrückten Situation gitarrespielend und singend Ausdruck verleiht. Diese soziale Lage war zweifelsohne oft gegeben, aber der klassische Blues berichtet dann doch überwiegend lakonisch oder auch ironisch von bestenfalls mittelbaren Folgen dieser Misere und Tristesse, etwa von gegen die Wand gefahrene Beziehungen und den Gründen, warum diese scheiterten: andere Frauen, Spielsucht und eben der allgegenwärtige Suff.

 

Zur Untermauerung der wahrscheinlich zunächst wenig stichhaltig erscheinenden These einer inhaltlichen Verbindung oder gar Seelenverwandtschaft von einstigen schwarzen Poeten des Mississippi und des an der Donau beheimateten Fitzhum würden sich einerseits Songs wie „Ich will Schnaps“ (Wanda, 2014) oder „Wenn du weißt, wo du herkommst“ (Wanda 2017) eignen, durchaus aber auch der Hinweis auf die Veröffentlichungen von Tom Waits. Dabei soll keineswegs das Kriterium einer angenommenen Authentizität bei irgendeinem der genannten Akteure zu Grunde gelegt werden- man mag zwar vielleicht noch immer glauben wollen, aber auch die Welt des Rock ist, zumindest bei nüchterner Betrachtung, endgültig entzaubert.

Entscheidend ist jedoch, dass auch das lyrische Ich des Michael Marco Fitzhum von seinen seelischen Stigmata zu klagen weiß, von dem auch daraus resultierenden eigenen Blues, von der eigenen Krankheit zum Tode. In Anlehnung an den Proto-Existentialisten Sören Kierkegaard könnte man hier von künstlerisch vermittelten Versuchen des Selbst sprechen, sich, allen Verletzungen und der Verzweiflung zum Trotz, zu konstituieren. Auch das ist keineswegs neu und das berühmte Gemälde „Der Schrei“ des norwegischen Malers Edvard Munch, einem von vielen Melancholikern der Kunstgeschichte, ließe sich vielleicht, gerade aufgrund seiner Popularität als geeignete Analogie zu den, gegenüber den Studioalben wesentlich intensiveren, Liveauftritten Wandas verstehen.

Auch das neue Album der Gruppe, „Niente“, bietet zunächst weder musikalisch noch textlich wenig Überraschendes, weiß aber gleichwohl die gefährlichen Untiefen des dritten Albums von Bands geschickt durch verstärkte psychedelische Untertöne zu umschiffen. Bei dem bereits erwähnten „Ich will Schnaps“, hier als angenehm rau hingerotzter Live-Bonustrack, lässt Marco Wanda dann sein Publikum in zwei Gruppen singen. Das ist eigentlich gähnend langweilige Genrekonvention, vielleicht gar Rockismus pur und zweifelsohne auch absolut Mainstream. Allerdings singt die eine Gruppe der Konzertbesucher nach erfolgter Einteilung nebst ironischem Hinweis auf die eh gespaltene Gesellschaft: „Liebst du mich, weil ich schwierig bin?“ und die andere „Wenn du mich liebst, dann gibst du mir Schnaps.“.
Das hier besungene Trinken und die damit einhergehende emotionale Erpressung erlaubt nicht das fröhliche Mitmachen des Mallorca-Rufes „Zicke-Zacke. Hoi. Hoi. Hoi!”, nicht die sozialpädagogisch distanzierte Bestandsaufnahme von “Johnny Walker” (Marius Müller Westernhagen, 1978) oder das, immerhin siebentägige Saufen der alternativ-friedenbewegten Bots (1980) nach vollbrachter Arbeit im selbstverwalteten Betrieb. Wanda ist hier auch eindeutig Post-Punk und man wird bei gewissenhafter Lektüre der Texte zum unfreiwilligen Zeugen, vielleicht geistigen Komplizen und schlimmstenfalls sensationsgeilen Voyeur einer potentiell selbstzerstörerischen Praxis. Dabei ist Schnaps als Droge nun wirklich alles andere als cool – und war es schon nicht, als sich mit Janis Joplin und Jim Morrison gleich zwei Kronzeugen des Habitus in der heroischen und noch gegenkulturellen Phase des Rock (Diedrich Diederichsen) tot gesoffen haben.

Aus den bisherigen Ausführungen ergibt sich, dass es eigentlich verdammt viele und vielleicht auch wahrlich gute Gründe gibt, Wanda und ihr drittes Album nicht zu hören. Aber man kann sich eben auch drauf einlassen, denn sowohl die Band, als auch ihre neue Veröffentlichung bieten ganz einfach erneut gute Rockmusik und die darf man noch immer oder auch mal wieder mögen, selbst dann, wenn sie, völlig uncool und kommerziell erfolgreich ist. Und, so die Prognose, gerade Wandas Unzeitgemäßes im Feld der Kultur wird angesichts des ungleich größeren Unzeitgemäßen in der Politik an Bedeutung gewinnen und kann dann doch auf einmal wieder zeitgemäß erscheinen. Mit ihrer 60er-Jahre inspirierten Musik transportiert die Band Wanda ’klassische’ Inhalte der mit den Subkulturen flirtenden Bohème in den Mainstream und diese Inhalte sind und bleiben sui generis nicht wirklich Mainstream kompatibel: Das schmerzhafte Offenlegen der eigenen Wunden, der individuellen Krankheit zum Tode, das Beharren auf freie, auch offensichtlich unvernünftige Entscheidungen bei der Wahl der Therapien, Medikamente und Drogen, das Festhalten an einem anderen, dem selbst gewählten Lebensstil. Das ist alles wenig politisch im Sinne einer klaren Positionierung, welche bekanntlich im Rock und anderen Musikgenres allerdings ja auch fast durchweg ins Plakativ-Peinliche gerät. Doch Wanda lassen auch ohne dies keinerlei Zweifel daran, auf welcher Seite der Barrikade sie gemeinsam mit Conchita Wurst, Kruder und Dorfmeister und vielen anderen in Zukunft stehen werden – es ist nicht die Seite des rechten Mainstreams von österreichischer Blasmusik, Andreas Gabalier und Freiwild sowie dem neuen Polit-Popstar Sebastian Kurz.

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