Mittwoch, 22.11.2017
Record of the Week

V.A. “The Ladies of too Slow to Disco”

Cover_TooslowV.A. 
“The Ladies of too Slow to Disco”
(CitySlang)

Zugegeben, ich musste ganz schön schlucken, als vor zwei Jahren die erste “Too Slow to Disco”-Compilation ‘rauskam: Rupert Holmes, Chicago, Doobie Brothers – Westcoast-Sound, Softrock, California Dreaming, das war die weichgespülte, bärtige Satinanzug-Seite der 1970er Jahre, die Musik meiner Eltern… beziehungsweise: noch nicht mal meiner Eltern, die standen eher auf die Stones. Andererseits: Worauf bezogen sich denn die Chillwave-Hipster wie Toro Y Moi, Ariel Pink und nicht zuletzt auch Phoenix? Richtig, auf den softglänzenden Yachtrock der Mittsiebziger – also doch mal vorsichtig reinhören? Und was soll ich sagen? Compilator Marcus Liesenfeld alias DJ Supermarkt und Ex-Betreiber von Bungalow Records hatte natürlich recht. „Musical pleasures should always be unabashed“ schrieb er weise ins Booklet für die Lästermäuler, die mit der Eagles- (und teilweise Fleetwood-Mac-) Keule ausholen wollen, um mit dem – unbestreitbaren – Supergroup-Megalomanismus zarte Gegenargumente plattzuhauen.

Der Softrock der Siebziger war aber vor allem die Hochzeit der Studiomusiker, lauter unbekannte, oft tragisch gescheiterte Supertalente bastelten hinter verschlossenen Türen, bis die Bärte bis ans Knie reichten und der Popsong aus Funk-, Soul- und Jazzversatzstücken, der zu langsam für Disco und zu soft für Rock war, endlich ans Tageslicht resp. ins Radio durfte. Oft wurden Hits daraus: „Do you feel it?“, „Saturday in the Park“… kein Wunder, dass Herr Liesenfeld schon bald ein „Volume 2“ hinterherschieben konnte mit noch tolleren, obskureren Songs von noch heftiger verkrachten Existenzen.

Und jetzt sogar, ta-daaa: „The Ladies of Too Slow to Disco“ – ein Album, auf das ich mich sehr, sehr, sehr gefreut habe, denn TSTD 1 & 2 offenbarten schonungslos, dass die Mittsiebziger eine Männerwelt waren, in der Frauen entweder im Chor singen oder sich dekorativ auf der polierten Motorhaube eines Chevrolet räkeln durften. Okay, ich übertreibe – aber nur ein bisschen, denn viele der TSTD-Ladies agierten weitgehend unbemerkt, auch wenn ihre Songs mindestens genauso gut waren wie die der männlichen Softpopper, oft sogar viel besser wegen tieferer Emotionalität und größerem stilistischen Wagemut. Cratedigger Liesenfeld hat neunzehn Songs ausgegraben, die exemplarisch für die große Zeit von Songschreiberinnen stehen, die gleichzeitig begnadete Sängerinnen und Instrumentalistinnen waren (bzw. sind). Neben in Vergessenheit geratenen Künstlerinnen wie Laura Allan oder Jaye P Morgan sind auch große Namen vertreten: Carly Simon! Rickie Lee Jones! Carole King! Das Tolle an den TSTD-Samplern sind neben der Musik die ausführlichen Infos zu den Künstlerinnen: Dass Hits wie „Arthur’s Theme“ oder „That’s what friends are for“ von Carole Bayer Sager geschrieben wurden, die mit Burt Bacharach verheiratet war und Michael Jackson, die Doobie Brothers, Liza Minnelli und Frank Sinatra mit Kompositionen versorgte, ist schon eine ziemlich große Story. Lauren Wood (meine Favoritin) ist die Freakigste der Compilation: Wood sang zunächst auf Alben von Frank Zappa, gründete später mit ihren Cousins eine Band und nahm – selbstredend – erfolglose Platten auf, bis sie in den 1980er Jahren auf Filmmusik umsattelte und u.a. den „Pretty Woman“-Soundtrack bestückte.

Toll auch die Geschichte von Lyn Christopher, deren Nachbarn Gene Simmons und Paul Stanley hießen (in der Prä-Kiss-Zeit) und ihre Background-Sänger waren, Peter Criss steuerte immerhin Handclaps zu ein paar Songs bei… schon allein für diese Stories liebe ich diese Compilations, aber auch ohne Booklet hat man eine gute, glänzende, glamouröse Zeit mit „The Ladies of Too Slow to Disco“: Songs wie „Shine Like You Should“ von Melissa Manchester oder „Baby I don’t want your Love“ von Teri de Sario sind voll feministischer Power, Soul, und ach – hört doch selber, but be sure to wear your dancing shoes.
Christina Mohr

Vielleicht wurde Yachtrock von Matthias Strzoda und Detlev Diederichsen erfunden, die in den 90er Jahren in Hamburg das Balladeers & Troubadours-DJ-Teams ins Leben riefen (und in der Folgezeit auch zahlreiche Kölner Kneipen-DJs inspirierten). Dabei muss eingeräumt werden, dass Diederichsen und Strozda im Vergleich zur Too-Slow-To-Disco-Reihe eine weiter gefasste Idee von Yachtrock praktizierten, die besser in Einklang gebracht werden kann mit dem Begriff Westcoast. Die knarzige Tropikalismusadaption eines Hirth Martinez etwa spielte im Rahmen dieses Ansatzes eine größere Rolle als der häufig entschieden slicke Sound, den wir von den Too-Slow-To-Disco-Compilations kennen. Tatsächlich schließen diese beiden Entwürfe sich nicht aus. Gerade durch die musikalische Engführung von Westcoast und Yachtrock entsteht ein einladend großer Spielraum, in dem sich Grateful Dead und Michael McDonald begegnen können.

Auf der vorliegenden, ausschließlich auf Frauen ausgerichteten dritten Folge von Too Slow To Disco dominiert zwar auch wieder die reibungslose, stromlinienförmige Variante des Genres, aber mit Rickie Lee Jones Klassiker „Chuck E’s In Love“ liegt zumindest ein Stück vor, das eine rootsigere Qualität aufweist.
Ansonsten besteht ein subtiles Spannungsverhältnis höchstens darin, dass rhythmusfixierte, funkige Passagen in der Schwebe gehalten werden bis sie dann doch aufgelöst werden in zuckrige Harmonien. Das glitzernde Oberflächendesign der Musik verleiht vielen der hier vertretenen Songs eine ambientartige Wirkungsweise. Verschleiert wird so bewusst, dass die Songs oft zu einer Doppelbödigkeit tendieren, die Komplexität in Leichtigkeit übersetzt. Die Musik vermittelt eine reizvolle Dekadenz, indem sie an ultimative Faulheit appelliert. Yachtrock verlangt einem nichts ab, wahrt Distanz statt sich aufzudrängen. In dieser Hinsicht entspricht Yachtrock / Westcoast etwas kitschig formuliert tatsächlich einer Musik gewordenen leichten Brise, die am Ende eines überhitzten Sommertages für lang ersehnte Abkühlung und Erholung sorgt. Der unglaublich samtig groovende Klassiker „Midnight At The Oasis“ von Maria Muldaur bringt dieses Gefühl mit wunderbarer Eleganz auf den Punkt.

DJ Supermarkt hat hier wieder tolle Songs ausgegraben, die zwischen Virtuosität und Glamour perfekt ausbalanciert sind. Eine große Stärke des Songwritings, das viele der Songs auszeichnet, liegt darin, dass sie es schaffen, druckvoll zu sein, ohne auf den Smoothness-Faktor zu verzichten, der Yachtrock typischerweise definiert. Ein Höhepunkt in dieser Hinsicht ist Carly Simons „Tranquilo“, das sich immer weiter zu steigern scheint.

Natürlich ist Yachtrock oft mit einem hochprozentigen Gniedelfaktor assoziiert, den zu goutieren einem früher kaum eingefallen wäre. Das musikalische Können, das der Musik zugrunde liegt, klingt like Punk never happened. Die Bereitschaft, diese Musik jetzt gut zu finden, verdankt sich neben der offensichtlichen Nostalgie für vermeintlich unschuldigere Zeiten der Tendenz, abgeurteilte Genres neu bewerten zu wollen, um sie sich aus der gegenwärtigen Perspektive anzueignen. Die Leute, die heute auf dem Flohmarkt nach Westcoast- und Yachtrockplatten suchen, laden die Musik mit einer umcodierten Bedeutung auf, die sie zu ihrer Zeit nicht hatte. Yachtrock wird uneigentlich rezipiert, was jedoch nicht mit ironischem Augenzwinkern zu verwechseln ist. Eher geht Uneigentlichkeit mit einer neu konstruierten Coolness einher, die Yachtrock ursprünglich verwehrt blieb. Und das ist völlig ok. Wir segeln weiter, ahoi, ahoi.
Mario Lasar

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