Sonntag, 28.05.2017
The Magnetic Fields "50 Song Memoir" – Justus Köhncke über das neue Album von Stephin Merritt

Pop-Musik, du geliebte Weltschnittstelle

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Justus Köhncke, Clara and Stephin Merritt (Photo: Christoph Voy)

“Age is just a number”, sagt man so. Oder auch “70 ist das neue 50”, “50 das neue 35”. Unsinn. Wird man 50, ist das wie jeder “runde” Geburtstag, eine konkrete Zahl. Nur “30” ist schlimmer.

Verkriechen ist nie eine Lösung. Besser: ein möglichst rauschendes Fest einberufen (so wie ich es im Dezember in eben dieser Lage gemacht habe). Oder man ist Stephin Merritt, seit den frühen 1990ern Jahren unter Liebhabern anziehender Popsongs durch seine mäandernde, konzeptuelle Bandprojektion The Magnetic Fields bestens bekannt, und verbindet diesen Geburtstag mit einer musikalischen Rückschau auf das eigene Leben und die Jahre 1966 bis 2015 in genau 50 durchnummerierten Liedern. Zweieinhalb Stunden privatistische Zeitreise mit einem zum autistisch-selbstbezogenen neigenden Musikweltstifter. Wie anmaßend! Wie toll!
Will man ihm folgen? Man kann! Auf diese Idee war ich dann doch, gleich alt wie ich bin, sofort neidisch.

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Stephin Merrit (Photo: Christoph Voy)

The Magnetic Fields beeindrucken, seit Stephin Merritt sie Anfang der 1990er im amerikalischen Boston erfunden hat (und später in New York fortführte), durch strengen Konzeptualismus, der durch ihre so seltenen wie superausgedachten Releases bedient wird, sowie durch den – scheinbar – “klein” klingenden Lo-Fi-Indie/Synthesizer-Sound.

Der große Wurf war 1999 “69 Love Songs”, eine minimalistisch-monumentale Sammlung von, genau, 69 Liebesliedern, deren Gestus von herzzerreißend bis parodistisch reicht, und deren Ausgestaltung von skizzenhaft bis chartfähig. Dirk von Lowtzow hält es für eines der größten Popalben aller Zeiten. Als elegant empfand ich damals – es war VOR “…und das ist auch gut so”, Ole van Beusts erpresstem Outing oder einem offen homosexuellen BRD-Außenminister – die ganz nonchalant in diesen teils erschütternd-schönen, teils brutal-lakonischen Liebesliedern eingeschriebene Homo-Position. Klar und präsent, aber auch nebensächlich. Weil es ja egal zu sein hat.
18 Jahre später ist es leider immer noch nicht egal, und es wimmelt von queeren Acts, die in erster Linie laut von ihren sexuellen Identitäten handeln und das einfache Liebeslied eher meiden. Was leider auch gut so ist.

Ich treffe Merritt im Februar 2017 beim Berliner Promotermin zu “50 Song Memoir”, dem neuen Ego-Konvolut. Erinnerungen werden wach an 1999, als mich spex für “69 Love Songs” auch auf einen Termin mit ihm schickte – bei dem er Zahnweh hatte und daher kaum ein Gespräch zustande kam. Ich drückte ihm, begeistert von seiner Platte, nur stolz ein Exemplar meiner frischen “Spiralen Der Erinnerung” zum Abschied in die Hand. Er war ein Häufchen Elend und sah wirklich bemitleidenswert aus.
18 Jahre später ist er ein kleiner, rundlicher, sehr hübscher bärtiger Kerl, um nicht zu sagen “Bär”, in unaufdringlich goldener Kleidung. Manche verblühen eben früh, andere verstehen es, schön zu altern. Musikalisch lebt Meritt nach wie vor in seiner ganz eigenen Welt, die aus Mandolinen, Banjos, Ukulelen, antiken Rhythmusmaschinen, Modularsynthesizern und Erinnerungen besteht.

Bei unserem Plausch mache ich ihm erstmal das Kompliment, er sei ja der König der “kleinen Drummachine”, also diesem pluckernden, billig klingenden japanischen Schaltkreis, in die Welt geworfen in den 1970er Jahren, der Machismen-Hassern wie uns als Taktgeber zumeist lieber ist als ein oberkörperfreies Tier von Drummer, das unpassendes Testosteron unter einen feinen, kleinen Song holzt – den sexy Drummer nehmen wir gerne mit, aber das Liebesspiel wird dann bitte von einem Roland CR-78-Bossa Nova-Preset begleitet.

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Clara and Stephin Merritt (Photo: Christoph Voy)

Merritt entpuppt sich wie erwartet als Rhythmusmaschinengourmet. Er plant eine große Tour mit zehn Musikern sowie seinem riesigen Zoo antiker Hardware, darunter eben auch die Drummie-Kollektion, und berichtet, er hätte eine Versicherung gefragt und dafür eine Liste der Geräte aufgestellt. Ergebnis: die Drummie-Sammlung ist ungefähr so leicht zu versichen wie die Mona Lisa. Mandolinen und Ukulelen würden aber gut ins Handgepäck gehen, scherzt der Musikalien-Hoarder.
Der spezifische Magnetic-Fields-Sound ergibt sich aus der organischen Verbindung seiner Vorliebe für diese akustischen, quasimittelalterlichen, lautenhaften Instrumente mit analogen Synthesizern und Rhythmusmaschinen. Elektrische Gitarren, erst recht verzerrte oder Soli auf solchen, spielen unmachistischerweise gar keine Rolle.
“50 Song Memoir” verdichtet dieses jahrzehntelang erforschte queere Musikkonzept auf ein neues. “Lo-Fi” oder “Indie-Pop”, wo Merritt allgemein eingeornet wird, ist das NICHT.
Nicht “Lo-Fi”, weil hier mit größter Sorgfalt mikrofoniert, kombiniert, amalgamiert wird, was eigentlich nicht zusammen geht. Das ist High Fidelity und sehr liebevoll soundistisch. Mit Stephin noch über Mikrofone, Kompressoren oder Pulte fachzusimpeln, habe ich mir dann trotzdem verkniffen (geht sicher tagelang mit ihm).
Nicht “Indie-Pop”, weil Merritts musikalischer Kosmos – trotz seiner autistischen Ader – so viel weiter reicht als der irgendwelcher sympathischen Schrammelbands. Americana, Vaudeville, Musical, Folk, Postpunk, Nursery Rhymes, Eurodisco, 80s-Synthpop… Wenn die Oszillatoren mutwillig verstimmt und die Gesangsmelodien mutwillig schlicht und naiv werden, lässt mich das auch manchmal an die wunderbar insularen US-Popkultur-Dekonstruktionen der Residents um 1980 denken.

Magnetic-CoverBeim Abgleich unserer fast synchronen Prägungsjahre geht mir bei “1983: Foxx And I” das Herz auf: Er referiert auf JOHN FOXX, den Ex-Ultravox-Sänger, der 1980 sein vollsynthetisches Soloalbum “Metamatic” herausbrachte. Es gab ja auch Gary Numan, mit Charterfolg – aber der hatte einen Schlagzeuger. Pah! Foxx machte die Beats auf dem Korg MS20. Weil er doch ein recht prätentiöser Dünnbrettboher war, ging das nicht wirklich in den Postpunk-/Synthpop-Kanon ein. “Metamatic” aber war groß, ich liebte es 1980 so wie Stephin. Gareth Jones, der kurz darauf Produzent und Engineer für Depeche Mode wurde, sagt, er habe bei “Metamatic” in Sachen Elektronik alles gelernt. Wir mussten die affige Neonlicht-Pose des Covers sofort nachstellen.

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Justus Köhncke and Stephin Merritt (Photo: Christoph Voy)

 

 

Merritts Rückschau ist gleichermaßen (fast) schmerzhaft offenes Tagebuch (dieses Jahr verliebt, jenes Jahr vorbei, dieses Jahr zerstört, jenes Jahr jubilant et cetera) und popkulturell/politisches Geschichtsbuch. Man ist ein schwules Kleinkind (“1969 Judy Garland”), irgendwann gibt es Disco (“1976 Hustle 76”), Synthpop wird erfunden und sofort nachgemacht (“1981 How To Play The Synthesizer”, ganz besonders schönes Lied), dann ercruist man die New Yorker Clubszene (“1984 Danceteria”). “1970 They’re Killing Children Over There”, wunderhübsche Psychedelic-Miniatur, handelt von Vietnam, und Grace Slick sei älter als er, singt Merritt. Autobiographisch? Nun, mit vier Jahren bekommt man schon Dinge mit: Ich kann mich daran erinnern, in diesem Alter für die Mondlandung im Fernseher gesehen zu haben, wofür ich ausnahmsweise ganz lang aufbleiben durfte.

Muss man denn genau 50 sein, um an diese Platte anzudocken? Sicher nicht, dafür ist diese Musik zu reich. Aber mich rühren die Anknüpfungspunkte in der Synchronizität der Jahre schon sehr: auch als in Mittelhessen, nicht Boston oder New York sozialisierter Altersgenosse finden sich da bis aufs Jahr genaue Blitzmomente. Oh, Pop-Musik, du geliebte Weltschnittstelle. 1990 träumte auch ich von den Klötzchen des einzigen Computerspiels, nach dem ich einmal süchtig war (“1990 Dreaming In Tetris”), 1992 bekam man dann “Weird Diseases” – und “2002 Be True To Your Bar”: Merritt schreibt gerne Songs in der Öffentlichkeit eines Cafés oder einer Bar, ich bin dabei, 2002 schrieb ich “Was Ist Musik” in einer Eisdiele.

In Wirklichkeit, verrät mit Merritt zum Schluss, sei er bereits 52: Die Idee zu dem Konzept hatte er, als er gerade 50 geworden war, und dann hat er zwei Jahre an diesem Opus Magnum gearbeitet. Das hört man. Gut und Hi-Fi.

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