Donnerstag, 18.01.2018
Bekenne Dich! - Befreiung oder Zwang?

Zwischen Wizard of Oz und Darkroom – Das “Coming Out” wurde nicht an einem Tag erbaut

Coming out war auch noch 2017 nichts Überflüssiges – Löwen, Vogelscheuchen und Blechfrauen wollen erst in die Welt gerufen werden. Von JASPER NICOLAISEN

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Verschwinden durch Wünschen
Coming-Out, das habe doch etwas “Verchristetes”, las ich am 11. Oktober bei einem Freund auf Facebook. Der 11. Oktober ist der internationale „Coming-Out-Day“, und besagter Freund wehrte sich gegen das Ritualisierte dieses Schritts, bei dem man sich seiner Ansicht nach von der Last eines als falsch gebrandmarkten Lebens öffentlich befreien solle, um fürderhin rein und eindeutig kenntlich durchs Leben zu gehen. Besser sei es, fand er, das Bekennen überflüssig zu machen und an einer Welt zu arbeiten, in der Begehren als umfassende Identität einfach uninteressant sei.
Ich fand diese Äußerung sofort falsch, auch wenn ich den Freund sonst sehr schätze, und mit seinem Ziel übrigens vollkommen übereinstimme. Es sollte in der Tat außerhalb von Flirtsituationen und sexuellem Beisammensein unerheblich sein, auf wem man steht, und eine Welt, in der der Begriff einer „sexuellen Identität“ unsinnig bis lächerlich erscheint, kommt mir sehr wünschenswert vor.
Trotzdem musste ich gleich an den versuch der Piratenpartei vor einigen Jahren denken, ihre Gremienarbeit „post gender“ zu organisieren, also geschlechtsblind. Rednerlisten oder Frauenquoten lehnte man ab, da sie den Geschlechtsunterschied erst zementieren würden. Dieses Vorgehen scheint mir aber das Ziel als bereits erreicht hinzustellen, wo doch die Welt noch keineswegs geschlechtsblind organisiert ist, sondern vielmehr fest in der Hand des Patriarchats befindlich. Vom bloßen Wünschen verschwinden weder handfeste Gehaltsunterschiede zwischen Männern und Frauen, noch das System der Angst und des Schweigens, das es Filmproduzenten ermöglicht, Schauspielerinnen systematisch zu missbrauchen. Quoten und RednerInnenlisten mögen schwerfällige Instrumente sein; so lange wir aber keine besseren haben, werden wir um sie nicht herumkommen.

Pornofantasien und Pausenhof
Vielleicht rührte meine Ablehnung auch daher, dass ich erst kurz zuvor den Vortrag einer Wissenschaftlerin gehört hatte, die im Rahmen einer Studie Jugendliche und junge Erwachsene dazu interviewt hatte, was ihnen die Erkenntnis, nicht-heterosexuell zu sein und auch dem gemäß zu leben, so schwer gemacht habe. Eine bestürzend hohe Prozentzahl der Befragten nannte zwei Faktoren immer wieder ganz zu erst: sie würden im echten, alltäglichen Leben niemanden kennen, der „so sei“, und ihnen fehlten die Begrifflichkeiten, nach denen sie, zum Beispiel im Internet, suchen könnten. Dies, wohlgemerkt, in deutschen Großstädten 2017. Vielleicht ist es doch keine gute Idee, wenn „schwul“ nur als völlig inhaltsleeres Schimpfwort auf dem Pausenhof präsent ist.
Ohne Vorbilder geht es nicht, das scheint leider heute immer noch zu gelten. Und zwar reale, lebbare Vorbilder, nicht irgendwelche Mediengestalten oder Pornofantasien. Coming Out, das öffentliche Bekenntnis zum abweichenden Begehren, scheint mir weniger als individueller Akt der Befreiung notwendig – obwohl das für viele Menschen sicher ein wichtiger Faktor ist –, sondern als Hineinwirken in die Welt. Wer sagt: Ich bin so, so ist mein Leben, ich finde geil, wofür man sich schämen soll, und ich lebe trotzdem noch, und zwar mit all dieser Schönheit, der schlägt aus dem trägen, grauen Gestein der so oft tödlichen Normalität einen Raum, wo man sich treffen und Gestalt annehmen kann.

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Zeichnung: Jasper Nicolaisen

Lieber mit Männern
Meine erste Begegnung mit anderem Begehren fand, da ich ein belesenes Kind aus gutem Haus war, durch das geschriebene Wort und die bildende Abbildung statt. Dass die griechischen Götter sich reihenweise in „Knaben“ verliebten, fand ich, Knabe, merkwürdig und aufregend, aber nicht so schwer vorstellbar. Die Marmor-Muskel-Fantasy-Helden auf den Fotos hatten was. Die Göttinnen mit dem reizenden Ausschnitt allerdings auch. Weniger schön war, dass laut Zeitung ein Politiker sich umgebracht hatte, weil er wohl „homosexuell“ war. Als ich fragte, was denn das sei, erklärten mir die Eltern gewunden, da sei eben, wenn man lieber mit Männern zusammen sei. Das, wusste ich, konnte ich nicht sein, denn ich hatte Mädchen sehr gern, und hätte auch nichts dagegen gehabt, selbst eins zu sein, hatten sie doch immer die besseren Klamotten.
Das Wissen flog mir, wie allen Kindern, zu, und also wusste ich irgendwann, was „homosexuell“ oder „schwul“ bedeutet. Es war ein Synonym für lächerlich, einsam, traurig, bestenfalls lustig, bestenfalls nicht ganz ernst zu nehmen, und für Arschficken. Ich hatte zu diesem Zeitpunkt bereits eine Freundin und es waren andere Mädchen da gewesen, und so fragte mich keiner und ich musste keinem was sagen. Tatsächlich hatte ich auch keinerlei Bekenntnisdrang, denn ich fühlte mich mit meiner Freundin sehr wohl und es war alles sehr aufregend. Wie auch die Kinder der Zukunft kannte ich keinen und keine im echten Leben, der so war, wie ich gerne gewesen wäre, hätte ich nur ein paar passende Worte gehabt. Ich hätte mich nicht entscheiden wollen zwischen meiner glühenden Freundin und so einem antiken Fantasyhengst oder auch einem schönen Lehrer, von denen es aber leider viel zu wenige gab. Manche nennen das missgünstig „bisexual privilege“, der vermeintliche Vorteil, als hetero gelten zu dürfen. Wer sich „nicht entscheiden“ kann, der darf auch nicht mitspielen, weil er oder sie angeblich auch nicht mitgekämpft habe – wie dumm. Von Leuten, die schon überall waren, lasse ich mir jedenfalls lieber etwas vom Zauber fremder Welten erzählen, was mir meine Kämpfe allemal leichter macht, als die Verzweiflung darüber, dass es manchmal scheint, als könne nichts anders sein.

Darkroom und Katzenmutti
Wenn ich heute sage, dass ich bisexuell bin, ist das das Ergebnis einer langen Suche – Kampf wäre jetzt wirklich zu viel gesagt. Dieser Eintrag im Buch der zugelassenen Identitäten ärgert zwar wirklich alle (Du weißt es nur nicht genau! Du willst dich nur wichtig machen! Das geht vorbei! Wie kannst du sagen, dass es nur zwei Geschlechter gibt?), aber er hat den Vorteil, dass man neben dem Offensichtlichen alles andere an Liebeswünschen so lange mit sich rumtragen kann, bis es passt. Nicht wenige Leute, die das handhaben wie ich, nennen sich heute lieber „pansexuell“ oder „queer“. Soll sein. Mit dem bösen „bi“ habe ich aber noch jedem, der mich interessiert hat, klar gemacht, was alles geht – auch völlig unschwulen Leuten.
Denn das ist erlaubt: dass man sich seine Orientierung einfach ganz strategisch aussucht, danach, dass die richtigen Leute, die schönen, die süßen, die klugen, die allerküssenswertesten damit zu einem gelockt werden.
Wo ich nämlich mit dem eingangs zitierten Freund einer Meinung bin: Sexuelle Orientierung sollte keine Schublade sein, in die das ganze Leben passt. Wer sich outet, outet sich mit dem So-Sein eben nicht zugleich als ABBA-Fan, Darkroombesucher, Katzenmutti, Kurzhaarträgerin oder Herrenwäscheträger, obwohl all dies für dich, für dich oder für dich das allerschönste auf der Welt sein kann. Es heißt nur: Ich bin so, und alle, die mich angehen, dürfen jetzt kommen, und ich bin nicht allein und ihr auch nicht.

Die Herbeigewehten
Ich bin nicht so vermessen zu glauben, dass heute irgendein Knabe oder Mädchen dort draußen das gute Druckwerk zur Hand nimmt, und sich denkt, ach ja, so bisexuell wie der will ich sein, danke, unbekannter Autor. Darum geht es nicht. Nur der Raum dessen, was vorstellbar, sagbar und lebbar ist, der soll ein paar Milimeterchen größer werden. Übrigens auch, indem die junge Leserin sich jetzt sagt: Göttin, dann lieber lesbisch.
In der Mutter aller schwulen Glitzerfilme, dem „Zauberer von Oz“ wird bonbonbunt geträllert: Come out, come out, wherever you are / and meet the young lady who fell from a star.“ Dass alle, die wie dereinst der große bisexuelle Zauberer David Bowie im Film, zur Erde fallen, von vielen anderen Herbeigewehten und Mäusestimmigen begrüßt werden, die ihnen goldene Straßen weisen, dafür ist das Coming Out auch heute noch wichtig. Und dass Kansas oder wie die öden Landschaften und Mittelstädte, aus denen wir kommen, auch immer heißen mögen, uns plötzlich schimmern wie der schönste Stern. Wenn plötzlich Löwen, Holzfäller und Blechfrauen am Bett stehen, die wir vorher nur einfach übersehen haben.
Wann man rauskommt, bleibt jeder und jedem selbst überlassen, immer wieder. Manchmal muss man nur noch eine Weile darüber nachdenken, wie ich seit jenem Facebook-Eintrag. Happy Coming-Out-Day, jeden Tag.

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