Freitag, 22.06.2018
Platte der Woche

Superchunk “What a time to be alive”

superchunkSuperchunk
“What a time to be alive”
(Merge)

Am 3. September 2001 waren die längsten und wahrscheinlich trübsinnigsten Sommerferien meines Lebens zu Ende, und ich begann eine Ausbildung, die fünf Jahre dauern sollte. Ein paar Tage danach flogen die Flugzeuge ins World Trade Center, der Herbst kam, der Winter folgte, und meine Tage waren so unerdenklich finster, dass mir jede Vorstellung einer Zukunft wie ein schlechter Witz von einem Dummkopf vorkam. Fünf Jahre? Ohne mich. Vielleicht ohne alle, aber bestimmt ohne mich. Die Apokalypse war nah. Das Ende unserer Zeit. Meine Eltern, meine neuen Kollegen und die Leute auf der Straße in ihrer unendlichen Verblendung und Abgestumpftheit merkten bloß nichts davon. Dann kam der Frühling, und mit einer Superchunk-Kassette im Walkman radelte ich, so oft es ging, hinaus auf die Felder, um mich im Abendsonnenschein zu betrinken. Die Kassette hatte ich überspielt bekommen, von jemandem, mit dem ich nur postalisch in Kontakt stand. Darauf waren drei Superchunk-Veröffentlichungen der mittleren 90er. Ein bekritzelter Zettel führte die genauen Titel und den Vermerk, dass sich daran gut der Werdegang vom melodischen Punkrock zum Gitarrenpop nachvollziehen ließe, und auch, dass es von der Band noch mehr gäbe. Für mich handelte es sich dabei um Qualitätsinformationen, die mir trotz allem nützlich erschienen. Davon abgesehen erreichte ich ein Höchstmaß an Zufriedenheit, wenn ich betrunken war und die Schmerzen der seit drei Jahren auf mir wuchernden, mich bestimmenden Akne vulgaris seltsam nachließen. Von den Knien abwärts ging es, alles darüber sah schlimm aus. Zeitweise war mein Gesicht halbwegs in Ordnung, wenn alles ausgedrückt war, nichts blutete, nachsaftete und die Krusten nicht allzu schlimm weghingen oder abbröselten. Weh tat trotzdem alles. Unter der Haut brodelte es unentwegt. Pochend heiße, ziehende Herde belebten meinen Schädel. Die Kopfhaut war eine Katastrophe. Erfreulicherweise hatte ich Haare. Der große Schreck lag aber unterm T-Shirt verborgen. Das durfte ich niemals ausziehen, außer allein im Bad. Da lag ich dann und wichste. Ich wichste auch in meinem Zimmer oder draußen auf dem Feld, und sah mir fasziniert an, wie deutlich sich die Herde am aufrichtenden und schließlich vollerigierten Glied abbildeten. Wie kleinere Pickel aufplatzen. Wie es eiterte, blutete und bald schon der liebliche Schmodder über alles drüber lief. Wen wollte ich damit beeindrucken?
Ich erinnere mich nicht, wie es zu dem Telefonat kam. Aber wahr ist doch, dass ich eines Tages ein Mädchen am Apparat hatte, das mit mir ins Schwimmbad wollte.
»Ich kann nicht schwimmen.«
»Wirklich nicht?«
»Vielleicht.«
»Hm.«
»Ich finde Parkplätze cool.«
»Aha.«
»Wir können zusammen auf einem rumhängen.«
»Wie wäre es mit einem Kompromiss?«
»Was denn für einen?«
»Wir könnten ein Eis essen gehen«
»Hm, na gut.«
Das war’s. Ich hatte eine Verabredung. Ich hatte noch nie eine Verabredung gehabt. Und eigentlich wollte ich auch gar keine, weil wo sollte das hinführen? Ich war ein Aussätziger. Man sah es vielleicht nicht gleich. Aber man sollte es auch nicht sehen. Niemand sollte das sehen müssen.
Die Verabredung war an einem Samstag um 16 Uhr. Am Vormittag war ich mit dem Zug nach Augsburg gefahren. Jetzt war ich wieder zurück in Aichach. Bei mir trug ich eine Plastiktüte mit einer Schallplatte drin. Im Plattenladen gab’s eine von Superchunk, von ’92. Folglich ein Punk-Album. Ideal.
In der Eisdiele zeigte ich Michaela die Platte.
»Guck, gelb.«
»Ne Schallplatte?« Die Farbe beeindruckte sie überhaupt nicht. »Willkommen im 21. Jahrhundert!«
»Schallplatten sind billiger als CDs«, sagte ich, weil es stimmte.
Dann spazierten wir ein bisschen durch die Straßen. Michaela schob ihr Fahrrad, ich trug meine Plattentasche. Bis wir am Haus ihrer Eltern ankamen. Da beugte sie sich plötzlich runter, um es abzusperren, und zeigte mir dabei ein bisschen String. Ich fragte mich, ob es Absicht war. Ich fühlte keine Erotik. Gar keine. Wie war das möglich? Im nächsten Moment waren wir im Haus, in ihrem Zimmer, da das CD-Regal, da ein Sofa mit so und so vielen Kissen, dies das. Ich schaute mich um. Ich wusste nur, dass ich bald gehen musste. Michaela wusste es noch nicht. Darum sagte ich es ihr.

Zwei Jahre später hatte ich die Ausbildung abgebrochen und war von Aichach nach Augsburg gezogen. Die Pickel hatte ich immer noch. Wegen eines Attests ging ich zum Arzt. Ich wollte blau machen, nichts weiter. Doch der Arzt bat mich, mich obenrum freizumachen. Damit hatte ich nicht gerechnet, und so war er der Erste, der es zu sehen bekam. »Um Himmels Willen!«, rief er, und schrieb ganz aus dem Häuschen etliche Salben und Spezialtinkturen auf, die ich mir sofort bei der Apotheke abholen sollte. »Wenn Sie nicht überall hinkommen, lassen Sie sich helfen … von Ihrer Freundin … oder ich meine, vielleicht von Ihrem Vater?«
Ich legte die Rezepte zu Hause irgendwo hin. Ich war völlig desillusioniert. Ich glaubte nicht mehr daran, dass irgendetwas oder irgendjemand in der Lage wäre, mir meine Last oder gar meine Jungfräulichkeit zu nehmen. Also unternahm ich nichts und verbrachte möglichst viel Zeit im Bett. Mit Abwarten. Sonst fiel mir auch einfach nichts ein.
Wie es dann und wann kam, landete ich doch auf einer Party. Keiner irgendwie coolen, sogar einer in Aichach. Und da traf ich Michaela wieder, und wir verstanden uns ganz gut. Ich ließ mir ihre E-Mail-Adresse notieren und so schrieben wir uns. Ich ihr von meinen beschwingten Wegen zwischen Videothek und WG-Zimmer, sie mir vom Mathelernen. Die Korrespondenz gefiel mir. Ich erinnerte mich inzwischen sogar manchmal an den String, mit warmen Gefühlen. Doch dann kamen die Prüfungen, und danach erreichte mich von ihr nie wieder eine Nachricht. Zwei, drei meiner drögen Berichte schickte ich noch ab. Offensichtlich bestand kein Bedarf mehr daran.

Noch einmal fünfzehn Jahre später veröffentlichen Superchunk ihr elftes Album. Im Februar 2018, um genau zu sein. Deswegen lagen meine Frau und ich in etwa um diese Zeit auf dem Hochflorteppich vor der Anlage und hörten es uns gemeinsam an, wie wir uns ungefähr einmal pro Monat ein Album gemeinsam anhörten. Aus heiterem Himmel erinnerte ich mich der zwischenzeitlich vergessenen Romanze und erzähle ihr davon.
»Tolle Geschichte«, sagte sie. »Jetzt muss ich aber weiterlernen. Nächsten Monat schreibe ich, wie du weißt, Algebra und Analysis.«
Das Superchunk-Album ist tadellos, die Band musiziert so schön wie eh und je. An der Zweisamkeit meiner Frau und mir gibt es ebenfalls nichts zu bemängeln. Ihre Matheprüfungen machen mir keine Angst. Die Welt geht wahrscheinlich trotzdem bald unter.

Text: Roland van Oystern

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