Mittwoch, 24.05.2017
Record of the Week

Xao Seffcheque „Ja, nein, vielleicht kommt sehr gut“

Xao-CoverXao Seffcheque
„Ja, nein, vielleicht kommt sehr gut“ – A Selection of Electronic Beats 1980 – ‚82
(bureau b)

Als ich noch sehr, sehr jung war, erstand ich auf dem Alsfelder Flohmarkt bei einem freundlichen Punkrocker (Michel Fliegl, du weißt, wer du bist!) eine LP mit einem für mein teeniemäßiges Empfinden extrem furchteinflößenden Cover. Da auf der Platte aber Songs von Kraftwerk, DAF und Fehlfarben drauf sein sollten, konnten mich die drei Mumien auf der Hülle nicht schrecken. Den Aufkleber „Diese Platte soll eine Parodie sein“ übersah ich geflissentlich und ging glücklich heim. Etwas später in meiner post-punk-pubertären Phase ging mir dann auf, dass ALLE Stücke dieses Albums Persiflagen des Allround-Musikanten Xao Seffcheque waren, einem wie Michel Fliegl offensichtlich sehr freundlichen Punk, dem es großen Spaß machte, die Leute zu vereimern – im Gegensatz zu gewaltbereiteren Leuten wie zum Beispiel Tommi Stumpff und Meikel Clauss, die wie Xao Seffcheque große Abschnitte des Punk-Readers „Verschwende deine Jugend“ bestreiten. Dort gibt Xao unter anderem zu Protokoll, dass er für ein Fanzine mal ein Interview mit Johnny Rotten erfunden habe (Tom-Kummer-Style, schon 1978) – und dass es ihn später bei einem echten Zusammentreffen kein bisschen überraschen konnte, dass Rotten/Lydon exakt dieselben Sachen sagte, die Xao ihm Jahre zuvor in den Mund gelegt hatte.

Launige Anekdoten wie diese machen aber nur einen Teil der Künstlerpersönlichkeit Xao Seffcheque aus: 1956 als Alexander Sevchek in Graz geboren, widmet dieser schon früh sein Leben dem Punk und der Performance, geht 1977 nach Düsseldorf, schreibt für Sounds, die Buchreihe Rock Session und Spex und ist schon bald eine essentielle Figur des deutschen Punk – nicht zuletzt durch eigene Platten wie „Deutschland nicht über alles“, „Happy New Wave“, Bands wie Die Post, Die Pest oder Der Rest, und die großartige Kollaboration mit Brigitte Bühler und Eva Gössling in der Band Blässe („Lieben Sie Saxofon?“). 1981 gründet Seffcheque mit Peter Hein Family 5, die ja kürzlich erst ein neues Album herausbrachten und höchst erfolgreich auf Tour waren. Außerdem ist Seffcheque ein erfolgreicher Drehbuchautor (guckt selber nach, was er macht), Theater- und Hörspielautor.

Die Musik, die Xao Seffcheque zwischen 1980 und ‚82 aufnahm, und die jetzt von bureau b als „A Selection of Electronic Beats“ kompiliert, remastert und restauriert wurde, ist auch heutzutage ein großer Spaß und eine Entdeckung für diejenigen, die ihn noch gar nicht kennen (oder vielleicht doch: guckt mal auf eure DAF-Platten, ob sie nicht von Seffcheque sind). Mit diebischer Freude an der Persiflage spielt Seffcheque Stücke à la Fehlfarben („Wir sind so müde“) oder DAF („Sample & Hold“), feiert und verarscht Punkrock und NDW gleichermaßen („Pogo á Gogo“) oder zerschreddert hingebungsvoll „Je T’aime“ („Eine Nacht in Deutschland“). Trotz aller Witzischkeit ist Xao Seffcheque aber auch ein Soundvisionär, der mit dem analogen elektronischen Instrumentarium der frühen Achtziger Horizonte eröffnete, die seinen bierdosenschwingenden Zeitgenossen leider verschlossen blieben. Er raspelt und häckselt die Beats, sampelt, loopt und glitcht, als es solche Begriffe noch gar nicht gibt, und bleibt dabei stets der lachende Vagabund. Sequenzer-Rock’n’Roll, Jazz-Pogo und Elektro-Scat – wie Suicide in gutgelaunt.

Sehr geil auch der Gastauftritt der aus Texas stammenden Wahlrheinländerin Julie Jigsaw (Ja Ja Ja – checkt mal „Katz Rap“) auf „Julie’s in Germany“ – ach, so viele Songs, so viele Stories: „Ja, nein, vielleicht kommt sehr gut“ ist eine längst fällige Würdigung des großen Seffcheque; und falls eure nächste Geburtstagsparty in Langeweile zu versinken droht, legt einfach „Kassa Bubu“ auf.

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